Roma-Zuwanderung: Das Haus des Schreckens

Von , Duisburg

Zerschlagene Fenster, Schimmel an den Wänden, Müll vor den Türen - Hunderte Roma hausen in einem völlig heruntergekommenen achtstöckigen Mehrfamilienhaus in Duisburg. Zugleich leben viele im Viertel in Angst vor den Kriminellen unter den Zuwanderern.

SPIEGEL ONLINE

Der Mann im Trainingsanzug zieht das Akkordeon unter dem Bett hervor. Er schaut sich einen Moment lang um. Sein Blick schweift über die fleckigen Teppiche, die schimmelige Wände und bleibt schließlich auf dem kleinen Fernseher hängen. Es läuft irgendeine Dokumentation über Afrika.

Nun presst Ion* das Instrument zusammen, er zieht es wieder auseinander, die Finger fliegen über die Tasten. Es erklingt ein Lied aus seiner Heimat, von dem er nicht sagen kann, wie es heißt, nur dass es sehr traurig ist. Und er eben auch. "Ich muss betteln, um zu überleben", sagt Ion. So habe er sich das Leben in Deutschland nicht vorgestellt.

Ion - klein, kräftig, mit flinken Augen und herzlichem Lachen - stammt aus Iasi, einer Stadt im Nordosten Rumäniens, an der Grenze zu Moldau gelegen. Seine Familie hat er dort vor einem halben Jahr zurückgelassen, er wollte sich eine neue Existenz aufbauen in der Fremde, doch das ist so eine Sache, wenn man keinen Beruf gelernt hat und kein Wort Deutsch spricht.

Der große Roma-Treck

Der 45-Jährige gehört zu dem großen Roma-Treck, der bereits Zehntausende Menschen in die reicheren Mitgliedstaaten der Europäischen Union geführt hat. Vertrieben von Perspektivlosigkeit und Armut hoffen sie, dem Elend entgehen zu können. Sie kaufen sich für 100 Euro ein Ticket in einem Minibus und fahren zwei Tage und zwei Nächte. Doch dann stellen sie fest: Das Elend ist ihnen gefolgt.

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Roma-Haus in Duisburg: Acht Stockwerke Elend
Jetzt leben sie also hier, in einem achtstöckigen Backsteinbunker in Duisburg-Rheinhausen, der vollkommen heruntergekommen ist. Auf den Fluren riecht es nach Urin, die Scheiben in den Türen fehlen, und bis vor wenigen Tagen stand im Hof meterhoch der Müll. 300 Euro zahlt Ion hier für eine Zwei-Zimmer-Wohnung, deren Zustand jeder Beschreibung spottet, doch immerhin gibt es Strom und Wasser und eine funktionierende Heizung. "Für uns ist das viel."

Einmal im Monat kommt die Frau, die sie nur "die Blonde" nennen. Sie kassiert die Mieten, immer in bar, immer ohne Quittung. 46 Wohnungen gibt es in dem Haus, ein paar stehen leer. Anfang September waren 139 Personen hier gemeldet, wobei die Polizei davon ausgeht, dass deutlich mehr Menschen auf diesen Fluren leben.

Rotlichtgröße Branko B.

Das Elendsquartier gehört der Rotlichtgröße Branko B., einem massigen Mann mit guten Kontakten zu Rockern und einer Vorliebe für getunte Karossen von Mercedes. Im Duisburger Milieu betreibt der 55-Jährige unter anderem ein Laufhaus. Die Immobilie im Stadtteil Rheinhausen hat B. vor drei Jahren für 1,25 Millionen Euro einer Bauingenieurswitwe abgekauft. Angesprochen auf die Lebensumstände seiner Mieter gibt er sich ahnungslos: "Ich war noch nie da, darum kümmert sich meine Verwalterin. Ich bin nur der Eigentümer."

Nach einer großen Polizeirazzia kündigte B. kürzlich jedoch an, das Mehrfamilienhaus entmieten zu wollen. "Lieber verzichte ich auf Einnahmen, als dass ich weiter diesen Ärger am Hals habe", sagte er einer Lokalzeitung. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen versuchte B. bereits im Januar 2012, das Objekt für 1,7 Millionen Euro an eine Mülheimer Immobilienfirma zu veräußern. Ein Vertrag wurde geschlossen, doch im September traten beide Parteien plötzlich von der Abmachung zurück. Die Gründe dafür sind nicht bekannt, aber vielleicht war die allgemeine Aufmerksamkeit für den Bau eher hinderlich für das Geschäft.

In einem Papier der Duisburger Polizei heißt es jedenfalls, dass Nachbarn sich "nachvollziehbar" darüber beklagt hätten, wie die Zuwanderer hausten. "Die Häuser seien "vielfach vermüllt, das Umfeld kommt herunter, die hygienischen Bedingungen sind inakzeptabel", schreibt ein Erster Polizeihauptkommissar. "Die Schulpflicht scheint trotz der Vielzahl der Kinder keine Rolle zu spielen." Zum Teil verrichteten Menschen sogar ihre Notdurft im Freien.

"Dreist, unsozial, respektlos"

Das Verhalten der Zuwanderer werde "von Anwohnern sowie von Behörden und Institutionen als dreist, unsozial und respektlos wahrgenommen", so der Beamte. Die Zahl der Polizeieinsätze sei stark gestiegen, meistens gehe es dabei um Ruhestörungen. So notierte eine Streife wochentags um 22.50 Uhr: "Viele Kleinkinder, aus über 30 Wohnungen kommt Musik, Bericht an Stadt Duisburg." Die Lokalpresse nennt die Backsteinburg seit geraumer Zeit "das Problemhaus".

Denn mit den Zuwanderern aus den EU-Mitgliedstaaten Rumänen und Bulgarien, die zwar in Deutschland bleiben, aber nicht arbeiten dürfen, ist ganz offenbar auch die Kriminalität gestiegen. Laut Innenministerium ist die Zahl von Wohnungseinbrüchen und Diebstählen an Geldautomaten in der Region stark angewachsen, was vor allem auf südosteuropäische Banden zurückzuführen ist. "Wer nehmen das sehr ernst", sagt Minister Ralf Jäger (SPD), "aber es ist ein Irrtum zu glauben, dass dieses Problem alleine mit der Polizei zu lösen ist."

Aus einer Ermittlungsakte gegen die Rumäninnen Monica N., Gabriela M. und Monica S. wird ersichtlich, wie die Täter vorgehen: "Seit mindestens einem Jahr wird insbesondere in Duisburg (aber auch bundesweit) beobachtet, dass rumänische Tätergruppen (offensichtlich Familienclans) bandenmäßig in erschreckendem Ausmaß gewerbsmäßig Straftaten (…) begehen." Meist handele es sich um Taschen-, Trick- und Ladendiebstahlsdelikte. Hinzu kämen Betrügereien, bei denen vorgetäuscht werde, für Taubstumme oder Behinderte Spenden zu sammeln. In Wirklichkeit aber klauten die Täter ihren abgelenkten Opfern in diesen Augenblicken die Portemonnaies oder Telefone. Dazu setzten die Clanchefs vor allem junge Mädchen "überörtlich ein".

Jagdszenen in Duisburg

Immer wieder soll es bereits zu Auseinandersetzungen der Roma mit den Bewohnern des Viertels gekommen sein, sogar von regelrechten Jagdszenen ist in internen Papieren der Polizei die Rede. Die Öffentlichkeit wurde über diese Vorgänge bislang nicht informiert. Demnach griffen bereits vor Wochen drei oder vier Maskierte, bewaffnet mit Schlagstöcken und Schlagringen, fünf Männer an, die in einem Park saßen und tranken.

"Es ist davon auszugehen", so schrieb ein Polizist, "dass es sich um einen gezielten Übergriff von jungen türkischstämmigen Männern auf ebenfalls junge Roma rumänischer Nationalität handelte." Hunderte hätten zugesehen und teilweise sogar applaudiert. Der Grund? Wahrscheinlich sei "das immer stärkere und ungeregelte Anwachsen der Gruppe der Roma mit den damit verbundenen Belästigungen Auslöser dieses Übergriffs".

In Duisburg-Rheinhausen, wo früher Stahl gekocht wurde, brodelt es gewaltig.

* Name geändert

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