Von Gerald Traufetter, Oslo
Oslo - Immer wieder war im Gerichtssaal Schluchzen zu hören, ein Mädchen brach in einer Verhandlungspause zusammen: Schon am ersten Tag des Prozesses gegen Anders Breivik wurde deutlich, welche Belastung das Verfahren Überlebenden, Hinterbliebenen von Opfern und ganz Norwegen auferlegt.
Wie den Betroffenen zumute sein muss, lässt sich für Außenstehende nur erahnen. Christin Bjelland weiß, was sie durchmachen. Bjelland bezeichnet sich als eine Art Schutzschild. Sie ist Vizeleiterin der Selbsthilfegruppe, die sich um die Hinterbliebenen und Überlebenden der Anschläge vom 22. Juli 2011 kümmert. "Ich spreche mit den Medien, damit die Opfer in ihrer schweren Stunde ungestört bleiben", sagt sie vor dem Gerichtssaal mit der Nummer 250. Doch auch für Bjelland, deren 16-jähriger Sohn bei den Anschlägen auf Utøya verletzt wurde, sind es schwere Stunden, die sie an diesem Montag aushalten muss.
Der Prozess gegen Breivik begann am Morgen in Oslo mit der detailreichen Verlesung der Anklage und des Hintergrunds der Taten. Die Staatsanwaltschaft präsentiert eine Chronologie des Massenmordes. Jedes Opfer Breiviks - 77 Tote und 27 Schwerverletzte - nennt Staatsanwältin Inga Bejer Engh namentlich, mit Alter, Art der Verletzung und Ort des Angriffs. Die Staatsanwältin ringt um passende Worte, die Taten zu beschreiben. "Der Angeklagte hat sehr schwerwiegende Verbrechen in einem Ausmaß begangen, das wir in unserem Land in heutigen Zeiten noch nicht erlebt haben", sagt sie.
"Dieser Prozess reißt bei uns die alten Wunden wieder auf"
Nicht, dass sie überrascht darüber war, wie unberührt Breivik der Aufzählung der Toten, dem Bericht über die Details ihrer tödlichen Verletzungen folgte. Sie hatte ihn schon einmal gesehen vor Gericht. Doch jetzt ist sie sichtlich geschockt von der Wucht des Grauens, das dort in juristische Formulierungen verpackt auf sie eingeprasselt ist.
"Bei Naturkatastrophen", sagt Bjelland um Fassung bemüht, "da ist das Ereignis vorbei und man kann damit beginnen, es zu verarbeiten." Das sei in diesem Fall ganz anders: "Dieser Prozess reißt bei uns die alten Wunden wieder auf", sagt sie und fügt hinzu: "Wir haben das gewusst, und es ist doch etwas ganz anderes, wenn das Ereignis eintrifft."
Im Osloer Gerichtssaal verfolgten rund hundert Überlebende und Hinterbliebene der Opfer den ersten Verhandlungstag. Besonders schwer dürfte für sie zu ertragen gewesen sein, dass Breivik während der Verlesung der Opfernamen keinerlei Gefühlsregung zeigte. Dafür wurde er an anderer Stelle emotional: Bei Ausführungen von Staatsanwalt Svein Holden zur Ausrüstung des Angeklagten und Waffenkäufen lächelte er; als sein eigener Propagandafilm gezeigt wurde, war Breivik zu Tränen gerührt.
Die Anklage zeigte auch Bilder von Überwachungskameras, auf denen die Explosion des von Breivik hergestellten Sprengsatzes im Osloer Regierungsviertel zu sehen ist. Die bisher unveröffentlichten Aufnahmen zeigen, wie Menschen auf den geparkten Transporter zugehen, in dem Breivik die Bombe platziert hatte. Während Breivik in diesem Fall keine Emotionen zeigte, reagierten die Angehörigen der Opfer und anderen Zuschauer teilweise schockiert.
Staatsanwalt warnt vor "kräftigem Tonmaterial"
Auch die genaue Schilderung des Massakers auf der Insel Utøya war für viele Betroffene nur schwer zu ertragen. Die Staatsanwaltschaft spielte Aufzeichnung eines Telefonats von Breivik mit den Behörden vor: "Ich bin auf Utøya, habe gerade eine Operation ausgeführt und möchte mich jetzt ergeben."
Auch die Tonaufnahme eines Notrufs von der Fjordinsel Utøya wurde abgespielt. Auf dem Band ist zu hören, wie ein Mädchen während des Amoklaufs die Polizei um Hilfe bat. "Kommt schnell, kommt schnell", sagt das Mädchen in der Aufnahme - im Hintergrund Schüsse und Schreie. Staatsanwalt Holden hatte die Angehörigen im Gerichtssaal zuvor vor "kräftigem Tonmaterial" gewarnt und ihnen Gelegenheit gegeben, den Raum zu verlassen. Breivik zeigte keine Gefühle, atmete allerdings tief durch.
Mehrmals gibt es Verhandlungspausen. Während der Unterbrechungen drängen sich Reporter, Kommentatoren und auch Anwälte im überfüllten Foyer. Mittendrin steht Bjelland. Sie hält sich an diesem Montag an ihrer Funktion als Sprecherin der Hinterbliebenen fest.
Das gab ihr ganz offensichtlich Kraft, schon am Morgen, als sie an den Übertragungswagen und der Schlange mit Hunderten Journalisten vorbeigelaufen ist. Sie beklagt sich nicht über das weltweite Medieninteresse. "Das ist vollkommen verständlich", sagt sie. Es sei schließlich auch unter den Norwegern groß. "25 Prozent aller Bürger kennen jemanden, der von den Anschlägen betroffen war", sagt sie. "Es ist eine Tat, die das ganze Volk getroffen hat."
Zum Abschluss des ersten Prozesstags sagte Breiviks Anwalt Geir Lippestad, die Beweisstücke, die die Verteidigung vorbringen werde, "werden unterstützen, dass er zurechnungsfähig ist". Diese Einschätzung teilt die Staatsanwaltschaft nicht - sie geht davon aus, dass Breivik nicht zurechnungsfähig ist.
Das Leidensvermögen der Betroffenen dürfte ab Dienstag noch weiter geprüft werden. Dann ergreift Breivik selbst das Wort, für seine Einlassungen sind fünf Tage vorgesehen. Sein Anwalt Geir Lippestad hat die Öffentlichkeit darauf gefasst gemacht, dass sein Mandant Erklärungen abgeben wolle, die "schwer zu ertragen" sein dürften. Breivik wolle sein Bedauern darüber äußern, "nicht noch weiter gegangen zu sein".
Mitarbeit: Benjamin Schulz, Simone Utler
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