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19. September 2009, 18:20 Uhr

Präventionsprojekt in Zürich

Wie Amokläufe verhindert werden können

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Lassen sich Gewalttaten wie in Ansbach verhindern? Ja, sagt ein Zürcher Expertenteam, man muss den potentiellen Tätern vorher nur die richtigen Fragen stellen - und sie auf diese Weise erkennen.

Hamburg - Immer wieder erschüttern blutige Amokläufe an Schulen die Öffentlichkeit. Die ersten Taten gab es Mitte der neunziger Jahre in den USA - nur wenige Jahre später gerieten auch deutsche Schüler mit schrecklichen Bluttaten in die Medien. Lange Zeit wusste man wenig über die Ursachen dieser Gewaltorgien, heute ist das Phänomen besser erforscht.

In Zürich läuft derzeit ein Präventionsprojekt, das tödliche Eskalationen vermeiden soll. Als Instrument dient das von einem deutschen Forscher entworfene Computersystem "Dyrias", ein sogenanntes "dynamisches Risikoanalysesystem".

Dabei sammelt ein Expertenteam anhand von 32 Fragen Daten über einen potentiellen Gewalttäter. Welche aktuellen Krisen bestimmen sein Leben? Wie reagiert er darauf und welche konkreten Maßnahmen zur Bewältigung hat er bereits getroffen? Ist er im Besitz von Waffen? Hat er konkrete Drohungen gegen andere ausgesprochen?

"Kompetente Helfer"

"Bisher konnten wir in allen Fällen Entwarnung geben", erklärt der Leiter der Zürcher Fachstelle für Gewaltprävention, Roland Zurkirchen. Was im ersten Moment als schwere Bedrohung empfunden wurde, konnte nach eingehender Analyse relativiert werden. "Das ist immer auch eine große Entlastung für die Lehrkräfte, dass sie mit dem Problem nicht allein dastehen und kompetente Helfer haben."

Was aber, wenn ein Schüler als ungefährlich eingestuft wird - und am nächsten Tag losgeht und auf seine Mitschüler schießt? "Dann", so Zurkirchen, "haben wir ein Riesenproblem." Es sei deshalb extrem wichtig, dass Experten aus verschiedenen Bereichen mit "Dyrias" arbeiteten. In Zürich sind das drei Schulpsychologen, drei Mitarbeiter der Fachstelle für Gewaltprävention, aber auch drei Polizisten - "und die geben so schnell keine Entwarnung", sagt Zurkirchen.

Seit Februar 2009 werden Anfragen aus Kindergärten und Schulen bis zur neunten Klasse bearbeitet. Auf ein Jahr ist das Projekt angelegt, die Kosten sind "überschaubar". Rund 7000 Euro Lizenzgebühren zahlt die Stadt Zürich für die Nutzung des Systems. "Der Arbeitsaufwand ist allerdings hoch", so Zurkirchen. Schließlich müssten 112 Schulen betreut, Eltern, Schüler und Lehrer sensibilisiert werden. "Das Ziel ist, dass alle mitziehen. Jedes System kann nur so gut sein wie die Leute, die daran arbeiten."

"Krisenteams entscheiden über Leben und Tod"

Der Vater des Analysesystems, Jens Hoffmann von der Universität Darmstadt, drängt auf eine rasche Implementierung von "Dyrias" an allen Schulen. Eine Analyse des Amoklaufs von Winnenden habe gezeigt: "Der Schüler hatte bereits Monate vor der Tat den höchsten Risikofaktor - dennoch geschah nichts." Fast immer kündigten "School-Shooter" ihre Taten im Vorfeld an, fast immer gehe der Katastrophe eine Kränkung oder das Wegbrechen stabilisierender Faktoren im Leben voraus.

Es sei empörend, dass das vorhandene Wissen und die Konzepte noch immer nicht ausreichend genutzt würden. Dabei gebe es in der Praxis kaum Probleme, Partner für die Gewaltprävention zu gewinnen. Die Erfahrung zeige: "Flächendeckende Krisenteams an den Schulen entscheiden über Leben und Tod."

Ersten Erkenntnissen zufolge war der Amokläufer von Ansbach in therapeutischer Behandlung. Sollte man an Psychiater und Psychologen appellieren, im Ernstfall Meldung über offenkundig gewaltbereite Patienten zu machen? "Es gibt immer einen Punkt, an dem man die Verantwortung nicht mehr tragen kann", sagt Zurkirchen. In diesem Fall sollte der Therapeut dem Patienten klar sagen: 'Das kann ich nicht mehr für mich behalten.'"

"Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Psychologen automatisch in der Lage sind, eine Risikoeinschätzung vorzunehmen", warnt hingegen Hoffmann. "Viele sind hilflos." Zudem hätten nicht alle Ärzte eine entsprechende Zusatzqualifikation.

Täter im Jagdmodus

"School-Shootings" gelten als eine ganz eigenständige Form von Jugendgewalt. Wissenschaftliche Untersuchungen aus den USA belegen, dass Amokläufer deutlich weniger zu Alkohol- und Drogenmissbrauch neigen als andere Gewalttäter. Dafür sind sie überdurchschnittlich oft Einzelgänger, häufig introvertiert, depressiv und suizidgefährdet.

"Schon seit Freud wird ein Zusammenhang zwischen Selbstmord und Gewalt gegen andere angenommen", heißt es in einer empirischen Studie, die Jens Hoffmann mit seinen Kollegen Karoline Roshdi und Frank Robertz erstellt hat. Darin werden "School-Shooter" auf Grund der emotionalen Kühle und Unberührtheit, mit der sie Menschen töten, als "Täter im Jagdmodus" bezeichnet, die häufig gezielt ihre Opfer aussuchen. Die intensive Beschäftigung mit Waffen und Militaria sei ein Zeichen dafür, dass sich der Schüler eine "Kriegeridentität" schaffe.

Die Mehrheit der Täter habe Geschwister, die sozial erfolgreicher seien, heißt es - ein Beweis dafür, dass Minderwertigkeitsgefühle tatsächlich ein große Rolle spielten. Einig sind sich die Forscher darin, dass der Schießerei immer eine Kränkung vorausgehe. "Schon deshalb ist für uns Mobbing an der Schule ein riesiges Thema", sagt Zurkirchen.

Es sei schwierig, aus der Momentaufnahme zu schließen, an welchem Punkt der Gefährdung sich der potentielle Täter befinde, so der Experte. "Manchmal verlässt er den Pfad der zielgerichteten Gewalt, weil er Unterstützung erhält oder eine positive Beziehung eingeht." Wenn diese Stabilität wegfalle, sei es wahrscheinlich, dass er wieder den alten Weg einschlage.

Die Datenlage ist aufgrund der Seltenheit von Amokläufen dünn. Nur 20 geplante oder vollendete "School-Shootings" lieferten die Informationen zur Erstellung des Risikoanalysesystems. "Aber 'Dyrias' wird ständig mit neuen Daten gefüttert", erklärt Zurkirchen. Auch mit denen über Georg R., der mit seiner Gewaltorgie vom Donnerstag das beschauliche Ansbach in die Krise stürzte.

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