Toter Boston-Attentäter Zarnajew: Der radikalisierte Muttersohn

Von Sebastian Fischer, Washington

Boston-Attentäter: Wer war Tamerlan Zarnajew? Fotos
REUTERS/ FBI

Wer hat die Anschläge von Boston geplant? Der überlebende Bruder belastet den getöteten Tamerlan Zarnajew schwer. Dieser träumte erst den amerikanischen Traum - dann wurde er zu Amerikas Alptraum.

Dschochar Zarnajew kann wegen seiner Schussverletzung nicht sprechen. Aber die ersten entscheidenden Fragen der Ermittler soll der mutmaßliche Bombenattentäter von Boston in seinem Krankenhausbett schon beantwortet haben - mal schriftlich, mal durch Kopfnicken.

• Erste Frage: Wer steckt hinter dem Marathon-Anschlag? Der 26-jährige Bruder habe sich das ausgedacht, Tamerlan Zarnajew, der am Freitag bei der Verfolgungsjagd ums Leben gekommen ist. So wollen es die Ermittler von Dschochar vernommen haben.

• Zweite Frage: Warum? Es sei ihnen um die Verteidigung des Islam gegangen, soll der 19-Jährige den Beamten mitgeteilt haben. CNN-Informationen zufolge hat er die Kriege im Irak und Afghanistan als Motivation für die Tat genannt. Er und sein Bruder hätten sich via Internet radikalisiert.

Langsam fügt sich das Terror-Puzzle zusammen

Wohlgemerkt: Die Ermittlung hat gerade erst begonnen, Zarnajew ist schwer verletzt. Sagt er die Wahrheit? Will er die Schuld auf seinen toten Bruder schieben? Und auch die Verbindung zu einer internationalen Terrororganisation kann trotz Zarnajews Aussage noch nicht ausgeschlossen werden.

Jeder Tag bringt ein Stück mehr Klarheit. Freunde berichten, die Eltern erzählen. Langsam setzt sich das Terror-Puzzle zusammen. Zumindest so viel ist klar: Der ältere Bruder hat sich über die letzten Jahre stark verändert. Die Schuldzuweisung des Jüngeren klingt plausibel, Tamerlan Zarnajew könnte die führende Kraft bei den Anschlägen gewesen sein.

Seine Geschichte ist die einer Radikalisierung. Erst träumte er den amerikanischen Traum; dann wurde er zum Alptraum Amerikas.

Als die Familie Zarnajew - Vater, Mutter, zwei Töchter, zwei Söhne - vor gut zehn Jahren aus Dagestan kommt und in den USA Asyl und Glück sucht, da lässt es sich eigentlich ganz gut an. Tamerlan interessiert sich zwar nicht allzusehr für die Schule, dafür aber ist er gut im Boxen. Als er im Jahr 2004 seinen ersten Kampf gewinnt, erzählt er der Lokalzeitung "Lowell Sun", er möge das Land, Amerika biete eine Menge Jobs: "Wenn du arbeiten willst, dann kannst du hier Geld machen."

Drei Jahre danach lernt er Katherine Russell kennen, später heiraten sie und bekommen eine Tochter. Russell entstammt einer klassischen Mittelschichtfamilie aus Rhode Island, für Tamerlan konvertiert sie zum Islam. Wie der "Boston Herald" berichtet, soll das Paar bis 2012 staatliche Unterstützung bekommen haben. Danach arbeitete Katherine Russell als Pflegerin - ihrem Anwalt zufolge bis zu 80 Stunden in der Woche. Er beschrieb die 24-Jährige nach den Bombenanschlägen als erschöpft und gestresst. "Sie weint viel", sagte Amato DeLuca am Dienstag. Russell soll von der Radikalisierung ihres Mannes nichts gewusst haben.

Tamerlan nahm seinen Glauben mit der Zeit immer ernster. Im Rückblick erinnern sich Familienmitglieder und Freunde:

Onkel Ruslan Tsarni: Im Jahr 2009 habe er bemerkt, dass Tamerlan verändert sei. Der habe plötzlich "diesen radikalen Mist" erzählt, als hätte er eine Gehirnwäsche hinter sich.

Cousin Saur Zarnajew: Er habe den kleinen Bruder Dschochar gewarnt, Tamerlan führe nichts Gutes im Schilde. "Der war nie glücklich, freute sich nie, lächelte nie, das war kein freundlicher Mann", berichtet er dem "Boston Globe".

Mutter Subeidat Zarnajew: Ihr Sohn habe vor fünf Jahren begonnen, sich mehr für Religion zu interessieren, sagt sie auf CNN. Über den Dschihad habe er allerdings nicht geredet.

Dabei spielt möglicherweise die Mutter eine entscheidende Rolle in dem Drama. Denn sie veränderte sich gemeinsam mit dem Sohn. Offenbar bestärkten sie sich gegenseitig in ihrer Religiosität.

Das "Wall Street Journal" berichtet, dass die Mutter ihren Job als Kosmetikerin in einem Spa aufgegeben habe, um zu Hause arbeiten zu können - damit sie keine männlichen Kunden empfangen müsse: "Ich begann zu lesen und begann zu lernen", sagt sie der Zeitung im Rückblick auf ihre Islamstudien, "ich begann mit Tamerlan zu lesen". CNN zitiert die Erfahrungen einer Kundin aus dieser Zeit: Tamerlans Mutter habe über Verschwörungstheorien gesprochen, "sie sagte mir, dass die US-Regierung die Anschläge von 9/11 ausgeführt habe, damit Amerika die Muslime hasse". Ihr Sohn wisse alles darüber, die Kundin könne es selbst im Internet nachlesen.

"Gott sagt: keinen Alkohol"

In Tamerlans Leben geht es nun drunter und drüber. Im Jahr 2009 wird er kurzzeitig wegen des Vorwurfs häuslicher Gewalt gegen eine Freundin - nicht Katherine Russell - festgenommen. Vermutlich hat er sich damit die Chance auf die US-Staatsbürgerschaft geraubt. Im Jahr 2010 erscheint eine Fotostory über ihn, den Boxer, der von einem Platz in der US-Olympiamannschaft träume. Die Überschrift lautet: "Er will für einen Pass boxen." Doch gleichzeitig wird Tamerlan mit dem Satz zitiert, er habe "keinen einzigen amerikanischen Freund, ich verstehe sie nicht". Er verzichte auf Alkohol, rauche nicht mehr: "Gott sagt: keinen Alkohol."

Dann wird es gruselig: Im Jahr 2011 werden sein angeblich bester Freund Brendan Mess sowie zwei weitere Männer ermordet; aber Tamerlan taucht nicht bei der Beerdigung auf. Auch sein Fitness- und Box-Studio, das er gemeinsam mit Mess besuchte, meidet er von diesem Tag an. Die Morde werden nie aufgeklärt; jetzt, nach dem Marathon-Attantat, wird von Bekannten spekuliert, ob vielleicht Tamerlan der Täter war.

Weil er das Boxen aufgibt, ist Vater Ansor empört. Laut "Wall Street Journal" erklärt ihm der Sohn, dass ein Moslem keinen anderen Mann ins Gesicht schlagen solle. Ansor Zarnajew versteht nicht, was los ist. Er versteht nicht, was mit Frau und Sohn geschieht. Warum plötzlich diese überzogene Religiosität? Schließlich trennen sich die Eltern, gehen zurück nach Russland.

Ende 2011 nimmt Tamerlan laut "Boston Globe" Kontakt zu einem Historiker auf, einem Tschetschenien-Experten. Zarnajew habe mehr erfahren wollen "über seine Wurzeln und seine Identität", erinnert sich der Wissenschaftler. Derweil bitten russische Sicherheitsdienste das FBI um Hilfe. Sie haben Tamerlan im Blick, halten ihn für einen "Anhänger des radikalen Islam", wollen mehr Infos. Das FBI überprüft ihn, sieht aber keine Gefahr. Laut einem Bericht des "Boston Globe" wandten sich die russischen Behörden mehrfach an die USA, zuletzt ein Jahr nach seiner ersten Befragung durch das FBI.

Anfang 2012 reist Zarnajew für ein halbes Jahr nach Dagestan, besucht offenbar mehrfach eine Salafisten-Moschee. Zurück in Amerika postet er wohl islamistische Videos auf YouTube, erstellt eine Playlist "Terrorists". Zwischenzeitlich trägt er einen auffälligen Bart, Witze seiner Bekannten darüber duldet er nicht. Er fliegt aus der Moschee von Cambridge, nachdem er den Prediger einen "Ungläubigen" genannt hat, weil der Martin Luther King mit dem Propheten Mohammed vergleicht.

Und plötzlich taucht er das erste Mal wieder in seinem alten Fitnessstudio auf. Er benimmt sich daneben, läuft mit Schuhen über die Matten. "Irgendwas war mit ihm nicht in Ordnung", sagt der Besitzer des Studios im Rückblick.

Kurz darauf explodieren die Bomben.

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insgesamt 90 Beiträge
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1. Journalismus mal unterirdisch
donnerfalke 24.04.2013
Sehr geehrter Herr Fischer, finden Sie nicht dass es etwas zu früh ist solche Spekulationen zu streuen? Es wurde nicht mal richtig bewiesen wer und was getan hat, Unschuldsvermutung fand keine Anwendung statt, alles wird vertuscht und geheim gehalten, viele Fragen bleiben offen, wie eigentlich immer in USA.
2. Völlig....
fatherted98 24.04.2013
...inhaltslose Spekulationen. Über Tote kann man so ziemlich alles erzählen und sie in die eine oder andere Ecke stellen...ganz wie mans braucht.
3.
a24 24.04.2013
Zitat von sysopWeil er das Boxen aufgibt, ist Vater Ansor empört. Laut "Wall Street Journal" erklärt ihm der Sohn, dass ein Moslem keinen anderen Mann ins Gesicht schlagen solle.
Ein Mann sollte statt dessen Bomben verwenden...
4. optional
20099 24.04.2013
Sollte einem zu denken geben das der Islam aus ganz gewöhnlichen jungen Männern innerhalb kürzester Zeit terroristische Mörder machen kann! Jaja, nicht jeden! Aber immer und immer wieder!
5. was
delponte 24.04.2013
hat es mit der Behauptung von debka auf sich, die Brüder wären Doppelagenten gewesen, die aus dem Ruder liefen? Was ist das für eine Geschichte mit dem Saudi, der verhaftet wurde und abgeschoben werden sollte?
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