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Polizistenmord von Heilbronn: Das unsichtbare Nazi-Trio

Von , Jena

Beate Z., Uwe B. und Uwe M. waren eine eingeschworene Clique, die sich der Neonazi-Szene von Jena anschloss. Als sie untertauchten, brachen sie den Kontakt mit ihren Familien komplett ab, die Männer überfielen mehrere Banken. Rekonstruktion dreier gescheiterter Leben im Untergrund.

Kriminalfall: Der Heilbronner Polizistenmord Fotos
SPIEGEL ONLINE

Mehr als 13 Jahre lang hat sie nichts von ihrer Tochter Beate gehört, geglaubt, sie wohne weit weg von Jena. Sonst wäre sie doch mal vorbeigekommen - die vergebliche Hoffnungen einer verzweifelten Mutter. Denn als Beate Z. am Dienstag in ihre Heimatstadt zurückkehrt, sucht sie sich einen Anwalt und stellt sich der Polizei. Bei ihrer Familie meldet sie sich nicht.

Eine Hochhaussiedlung in Jena, auf einer Anhöhe im Stadtteil Löbstedt gelegen, sanierte Platte, weiß getüncht, zehn Stockwerke, 38 Mieter, das Laub ordentlich zusammengefegt. Im ersten Stockwerk hat die Polizei geklingelt, Beates Familie mitgeteilt, dass die 36-Jährige mit internationalem Haftbefehl gesucht wird. "Niemand kann verstehen, wie sich das anfühlt", sagt Beate Z.s Mutter und weint.

Zwölf Kilometer entfernt in Ammerbach, im Südwesten der Stadt, DDR-Platte, teilweise sechs Geschosse, mehr als 80 Bewohner in einem Block, Linoleumböden, fensterlose Flure. Auch hier klingeln Ermittler im ersten Stock eines Eckhauses, doch da weiß das Ehepaar M. bereits, dass ihr Sohn Uwe tot ist. Die Nachricht soll ihnen Beate Z. am Freitag telefonisch überbracht haben.

Auch Uwe B.s Mutter soll die Frau angerufen haben. Nach 13 Jahren ist es das erste, was sie von ihrem Sohn hört. Als nächstes kommt die Polizei und erzählt ihr, dass er ein Bankräuber war und am Tod der Polizistin Michèle Kiesewetter aus Heilbronn beteiligt gewesen sein soll.

Drei Eltern, drei Schicksale - und die zerstörte Hoffnung, dass ihr Kind, das sich von ihnen losgesagt hat, das Ruder doch noch herumgerissen hat und in halbwegs geordneten Verhältnissen lebt. So wie früher unter ihren Fittichen.

"Aus einem wirklich guten Elternhaus"

Die beiden mutmaßlichen Bankräuber M. und B., die in Eisenach tot aufgefunden wurden, und die wegen einer Hausexplosion in Zwickau verhaftete Beate Z. waren in der Neonazi-Szene aktiv. Das Trio, das auch mit dem Polizistenmord in Heilbronn in Verbindung gebracht wird, war jahrelang von der Bildfläche verschwunden. Der Fall gilt als einer der spektakulärsten in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte und beschäftigt Polizei und Staatsanwaltschaften in drei Bundesländern. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren - und dabei werden immer neue Seltsamkeiten bekannt.

Uwe M.s Vater ist Professor, sein Bruder sitzt im Rollstuhl und lebt im Erdgeschoss des Elternhauses. Eine Nachbarin erinnert sich an einen zuvorkommenden Uwe M., der ihr Mitte der neunziger Jahre - sie war gerade junge Mutter - oft beim Tragen in den vierten Stock behilflich war. Einer, der jeden Tag zur Arbeit ging, gewissenhaft daherkam und der, so sagt sie, "aus einem wirklich guten Elternhaus" stammte.

Der Abstieg der drei jungen Leute aus Jena beginnt, als sich Beate Z., Uwe M. und Uwe B. in den neunzigern Jahren der rechten Szene zuwenden. Die Männer bekennen sich optisch zu ihrer Gesinnung, tragen die damalige Uniform der Neonazis: schwarze Bomberjacken und Springerstiefel, die Haare kurzgeschoren. Beate Z. unterwirft sich der gängigen Nazibraut-Garderobe nicht, kleidet sich, wie es ihr gefällt.

Die rechte Szene in Jena hat Tradition, schon vor der Wende. Nach den rechtsextremen Gewaltattacken von Rostock, Mölln und Hoyerswerda in den frühen neunziger Jahren rücken die militanten und gemäßigten Gruppen - anders als in anderen Bundesländern - enger zusammen und formieren sich zum "Thüringer Heimatschutz", einer Art Sammelbecken aller Neonazi-Gruppierungen in Thüringen.

An vorderster Front stehen André K. und Ralf Wohlleben, der 1998 der NPD beitritt und zwischenzeitlich deren stellvertretender Landesvorsitzender in Thüringen ist. 1999 werden K. und Wohlleben wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zweier junger Frauen verurteilt. Sie hatten versucht, von den beiden Adressen linker Jugendlicher zu erpressen. Führender Kopf des "Thüringer Heimatschutzes" ist Tino Brandt, Gründer der "Anti-Antifa". 2001 wird er als inoffizieller Mitarbeiter des Thüringer Verfassungsschutzes enttarnt, der 200.000 Mark kassierte und sie in Aktionen und Propaganda investierte.

"Ein sehr enges Dreiergespann"

Beate Z., Uwe B. und Uwe M. finden bei den Neonazis eine zweite Heimat. In Jena, wo die linke wie die rechte Szene überschaubar ist, ist das Trio schnell bekannt. Uwe M. fährt einen roten Ford Escort mit dem Kennzeichen "J - AH 41" für Jena und Adolf Hitler. Einmal versucht er, im fahrenden Auto einen Punk vom Fahrrad zu rammen. "Das war kein Angsteinjagen", sagt dieser. Beate Z. soll einer jungen Frau im Streit den Arm gebrochen haben.

Man sieht die drei auf Neonazi-Demos in Saalfeld oder beim Prozess gegen Holocaustleugner Manfred Roeder in Erfurt. Sie leben nicht zusammen wie zuletzt, sondern jeder in einer eigenen Wohnung, und doch hängen sie ständig aneinander. "Ich hatte das Gefühl, Beate Z. war einmal mit dem einen zusammen und dann mit dem anderen", sagt einer, der in derselben Straße wohnte. Auch André K. und Ralf Wohlleben seien bei ihr ein- und ausgegangen.

"Sie waren ein sehr enges Dreiergespann, aber es schien mehr freundschaftlich zu sein als sexueller Natur", erinnert sich Katharina König, Thüringer Landtagsabgeordnete der Linken. Sie kennt die Neonazi-Szene in der Region, seit 1999 engagiert sie sich im Aktionsbündnis gegen Rechts.

Ein ehemaliger Punk erinnert sich, wie er mit vier Freunden in einem Jenaer Tunnel zufällig auf Beate Z. und Uwe B. stieß, die aus einer Kneipe kamen. Uwe B. habe sofort einen langen Dolch gezückt und die Gruppe nicht aus den Augen gelassen. "Mir kam es so vor, als habe er Angst vor uns gehabt, dabei war er viel älter und größer als wir", sagt er.

Nazi-Band widmete dem Trio ein Lied

Im September 1997 deponieren Beate Z., Uwe B. und Uwe M. vor dem Jenaer Theater eine Bombenattrappe in einem Koffer mit aufgesprühtem Hakenkreuz. Sie werden vernommen und wieder freigelassen. Bei einer Razzia in einer Garage in Jena-Lobeda im Januar 1998 findet die Polizei vier funktionsfähige Rohrbomben und TNT, wieder gerät das Trio ins Visier der Ermittler. Sie sollen zwischen Oktober 1996 und Dezember 1997 im Raum Jena weitere Sprengkörper gebaut haben. Doch sie entgehen einer erneuten Festnahme - und tauchen ab. Ihr Freund André K. soll ihnen dabei geholfen haben.

In der Linken Szene nennt man das Trio fortan "Die Bombenbauer von Jena". Die Nazi-Popband "Eichenlaub" verfasst den Song "Warum", eine Art Hommage an die drei Flüchtigen.

Wurden die drei in den vergangenen 13 Jahren unterstützt? Wenn ja, von wem? Von der rechten Szene? Vom Verfassungsschutz? Etwa von der Organisierten Kriminalität? Ermittlern zufolge waren die drei im Besitz von mehreren gefälschten Pässen. Ein einziges Mal wird Uwe M. noch in Jena gesehen, an der Seite von Tino Brandt. Uwe B. wird 14 Tage nach Einleiten der Fahndung von seinen politischen Gegnern in Saalfeld gesichtet. Danach sieht man keinen der beiden mehr, auch Beate Z. bleibt unerkannt.

Die Straftat verjährt 2003, trotzdem tauchen Beate Z., Uwe B. und Uwe M. nicht mehr auf. Kenner der rechten Szene vermuten, dass die Frau und die zwei Männer neue Kontakte geknüpft oder alte aufgefrischt haben, dass sie nicht auf sich allein gestellt waren - und eine zeitlang in Belgien, Südamerika oder Südosteuropa lebten.

Die vergangenen vier Jahre wohnten sie in Zwickau. Ihr Leben finanzierten sie sich möglicherweise auch mit Banküberfällen, die in erster Linie auf das Konto der beiden Männer zurückgingen. Laut Staatsanwaltschaft sollen sie ab 1999 insgesamt 13 Filialen ausgeraubt haben - zehn in Sachsen, zwei in Mecklenburg-Vorpommern und eine in Eisenach. Nur wenige Autostunden von ihren Elternhäusern entfernt.

In der ausgebrannten Wohnung, die die 36-Jährige selbst in die Luft sprengte, entdeckten Ermittler Revolver, fünf Pistolen und ein Repetiergewehr - darunter die Waffe, mit der die Polizistin Michèle Kiesewetter getötet wurde.

Warum erschießen sich zwei Menschen nach einem erfolgreichen Banküberfall? Warum bringt Beate Z. das erbeutete Geld nicht in Sicherheit, sondern zündet es an? Warum haben sie die gestohlenen Dienstwaffen und Handschellen aus dem Polizistenmord aufbewahrt anstatt sie professionell zu entsorgen?

Beate Z. sitzt wegen Brandstiftung in Untersuchungshaft. Der Polizei in Jena hatte sie sich mit den Worten gestellt: "Ich bin die, die Sie suchen." Viel mehr soll sie seither nicht gesprochen haben.

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