Predictive Policing in den USA Kontrolle ist gut, Überwachung ist besser

Wer wissen will, mit welcher Technik die deutsche Polizei bald arbeiten könnte, sollte nach Los Angeles blicken: Privatsphäre spielt bei der Arbeit des LAPD eine verschwindende Rolle.

Polizisten in Los Angeles bei der Arbeit mit Überwachungskameras
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Polizisten in Los Angeles bei der Arbeit mit Überwachungskameras

Von Boris Kartheuser


Wer an Los Angeles denkt, dem kommen Filmstudios, Strände oder verträumte Hippie-Cafés in den Sinn. Freiheit, Glamour und Laissez-faire. Dabei hat sich die Stadt weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit zu einem Experimentierfeld für polizeiliche Überwachungssysteme entwickelt. Kameras mit Gesichtserkennung, Nummernschildleser und Drohnen erfassen jeden Schritt in der Öffentlichkeit. Die technischen Möglichkeiten und die gesammelten Informationen übertreffen bereits jetzt bei Weitem die schlimmsten Erwartungen von Datenschützern.

Als die Finanzkrise 2007 die USA mit voller Wucht traf, hatte das nicht nur eklatante Auswirkungen auf Geldinstitute und die Spareinlagen der Bürger. Auch die meisten Polizeidienststellen des Landes mussten fortan den Kampf gegen Gewalt und Drogen mit weitaus weniger Mitteln führen als geplant. Statt Neueinstellungen gab es Entlassungen, viele Präventionsprogramme fielen Budgetkürzungen zum Opfer.

Düstere Aussichten für eine Stadt wie Los Angeles, in der allein organisierte Gangs etwa 40.000 Mitglieder haben sollen. In seiner Not entschied sich das Los Angeles Police Department (LAPD) für einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel: weg von der traditionellen Polizeiarbeit, hin zu nachrichtendienstlicher Informationsgewinnung mithilfe ausgefeilter Technologie. Denn je schneller und unkomplizierter ein Täter gefasst werden kann, desto weniger Beamte benötigt die Dienststelle.

Polizist des LAPD
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Polizist des LAPD

Seit der Entscheidung sind mehr als zehn Jahre vergangen. Jahre, die das LAPD dazu genutzt hat, seine computergestützte Polizeiarbeit massiv auszubauen. Was mit ersten bescheidenen Vorhersagemodellen begann, hat sich mittlerweile zu einem wahren Arsenal an Daten, Programmen und Überwachungstechnologien entwickelt.

Wer sich in Deutschland mit Predictive Policing auseinandersetzt, sollte dieses Beispiel vor Augen haben. Denn das einst gegebene Versprechen, die Privatsphäre und Bürgerrechte zu wahren, hat die Polizei in Los Angeles und anderen US-amerikanischen Großstädten längst gebrochen. Die Gier nach immer neuen Daten hat sich verselbstständigt.

Eines der zentralen Elemente der Polizeiarbeit sind die sogenannten Field Interview Cards - unscheinbare Karteikarten, die jeder Streifenpolizist bei sich trägt. Die Beamten sind angehalten, sie bei jeder Begegnung mit Bürgern auszufüllen. Egal ob beim freundlichen Plausch an der Ampel oder bei der Aufnahme eines Verkehrsunfalls. Die Felder umfassen zunächst allgemeine Angaben zu Name, Geburtsdatum, Telefonnummer, Adresse, Kleidung oder Alter.

Doch die Polizisten wollen weitaus mehr wissen über Einwohner und Besucher der Stadt. Und so fragen sie auch nach Spitznamen, Sozialversicherungsnummer, Bewährungsstatus oder Gangmitgliedschaften. Sind die Befragten mit einem Fahrzeug unterwegs, kommen Merkmale wie Schäden, Aufkleber oder eine besondere Ausstattung hinzu.

Notiert werden auch die Begleitpersonen. Den wenigsten Befragten dürfte dabei klar sein, dass die freundliche Frage nach dem Namen dem Ziel dient, Beziehungsnetzwerke erstellen zu können. Da Beamte den Ort und die Zeit der Befragung notieren, sind zudem Bewegungsprofile möglich.

Tausende Kameras im öffentlichen Raum

Um ihren Datenbestand zu vervollständigen, greift die Polizei von Los Angeles seit 2011 auf Tausende Kameras im öffentlichen Raum zurück. Dabei handelt es sich größtenteils um hochauflösende Modelle, die auch noch in 200 Meter Entfernung Gesichter erkennen und permanent in Echtzeit mit Datenbanken abgleichen können. Vergangene Aufenthaltsorte einer Person lassen sich damit bequem per Mausklick aufrufen.

Ergänzt wird das System durch automatische Nummernschild-Leser. Die unscheinbaren Geräte befinden sich nicht nur auf den Dächern sämtlicher Polizeiautos, sondern auch auf zahlreichen Abschleppwagen. Denn die bewegen sich unablässig durch die Stadt.

Mehr als 160 Millionen Datenpunkte konnten die Behörden mit Hilfe der Lesegeräte in den vergangenen Jahren sammeln. Ein solcher Datenpunkt verrät, wann und wo ein Fahrzeug angetroffen wurde. Die Nummernschildleser wurden so optimiert, dass sie sogar in Echtzeit Alarm auslösen, wenn beispielweise ein gestohlenes Fahrzeug das Gerät passiert.

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Mit jeder neu erworbenen Technologie scheint das Verlangen nach immer neuen Möglichkeiten der Überwachung zu wachsen. So überflog das LA County Sheriff's Department 2014 den Stadtteil Compton in einem zweiwöchigen Experiment mit einem Flugzeug. Das war mit hochauflösenden Kameras ausgestattet und erfasste jegliche Aktivität auf dem Boden. Ein wenig wie Google Earth mit der Möglichkeit, in der Zeit zurückzugehen.

Derzeit erprobt das LAPD den Einsatz von Drohnen. Außerdem registrieren in der Stadt verteilte Digital-Receiver-Boxen automatisiert Smartphones und erfassen mobile Kommunikation. Und das sind nur die bisher bekannten Methoden. Oft waren Klagen von Bürgerrechtlern nötig, um die ausufernden Überwachungstechnologien aufzudecken.

Ganze Serverparks dürften mittlerweile nötig sein, um die gewonnen Informationen noch aufnehmen zu können. Die Polizei schwimmt in einem Meer aus Abermillionen Daten - vielleicht versinkt sie auch. Denn all diese Informationen sind nichts wert, wenn die Fahnder sie nicht intelligent durchsuchen und miteinander verknüpfen können. Eine Mammutaufgabe, die das LAPD zunächst überforderte. Deshalb nahm die Polizeiführung 2009 den Datenspezialisten Palantir Technologies mit ins Boot.

Über das Unternehmen ist angesichts seiner Größe und Bedeutung erstaunlich wenig bekannt. 2004 mit Unterstützung der CIA gegründet, entwickelte es sich schnell zu einem globalen Player. Zahlreiche Regierungen und Nachrichtendienste zählen heute zu seinen Kunden, darunter das FBI, die NSA oder das Department of Homeland Security. Auch der Bundesnachrichtendienst soll Interesse an der Software gezeigt haben.

Lieferadressen von Pizzadiensten

Die Palantir-Software ist darauf ausgerichtet, strukturierte und unstrukturierte Daten zu organisieren und zu visualisieren. Beim LAPD können die Beamten beispielsweise Field-Interview-Karten oder Bewegungspunkte von Autos mit allen möglichen anderen Informationen verknüpfen. Das können FBI-Datenbanken sein, biometrische Informationen oder nationale Fahndungslisten. Oder aber Daten aus dem Bestand kommerzieller Informationsbroker. Denn Palantir und das LAPD haben in den vergangenen Jahren zusätzliche Daten wie Lieferadressen von Pizzadienste erworben und in das System gespeist. Damit lassen sich auch Menschen finden, die nicht über eine offizielle Meldeadresse verfügen.

Großes Interesse zeigten die Behörden in den vergangenen Jahren auch am Kauf von Kommunikationsdaten wie Anschlussbesitzern und angerufenen Telefonnummern. Würde die Polizei diese auf dem Dienstweg besorgen, bräuchte sie jedes einzelne Mal einen richterlichen Beschluss. Stattdessen kaufte sie Millionen Datensätze gleichen Inhalts bei kommerziellen Databrokern. Auch Informationen aus sozialen Netzwerken, von Mautbetreibern, Zwangsvollstreckungen, privaten Gesundheitsdiensten oder psychiatrischen Versorgungsdiensten verschaffte sich die Polizei auf diese Weise. Ein Löschen der Daten ist nicht vorgesehen.

Doch die Polizei von Los Angeles, die mehrere Anfragen unbeantwortet ließ, möchte mehr. Nach der Vermessung der Gegenwart soll nun die Zukunft stärker ins Augenmerk rücken. Zum Beispiel mit PredPol, einer gemeinsam mit der Universität von Kalifornien entwickelten Software. Das Programm soll auf Basis der bereits erfassten Taten vorhersehen, wo in naher Zukunft Einbrüche oder Überfälle geschehen werden. An diesen eingegrenzten Orten fahren Beamte dann vermehrt Streife. Zwar sprechen unabhängige Studien der Technologie immer wieder den Nutzen ab, doch das ficht die Polizeiführung in Los Angeles nicht an.

Datenbasierte Vorhersagemodelle sollen der Behörde nun sogar helfen, Taten einzelner Personen zu verhindern, bevor sie begangen werden - ganz wie in dem Hollywoodfilm "Minority Report".

Ein Team erfasst dazu Menschen, die es im Verdacht hat, in Zukunft Straftaten zu begehen - auch wenn diese "Verdächtigen" bisher nicht einmal auffällig geworden sind. Schon falsche Freunde können ausreichen, um auf der Liste zu landen. Und das hat weitreichende Folgen: Wer einmal auf der Liste steht, der wird im besten Fall nur angesprochen und verwarnt. Im schlimmsten Fall aber beobachtet und überwacht die Polizei die Person anschließend nach Belieben. Einspruch zwecklos, denn beim LAPD gilt der Grundsatz: Die Technik irrt nicht.


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Redaktion: Jörg Diehl



insgesamt 28 Beiträge
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spon-facebook-10000239462 27.01.2018
1. Das gibt es bei uns fast schon.
Auch Konzerne wie z.B. Amazon arbeiten mit ähnlichen Methoden. So werden von Amazon gelegentlich Zahlungen per Bankabbuchung ohne weitere Begründung abgelehnt. Auf Nachfragen erhält man maximal den Hinweis "Ich darf Ihnen nicht sagen, warum die Bezahlmethode abgelehnt wurde.". Es ist an der Zeit, sich über den Datenschutz Sorgen zu machen.
ftesarek 27.01.2018
2. Klar, es kommt und es muß kommen
Unsere Gesellschaft bewegt sich doch immer mehr in Richtung Amerika. Sie sind uns nur etwas voraus. In Gutem und auch im Schlechten. Und wir merken auch, wie die Kriminalität wächst und wie wir uns immer unsicherer fühlen. Und die Privatsphäre? Die müssen wir allmählich opfern .....
agenteurobond 27.01.2018
3. Warum wird man eigentlich ...
... als Verschwörungstheoretiker oder ähnliches beschimpft, wenn man dergleichen Praktiken als Beleg für den bereits real existierenden Faschismus bezeichnet? Das sind Szenarien, die bereist schlimmer sind, als die Warnungen Orwells beschrieben. Amerika ist weitab entfernt davon ein demokratischer Rechtstaat zu sein. Und wir sind nicht weit davon entfernt, den gleichen Status zu erreichen. Wäre es nicht Aufgabe von einem Blatt wie Spiegel, seine Leser darüber zu informieren und darauf aufmerksam zu machen, daß das nicht in Ordnung ist? Wäre es nicht Anlass, die Rolle der vierten Gewalt einzunehmen?
De facto 27.01.2018
4. A new brave world is emerging
Das gefährliche dabei ist - wir Menschen werden mit der Zeit uns daran gewöhnen und sogar verlangen - die totale Sicherheit! Klingt vielleicht heute und jetzt abartig, aber man soll nie unterschätzen was wir für Sicherheit opfern wollen.
Bibs1980 27.01.2018
5. Nadel im Heuhaufen
Mag sein, dass die Systeme heute Nummernschilder gut und vielleicht sogar halbwegs zuverlässig Gesichter in Videostreams erkennen können. Im Pilotversuch am Bahnhof Südkreuz in Berlin wurde eine Fehlerrate von 15-30 Prozent genannt, sprich in bis zu 3 von 10 Fällen kann ein vorher bekanntes Gesicht nicht erkannt werden oder wird mit einer falschen Person in Verbindung gebracht. Dass Poilzei und Politik die persönliche Freizügigkeit der nicht Tatverdächtigen und das Recht auch informationelle Selbstbestimmung nichts mehr wert sind, sieht man am Südkreuz, an der jedes Jahr steigenden Zahl an Funkzellenüberwachungen und nicht zuletzt in L.A. wie im Artikel beschrieben. Und auch hier gilt: Die Wahrscheinlichkeit, die Nadel im Heuhaufen zu finden steigt nicht, wenn man mehr Heu aufschüttet. Ein Mehr an Überwachung schafft nicht mehr Sicherheit.
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