Polizistenmord "Phantom von Heilbronn" existiert möglicherweise gar nicht

Das von der Polizei fieberhaft gesuchte "Phantom von Heilbronn", eine unbekannte Täterin, der mehrere Morde angelastet werden, hat es möglicherweise nie gegeben. Das LKA in Stuttgart untersucht, ob Wattestäbchen, mit denen Spuren gesichert wurden, schon vorher mit DNA verunreinigt waren.


Hamburg/Stuttgart - Ist die im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord und rund 40 weiteren Straftaten gesuchte "unbekannte weibliche Person", wie sie die Ermittler intern nennen, etwa ein Hirngespinst?

Die von der Polizei fieberhaft gesuchte "Frau ohne Gesicht", der mehrere Morde angelastet werden, hat es möglicherweise nie gegeben. Das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart untersucht nach Angaben der Staatsanwaltschaft Heilbronn vom Mittwoch, ob Wattestäbchen, mit denen Spuren an Tatorten gesichert wurden, schon vorher mit DNA verunreinigt waren.

Dies hatte zuvor "stern.de" berichtet. So sollen dem Bericht zufolge Spuren an mindestens 40 verschiedenen Tatorten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und in Österreich irrtümlich dem "Phantom" zugeordnet worden sein.

Wie die Staatsanwaltschaft mitteilen ließ, prüft das LKA seit April 2008 intensiv die Möglichkeit einer Fremdverunreinigung. Im Kriminaltechnischen Institut des LKA in Stuttgart seien in diesem Zeitraum bereits mehrere hundert unbenutzte Wattestäbchen als sogenannte Leerproben untersucht worden. "Diese Untersuchungen verliefen ohne Ergebnis und ergaben keinen Hinweis auf Fremdkontaminationen", heißt es in der Erklärung. Der Hypothese wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Heilbronn seit Februar verstärkt nachgegangen.

"Es konnte eigentlich nicht sein"

An der Existenz der Täterin gibt es auch nach Angaben der Saarbrücker Staatsanwaltschaft "begründete Zweifel". Die Justizbehörde teilte am Mittwochabend ebenfalls mit, es bestehe der Verdacht, dass die DNA-Spur bereits auf den Wattestäbchen gewesen sei, die von der Polizei zur Spurensicherung verwendet werden.

Die Zweifel kamen bei der Abklärung der Identität einer verbrannten Leiche auf. Geprüft werden sollte, ob es sich um einen im Jahr 2002 verschwundenen Asylbewerber handelt. Die Untersuchung des Fingerabdrucks ergab am 19. März eine Übereinstimmung mit der DNA der Phantomtäterin, "was eigentlich nicht sein konnte", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ernst Meiners.

Bei einer erneuten Untersuchung fand sich die DNA nicht mehr. Dies steht seit Donnerstag vergangener Woche fest. Daraufhin kam der Verdacht auf, dass das Untersuchungsmaterial der Ermittler bereits mit DNA in Berührung gekommen sein muss. Dies könne theoretisch schon beim Pflücken der Baumwolle geschehen, sagte Meiners. Die Herstellung der Wattestäbchen wird nun überprüft. Wie lange dies dauere, könne noch nicht gesagt werden.

Die "Frau ohne Gesicht", mittlerweile die meistgesuchte Verbrecherin Deutschlands, wird mit sechs Morden und einem weiteren Todesfall in Verbindung gebracht. Die Polizei nimmt an, dass die als äußerst gefährlich geltende Verdächtige Ende April 2007 in Heilbronn die 22 Jahre alte Polizistin Michelle Kiesewetter kaltblütig erschossen hat. Für ihre Ergreifung ist mittlerweile eine Belohnung von 300.000 Euro ausgesetzt.

Letzte Spur: Cola-Dose in Saarbrücken

Die Polizei hat bei ihren Ermittlungen zum Polizistenmord bislang ihre Suche auf diese unbekannte Frau konzentriert, die von den Medien als "Phantom" bezeichnet wurde. Am Tatort war DNA von einer weiblichen Person sichergestellt worden. Diese DNA-Spuren tauchten auch an rund 40 anderen Orten von Straftaten im In- und Ausland auf, darunter viele Einbruchsdelikte, aber auch weitere Morde.

Nach dem Bericht von "stern.de" wird nun aber immer wahrscheinlicher, dass die bei der Spurensuche verwendeten Wattestäbchen schon vorher mit der DNA verunreinigt waren. Es soll sich dabei um das DNA-Profil einer Packerin eines Unternehmens für Medizinalbedarf handeln. Entsprechende Untersuchungen seien allerdings noch nicht vollständig abgeschlossen, berichtete das Online-Magazin unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Dem Bericht zufolge sind solche Wattestäbchen zwar sterilisiert. DNA-Verunreinigungen durch Körperzellen würden dadurch aber nicht beeinflusst, sagte Christian Ruef vom Universitätsspital Zürich zu "stern.de".

Erst jüngst hatte die Polizei den neuesten Fund der angeblichen "Phantom"-DNA vermeldet. Das genetische Material wurde im Zusammenhang mit einem bereits 2007 begangenen Einbruch in einer Schule in Saarbrücken nachgewiesen.

"Minimale Möglichkeit"

Zuletzt wurden Körperzellen nach einem Einbruch in einer Saarbrücker Schule an einer Cola-Dose gesichert. Nach Informationen von "stern.de" sollen Ermittler danach eine interne Untersuchung eingeleitet haben, ob möglicherweise doch Utensilien zur Spurensicherung schon vorher verunreinigt waren. Diese "minimale Möglichkeit" habe im vergangenen Jahr der Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann nicht ausschließen wollen.

Allerdings bleibt rätselhaft, ob die DNA-Spur von einer einzigen Frau an so vielen und weit auseinanderliegenden Tatorten über so viele Jahre stammen kann.

Ein erster Lösungsansatz für das angebliche Verunreinigungsproblem kommt vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK): Ein Sprecher schlug eine Art Gütesiegel vor, um die Möglichkeit von Falschanalysen wegen Verunreinigungen auszuschließen. "Die Hersteller sollten den Packungen DNA-Merkmale der beteiligten Mitarbeiter als Code beilegen", sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen den Stuttgarter Nachrichten, "damit könnte diese Spur gleich ausgeschlossen werden." Auch bei der Sicherung von Fingerspuren seien in der Vergangenheit Merkmale des sachbearbeitenden Polizisten vermerkt worden, um nicht versehentlich nach eigenen Leuten zu fahnden.

jjc/ffr/ddp/AFP/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.