Polizistenmorde in NRW Der ewige Verdacht

Drei Polizisten erschoss der Dortmunder Rechtsradikale Michael Berger im Juni 2000, dann tötete er sich selbst. Noch immer halten sich Gerüchte, der Täter habe als V-Mann für die Sicherheitsbehörden gearbeitet. Jetzt wollen sich Beamte den obskuren Fall noch einmal vornehmen.

DPA/ Polizei

Von , Düsseldorf


Die Rede des nordrhein-westfälischen Innenministers war erwartbar und fast frei von Überraschungen: Bislang gebe es keine Erkenntnisse, dass es Verbindungen zwischen der Neonazi-Szene an Rhein und Ruhr und der Zwickauer Terrorzelle gebe, sprach Ralf Jäger im Landtag. Die Überprüfungen dauerten an. Es folgten die üblichen Versatzstücke solcher Vorträge: "klare Antworten", "größte mögliche Transparenz", "auf keinem Auge blind sein" - so weit, so fade.

Doch Jäger streifte in seinen Ausführungen ein Thema, das hohe Sicherheitskreise vorübergehend durchaus in Erstaunen versetzte. Der SPD-Politiker aus Duisburg, der kurz vor der Love-Parade-Katastrophe in seiner Heimatstadt ins Amt gekommen war, erwähnte en passant einen elf Jahre alten Kriminalfall aus dem Ruhrgebiet, mit dem die Behörden eigentlich schon abgeschlossen zu haben schienen: den des dreifachen Polizistenmörders Michael Berger nämlich.

Am 14. Juni 2000 tötete der 31-Jährige in Dortmund den Polizisten Thomas G. Der Beamte und seine Kollegin, der ins Bein geschossen wurde, hatten den Wagen angehalten, weil Berger nicht angeschnallt war. Der Schütze flüchtete zunächst. Bei Waltrop ermordete er kurz darauf die Beamten Ivonne H. und Matthias L., die ihn zu stoppen versucht hatten. Später richtete er sich selbst.

Die Fragen, die sich die Öffentlichkeit damals stellte, lauteten: War Berger verrückt, nur verrückt? Freunde berichteten, er sei ein Polizeihasser gewesen - weil seine Ex-Freundin offenbar vor ihm mit einem Beamten liiert war. Oder tötete der Mann, weil er seine Enttarnung fürchtete?

Fest steht: Jetzt soll sich das Landeskriminalamt den Fall noch einmal vornehmen. Dabei wird es auch mögliche Bezüge zu der sogenannten Zwickauer Zelle gehen.

Die Gerüchte leben wieder auf, Berger sei ein V-Mann gewesen

Der Polizistenmörder Berger war früher nicht nur Mitglied bei den rechtsextremistischen Republikanern und der Deutschen Volksunion, die gerade in Dortmund besonders großen Zulauf hat. Er sympathisierte auch stark mit der NPD - und war bei Nadis gespeichert, dem Informationssystem der Verfassungsschützer.

In der einschlägigen Ruhrgebietsszene wurde kolportiert, Berger sei ein Polizeispitzel gewesen - weil der Staatsschutz von seiner Waffensammlung gewusst habe, ohne einzuschreiten. Ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums sagte dem SPIEGEL seinerzeit: "Berger war kein V-Mann."

Doch inzwischen leben die Gerüchte wieder auf. Die Duisburger Abgeordnete der Linkspartei, Anna Conrads, sagte im Landtag: "Mysteriös bleibt bis heute die Rolle von Michael Berger." Der sei ein "mutmaßlicher V-Mann" gewesen und solle Bekannten gegenüber erklärt haben, er halte es nicht mehr aus, für den Geheimdienst zu arbeiten. Der Dortmunder Radiosender 91,2 meldete gar, seine Recherchen im Milieu und in Behördenkreisen hätten ergeben, dass Berger "ein bezahlter V-Mann des Verfassungsschutzes war".

Ein Sprecher des Innenministeriums in Düsseldorf wies diese Darstellungen auf Anfrage jedoch zurück und stellte eine Gegenfrage: "Glauben Sie ernsthaft, das wäre dann nicht schon längst öffentlich geworden?"

Den Dauerverdacht indes nährt auch der Umstand, dass ein enger Vertrauter des Polizistenmörders sich seinerzeit als Spitzel verpflichtet hatte. Der Dortmunder Sebastian S. belieferte nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden bereits vor Jahren die Nazi-Szene seiner Heimatstadt mit Drogen und Waffen. Außerdem pflegte er Kontakte zum Neonazi-Netzwerk Blood and Honour.

Ein Verfahren vor dem Landgericht ergab im Sommer 2007 dann eher zufällig, dass der Gastronom S. sich zudem als Informant des Innenministeriums verdingt hatte. Zeitweilig bestand sogar der Verdacht, der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz habe seinen V-Mann vor Maßnahmen der Polizei gewarnt. Doch ein Ermittlungsverfahren dazu verlief im Sande.

"An der These vom braunen Terrorismus ist was dran"

Michael Berger jedenfalls mag sich im Sommer 2000 vorgekommen sein wie ein Kämpfer. Sein Arsenal bestand aus Totschlägern, einer Splitterhandgranate, Jagdgewehren, Revolvern - und einer ungarischen Pistole. Schießen hatte er als Panzergrenadier bei der Bundeswehr gelernt. Nach seiner Entlassung jobbte er als Taxifahrer und Vertreter für Feuerlöscher. Zuletzt arbeitete er in einem Autohaus. Doch er ließ sich krankschreiben - wegen Depressionen: "Ich habe keinen Bock mehr", sagte er Kollegen. "Mir ist das alles zu viel."

Auf einer Party seiner Anwältin, bei der er plötzlich auftauchte, fiel Berger, der 1,91-Meter-Mann, den Gästen auf: Er trug einen Ring mit Hakenkreuz. Bei anderer Gelegenheit hatte er sich in die Haare des Hinterkopfs zwei Achten einrasieren lassen - das Geheimsymbol der Neonazis. Die Acht steht für den achten Buchstaben im Alphabet, das H. 88 heißt: "Heil Hitler". Berger erzählte von der Dortmunder Kneipe Schützeneck, einem bekannten, mittlerweile geschlossenen Treff Rechtsradikaler. Sein "bester Freund", berichtete er, sei "der SS-Siggi".

SS-Siggi, das ist Siegfried B., einst Chef der "Borussen-Front", die in den achtziger Jahren Ausländer durch Dortmund jagte. Bei der Fußball-Europameisterschaft vor 16 Jahren war der frühere Adlatus des Extremistenführers Michael Kühnen Anführer der deutschen Gewalttäter, die zum "Frankreich-Überfall" aufriefen - er galt den Hooligans unter den Neonazis lange Zeit als Idol.

"An der These vom braunen Terrorismus", sagte dem SPIEGEL seinerzeit Bernd Wagner, in Berlin Leiter des Zentrums Demokratische Kultur und früher Staatsschützer, sei "was dran". Der diplomierte Kriminalist, der Postillen und Internetseiten rechter Gruppen auswertet, warnte sogar ausdrücklich: "Da klumpt sich was zusammen." Viele Rechte, so Wagner vor elf Jahren, dächten über terroristische Kampfformen nach: "Die Militanz ist groß."

Keine drei Monate später wurde in Nürnberg der Blumenhändler Enver S. erschossen. Es scheint der erste Mord des Trios Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe gewesen zu sein.

Forum - Wurde der Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
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Seite 1
hoffnungsvoll 12.11.2011
1. Ja
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Menschenverachtung ist Teil jeder rechtsradikalen Idee. Darum muss mit allem gerechnet werden, wenn der Mop sich organisiert. Gewalttaten gehörten immer dazu und werden es auch in Zukunft.
wurzelei, 12.11.2011
2. Wurde der Rechtsextremismus
Erst exakt ermitteln, dann bewerten!
ALG III 12.11.2011
3. ach ja
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Den Rechtsextremismus kann man gar nicht unterschätzen. Er stellt immer eine Gefahr für die ganze Gesellschaft dar. Menschen, die rechtsextremem Gedankengut anhängen, kennen kein Pardon und sind zu allem fähig. Magda Goebbels brachte im April 1945 alle ihre blonden Kinder um, weil sie glaubte, daß ein Leben nach dem Dritten Reich sowieso nicht lebenswert sei. Das war natürlich ein Irrtum, wenn man an den dicken Erhardt mit seinen fetten Zigarren denkt. Selbst eingefleischte Nazis hatten unter Adenauer wieder Spaß am Leben. Wenn wir Rechtsextremismus verhindern wollen, dann sollten wir allen menschen einen Mindestlohn bzw. einen auskömmlichen Regelsatz garantieren. Schleichende Armut begünstigt politischen Radikalismus und führt letztlich zu Gewalt. Ich sage nichts Neues. Aber man kann ja hin und wieder an alte Weisheiten erinnern.
Websingularität 12.11.2011
4. Hat in Deutschland Tradition
Zitat von sysopNach aktuellen Fahndungsergebnissen geht die Bundesanwaltschaft inzwischen davon aus, dass hinter dem Heilbronner Polizistenmord eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung steckt. Wurde dieser Rechtsextremismus bisher unterschätzt?
Sagen wir es mal so, die Ermittler sind auf dem rechten Auge blind. Ich wette, das rechte Gedankengut findet man in den höchsten Ebenen & Instanzen, Polizeirat, Politik, etc. Selbst in den etablierten Parteien. Randparteien wie NPD sind nur Lockvogel zur draufhauen.
cycokan, 12.11.2011
5. Xenophobie gibt es bei Arm und Reich
Zitat von ALG IIIDen Rechtsextremismus kann man gar nicht unterschätzen. Er stellt immer eine Gefahr für die ganze Gesellschaft dar. Menschen, die rechtsextremem Gedankengut anhängen, kennen kein Pardon und sind zu allem fähig. Magda Goebbels brachte im April 1945 alle ihre blonden Kinder um, weil sie glaubte, daß ein Leben nach dem Dritten Reich sowieso nicht lebenswert sei. Das war natürlich ein Irrtum, wenn man an den dicken Erhardt mit seinen fetten Zigarren denkt. Selbst eingefleischte Nazis hatten unter Adenauer wieder Spaß am Leben. Wenn wir Rechtsextremismus verhindern wollen, dann sollten wir allen menschen einen Mindestlohn bzw. einen auskömmlichen Regelsatz garantieren. Schleichende Armut begünstigt politischen Radikalismus und führt letztlich zu Gewalt. Ich sage nichts Neues. Aber man kann ja hin und wieder an alte Weisheiten erinnern.
Na, nee. Dass es einen gewissen Zusammenhang gibt, zwischen Radikalismus und sozialer Situation, will ich ja nicht bestreiten. Aber Ausländer aus Rassenhass per Kopfschuss exekutieren und Bomben legen, dass hat ja wohl eine besondere, über politische Radikalität hinausgehende Dimension. Dafür muss man erstens Extremist sein und 2. zusätzlich eine schwere Persönlichkeitsstörung haben. Und so etwas wird, mMn, eher weniger durch Armut angelegt, ich glaube nicht, dass die betreffende 3er Gruppe Unterschichtkinder waren. Und ich glaube auch nicht, dass der latente Fremdenhass, in so mancher Familie, an so manchem Stammtisch, ein Armutsproblem ist. Meine Erfahrung ist eher, dass manche gutsituierte Ober- und Mittelklasse Menschen offen, und noch viel mehr erst nach dem xten Bier, schier unglaublich rücksichtslose fremdenfeindliche Sprüche vom Stapel lassen. Und in jedem Ortsverband der FDP, der CDU, selbst der SPD, gibt es Menschen, die zu gewissen Fragen am liebsten die ganz einfachen Antworten hören wollen und das auch dumm laut verkünden, auch hier, umso mehr, je höher der Alkoholspiegel. Kampagnen gewisser Medien greifen diese latente Stimmung auf und befördern sie zusätzlich. Das es dann bei sozialschwachen dummen Jungs aus strukturschwachen Gebieten besondere Auswüchse gibt, mag sein. Aber das Finanzielle ist nicht der Auslöser. Klar, irgendwo im tiefen Osten auf dem Land, keine Arbeit, die schlauen jungen Männer und alle Frauen haben sich längst in die Städte oder den Westen verabschiedet, übrig geblieben die eher weniger begabte männliche Jugend und ein paar Rentner, da fehlen wichtige soziale Bande und Banden. Vor allem eben keine Freundin, keine eigene Familie, was in aller Regel den Testosteron Haushalt unter Kontrolle hält und Gelegenheit gibt Verantwortung zu tragen und Empathie fördert, genauso aber auch fehlende politische Gegner, die haben sich längst bedroht, aber auch gelangweilt nach Berlin verdrückt und fehlende Ausländer, die gibt es dort ja kaum, als Kontrolleure und Widersacher fehlen. Und der Dorfbulle, der ist oft selbst so ein frustrierter Law and Order Typ, der für die große Karriere offenbar nicht geeignet war, sonst wäre er woanders.
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