Präventionsprojekt in Zürich: Wie Amokläufe verhindert werden können

Von Annette Langer

Lassen sich Gewalttaten wie in Ansbach verhindern? Ja, sagt ein Zürcher Expertenteam, man muss den potentiellen Tätern vorher nur die richtigen Fragen stellen - und sie auf diese Weise erkennen.

Ansbach: Amoklauf am Carolinum
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dapd

Hamburg - Immer wieder erschüttern blutige Amokläufe an Schulen die Öffentlichkeit. Die ersten Taten gab es Mitte der neunziger Jahre in den USA - nur wenige Jahre später gerieten auch deutsche Schüler mit schrecklichen Bluttaten in die Medien. Lange Zeit wusste man wenig über die Ursachen dieser Gewaltorgien, heute ist das Phänomen besser erforscht.

In Zürich läuft derzeit ein Präventionsprojekt, das tödliche Eskalationen vermeiden soll. Als Instrument dient das von einem deutschen Forscher entworfene Computersystem "Dyrias", ein sogenanntes "dynamisches Risikoanalysesystem".

Dabei sammelt ein Expertenteam anhand von 32 Fragen Daten über einen potentiellen Gewalttäter. Welche aktuellen Krisen bestimmen sein Leben? Wie reagiert er darauf und welche konkreten Maßnahmen zur Bewältigung hat er bereits getroffen? Ist er im Besitz von Waffen? Hat er konkrete Drohungen gegen andere ausgesprochen?

"Kompetente Helfer"

"Bisher konnten wir in allen Fällen Entwarnung geben", erklärt der Leiter der Zürcher Fachstelle für Gewaltprävention, Roland Zurkirchen. Was im ersten Moment als schwere Bedrohung empfunden wurde, konnte nach eingehender Analyse relativiert werden. "Das ist immer auch eine große Entlastung für die Lehrkräfte, dass sie mit dem Problem nicht allein dastehen und kompetente Helfer haben."

Was aber, wenn ein Schüler als ungefährlich eingestuft wird - und am nächsten Tag losgeht und auf seine Mitschüler schießt? "Dann", so Zurkirchen, "haben wir ein Riesenproblem." Es sei deshalb extrem wichtig, dass Experten aus verschiedenen Bereichen mit "Dyrias" arbeiteten. In Zürich sind das drei Schulpsychologen, drei Mitarbeiter der Fachstelle für Gewaltprävention, aber auch drei Polizisten - "und die geben so schnell keine Entwarnung", sagt Zurkirchen.

Seit Februar 2009 werden Anfragen aus Kindergärten und Schulen bis zur neunten Klasse bearbeitet. Auf ein Jahr ist das Projekt angelegt, die Kosten sind "überschaubar". Rund 7000 Euro Lizenzgebühren zahlt die Stadt Zürich für die Nutzung des Systems. "Der Arbeitsaufwand ist allerdings hoch", so Zurkirchen. Schließlich müssten 112 Schulen betreut, Eltern, Schüler und Lehrer sensibilisiert werden. "Das Ziel ist, dass alle mitziehen. Jedes System kann nur so gut sein wie die Leute, die daran arbeiten."

"Krisenteams entscheiden über Leben und Tod"

Der Vater des Analysesystems, Jens Hoffmann von der Universität Darmstadt, drängt auf eine rasche Implementierung von "Dyrias" an allen Schulen. Eine Analyse des Amoklaufs von Winnenden habe gezeigt: "Der Schüler hatte bereits Monate vor der Tat den höchsten Risikofaktor - dennoch geschah nichts." Fast immer kündigten "School-Shooter" ihre Taten im Vorfeld an, fast immer gehe der Katastrophe eine Kränkung oder das Wegbrechen stabilisierender Faktoren im Leben voraus.

Es sei empörend, dass das vorhandene Wissen und die Konzepte noch immer nicht ausreichend genutzt würden. Dabei gebe es in der Praxis kaum Probleme, Partner für die Gewaltprävention zu gewinnen. Die Erfahrung zeige: "Flächendeckende Krisenteams an den Schulen entscheiden über Leben und Tod."

Ersten Erkenntnissen zufolge war der Amokläufer von Ansbach in therapeutischer Behandlung. Sollte man an Psychiater und Psychologen appellieren, im Ernstfall Meldung über offenkundig gewaltbereite Patienten zu machen? "Es gibt immer einen Punkt, an dem man die Verantwortung nicht mehr tragen kann", sagt Zurkirchen. In diesem Fall sollte der Therapeut dem Patienten klar sagen: 'Das kann ich nicht mehr für mich behalten.'"

"Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Psychologen automatisch in der Lage sind, eine Risikoeinschätzung vorzunehmen", warnt hingegen Hoffmann. "Viele sind hilflos." Zudem hätten nicht alle Ärzte eine entsprechende Zusatzqualifikation.

Täter im Jagdmodus

"School-Shootings" gelten als eine ganz eigenständige Form von Jugendgewalt. Wissenschaftliche Untersuchungen aus den USA belegen, dass Amokläufer deutlich weniger zu Alkohol- und Drogenmissbrauch neigen als andere Gewalttäter. Dafür sind sie überdurchschnittlich oft Einzelgänger, häufig introvertiert, depressiv und suizidgefährdet.

"Schon seit Freud wird ein Zusammenhang zwischen Selbstmord und Gewalt gegen andere angenommen", heißt es in einer empirischen Studie, die Jens Hoffmann mit seinen Kollegen Karoline Roshdi und Frank Robertz erstellt hat. Darin werden "School-Shooter" auf Grund der emotionalen Kühle und Unberührtheit, mit der sie Menschen töten, als "Täter im Jagdmodus" bezeichnet, die häufig gezielt ihre Opfer aussuchen. Die intensive Beschäftigung mit Waffen und Militaria sei ein Zeichen dafür, dass sich der Schüler eine "Kriegeridentität" schaffe.

Die Mehrheit der Täter habe Geschwister, die sozial erfolgreicher seien, heißt es - ein Beweis dafür, dass Minderwertigkeitsgefühle tatsächlich ein große Rolle spielten. Einig sind sich die Forscher darin, dass der Schießerei immer eine Kränkung vorausgehe. "Schon deshalb ist für uns Mobbing an der Schule ein riesiges Thema", sagt Zurkirchen.

Es sei schwierig, aus der Momentaufnahme zu schließen, an welchem Punkt der Gefährdung sich der potentielle Täter befinde, so der Experte. "Manchmal verlässt er den Pfad der zielgerichteten Gewalt, weil er Unterstützung erhält oder eine positive Beziehung eingeht." Wenn diese Stabilität wegfalle, sei es wahrscheinlich, dass er wieder den alten Weg einschlage.

Die Datenlage ist aufgrund der Seltenheit von Amokläufen dünn. Nur 20 geplante oder vollendete "School-Shootings" lieferten die Informationen zur Erstellung des Risikoanalysesystems. "Aber 'Dyrias' wird ständig mit neuen Daten gefüttert", erklärt Zurkirchen. Auch mit denen über Georg R., der mit seiner Gewaltorgie vom Donnerstag das beschauliche Ansbach in die Krise stürzte.

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insgesamt 1017 Beiträge
capu65 19.09.2009
Die meisten jugendlichen Gewalttäter werden sich nicht von Videokameras aufhalten lassen. Diese denken nicht rational in solchen Momenten. Alkohol, Drogen und das wichtigste, Testosteron sind stärker als der Gedanke an [...]
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
Die meisten jugendlichen Gewalttäter werden sich nicht von Videokameras aufhalten lassen. Diese denken nicht rational in solchen Momenten. Alkohol, Drogen und das wichtigste, Testosteron sind stärker als der Gedanke an Videokameras.
discipulus 19.09.2009
Video-"Überwachung" ist die Methode des repressiven Staates, der Diktaturen jeglicher Farbschattierung. Sinnvoller wäre, es Kamera-Attrappen aufzustellen vergleichbar mit den Notrufsäulen-Attrappen auf den Strecken [...]
Zitat von sysop... Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten.
Video-"Überwachung" ist die Methode des repressiven Staates, der Diktaturen jeglicher Farbschattierung. Sinnvoller wäre, es Kamera-Attrappen aufzustellen vergleichbar mit den Notrufsäulen-Attrappen auf den Strecken der Bayerischen Oberlandbahn wie beim Mord in München-Solln dokumentiert.
caillebotte 19.09.2009
auch wenn ich einen Beitrag aus einem anderen Thread sinngemäß wiederhole. Sehr lange, bevor der Mord an Herrn Brunner passiert war hatte ich das Problem, auf dem U-Bahnhof Münchener Freiheit zu stehen, als jugendliche anfingen, [...]
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
auch wenn ich einen Beitrag aus einem anderen Thread sinngemäß wiederhole. Sehr lange, bevor der Mord an Herrn Brunner passiert war hatte ich das Problem, auf dem U-Bahnhof Münchener Freiheit zu stehen, als jugendliche anfingen, dort eine veritable Schlägerei unter Anwendung asiatischer Kampftechniken aufzuführen - und das war KEINE SHOW! Die von mir per Notruf auf dem perfekt videoüberwachten Bahnhof gerufene Polizei war auch nach ca. 15 Minuten noch nicht da. Ich habe mich dann "diskret zurückgezogen" weil ich keine Lust hatte totgeschlagen zu werden, wenn sich schon die Polizei nicht blicken lässt, die es ob ihrer Bewaffnung etwas einfacher hat da einzugreifen als jemand, der nicht mal einen weissen Gürtel in Karate hat :-) Von daher - ähnlich, wie es Herrn Oberst Klein in Afghnistan gerade ging - wenn man qualifiziert etwas verhindern will, braucht man nicht nur Aufklärung, sondern auch Bodentruppen in ausreichender Menge. Videokameras ohne Poliziei, die auch eingreift sind SINNLOS. Und wenn ich es den Diskussionen hier richtig entnommen habe: * Stellen bei der Polizei werden gestrichen * offensichtlich zu viel Verwaltung und zu wenig Beamte auf der Strasse * Video ist da nur ein billiges Placebo für die Bevölkerung - das leider noch üble Nebenwirkungen hat. Und zum Schluss noch einer: War neulich mal in England - habe abends BBC Nachrichten geschaut. Da hatten sie an einem Abend zwei perfekte Filme von Morden - schön auf Video - nur die Opfer waren leider - na was - TROTZDEM TOT! In GB haben sie jetzt sehr viele Mordvideos - aber leider auch nicht weniger Opfer.
romy88 19.09.2009
Ich würde gern eure Meinung wissen, auch wenn ihr keine Hintergründe wisst. Denkt ihr dass die Polizei zu spät reagiert hat und eher am Bahnsteig hätte eintreffen sollen ,immerhin sind es zw. Donnersb. Br. und Solln noch 4 [...]
Ich würde gern eure Meinung wissen, auch wenn ihr keine Hintergründe wisst. Denkt ihr dass die Polizei zu spät reagiert hat und eher am Bahnsteig hätte eintreffen sollen ,immerhin sind es zw. Donnersb. Br. und Solln noch 4 stationen oder tragen die beamten keine mitschuld ,weil es nicht unmöglich ist so schnell von A nach B zu kommen,was meint ihr?
shakowsky 19.09.2009
Man sollte da denke ich auch mal die Kirche im Dorf lassen. Dank einer (durch die Medien, auch den Spiegel) massiv begünstigten Befindlichkeit in Deutschland ist ANGST das vorherrschende Lebensgefühl des grössten Teils der [...]
Man sollte da denke ich auch mal die Kirche im Dorf lassen. Dank einer (durch die Medien, auch den Spiegel) massiv begünstigten Befindlichkeit in Deutschland ist ANGST das vorherrschende Lebensgefühl des grössten Teils der Bevölkerung. Mit ANGST lässt sich nämlich blendend Auflage machen, Angst vor Moslems, Milben, Jugendlichen, Feinstaub, Kopfhörern, ungewaschenem Obst... Wenn sich Jugendliche prügeln, muss man weder einschreiten, noch die Polizei rufen. Das tun Jungs seit hunderttausenden von Jahren. Wenn Leute, die am Boden liegen, zusammengetreten werden, dann MUSS man einschreiten, und wenn die Täter von Solln jeweils 10 Jahre kriegen, würde ich jeden Zeugen ohne wenn und aber zur Hälfte davon verdonnern, etwas erbärmlicheres als 15 Leute, die zuschauen, wie ein einzelner von zwei Kindern totgeschlagen wird, lässt sich nur schwer vorstellen. Und nein, wenn ich dem Mann helfe, muss ich eben NICHT um mein eigenes Leben fürchten, denn allein das Schaffen einer zwei gegen zwei Situation (geschweige denn einer 15 gegen zwei Situation) hätte die ganze Sache in Null Komma Nix aufgelöst. Video Überwachung verhindert - siehe England - gar nichts. Weniger "Wegschauen aus Angst, involviert zu werden" - Mentalität, wie sie das Opfer gezeigt hat (leider als einziger und daher mit diesem tragischen Ausgang) ändert alles. DAS ist der wahre Skandal, die Gaffer. Übrigens...letztes Jahr hat hier in Mü-Neuperlach ne Mädchengang jemanden stationär ins Krankenhaus befördert, das ist kein reines (wenn auch zugegeben ein überwiegendes9 Testosteron Phänomen. Das hat eher was mit nicht vermittelten Werten zu tun. Und solange in München grossangelegte Razzien auf Fahrradfahrer, die auf der falschen Strassenseite fahren, veranstaltet werden, solange Strafverfahren für den Besitz winziger Cannabiskrümel eingeleitet werden, solange die Hauptbeschäftigung der Beamten das Verteilen von Strafzetteln ist und solange die lieben Fernsterbank Bürger lieber die Polizei anrufen, als selber mal Farbe zu bekennen in ihren Gartenzaunkonflikten, solange sehe ich auch keinen Bedarf an mehr Beamten. Die sollten halt mal aufhören, Greifertrupps am Bahnhof hinter Schulschwänzern herzuschicken, dann kommen sie auch mit der Arbeit hinterher.
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  • Samstag, 19.09.2009 – 18:20 Uhr
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Die verheerendsten Amokläufe
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend". Mehr auf der Themenseite...





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