Prozess gegen Harry Wörz "Wenn du jetzt gehst, ist alles aus!"

Versuchte Harry Wörz vor zwölf Jahren, seine Ex-Frau Andrea Z. zu töten - oder ist er Opfer eines Komplotts? In dem spektakulären Prozess hat nun die Frau eines Polizisten ausgesagt, der mit Z. ein Verhältnis hatte. Kurz vor der Tat will sie ihrem Mann ein Ultimatum gestellt haben.

Aus Mannheim berichtet


Mannheim - "Bleiben Sie mir vom Hals!", zischt Daniela H. die SWR-Reporterin an und stürmt, flankiert von ihrer Rechtsanwältin, aus dem Saal eins des Mannheimer Landgerichts. Daniela H. spielt eine Schlüsselrolle im Fall Harry Wörz, der des versuchten Mordes an seiner früheren Frau Andrea Z. angeklagt ist und seit 1997 seine Unschuld beteuert..

Angeklagter Wörz: Täter oder Opfer?
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Angeklagter Wörz: Täter oder Opfer?

Bis vor wenigen Jahren war sie mit Thomas H. verheiratet. Der heute 50-Jährige arbeitete als Schichtführer des Polizeireviers Pforzheim-Süd und war damit der Vorgesetzte von Andrea Z. Der zweifache Familienvater hatte eine Affäre mit der zwölf Jahre jüngeren Polizistin und stand - wie Harry Wörz - kurzzeitig unter Verdacht, diese am 29. April 1997 überfallen und minutenlang stranguliert zu haben.

Andrea Z. überlebte den Mordanschlag schwer verletzt. Die inzwischen 38-Jährige ist seither ein Schwerstpflegefall, sitzt im Rollstuhl und leidet an einem "hypoxischen Hirnschaden". Sie kann nicht sprechen, nicht gehen, muss gefüttert, gewaschen und gewickelt werden.

Doch - anders als Harry Wörz - wurde Thomas H. nur kurzzeitig verdächtigt. Seine Frau Daniela H. gab ihm ein Alibi. In zwei Prozessen sagte sie, ihr Mann habe die ganze Nacht zu Hause neben ihr im Bett verbracht. Mittlerweile ist das Ehepaar getrennt, und Daniela H. hat sich eine Rechtsanwältin gesucht, die sie hermetisch abschirmt. Die Juristin sorgte auch am Freitag dafür, dass im dritten Verfahren gegen Wörz die Öffentlichkeit während Daniela H.s Aussage ausgeschlossen wurde.

Überraschenderweise gab es nach ihrer mit Unterbrechungen knapp vierstündigen Aussage auf beiden Seiten zufriedene Gesichter: Für Staatsanwalt Philipp Karl Zinkgräf bestätigte Daniela H. mit ihren Angaben erneut das Alibi des Thomas H., für Wörz' Verteidiger Hubert Gorka dagegen wackelt dieses seither erheblich.

"Sie hat ihm für den wesentlichen Moment ein Alibi gegeben", so Staatsanwalt Zinkgräf gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Sie sagt, sie war die ganze Nacht zu Hause - und er auch."

"Ein richtiges Alibi ist das nicht"

"Daniela H. ist eine ganz zentrale Zeugin", erklärt Rechtsanwalt Gorka, seit vielen Jahren Pflichtverteidiger von Harry Wörz. Er bewertet die Aussage der 49-Jährigen komplett gegenteilig: "Sie bleibt zwar dabei, dass sie gemerkt hätte, wenn er das Bett verlassen hätte, sagte aber auch, sie könne nicht mehr sagen, wie oft und ob er einmal aufgestanden sei." In der Vergangenheit hatte Daniela H. konkrete Zeitangaben gemacht, wann ihr Mann nachts das Bett verlassen habe, um etwas zu trinken. "Ein richtiges Alibi ist das nicht."

Der Angeklagte
Harry Wörz, geboren 1966, wächst als Sohn eines Friseurmeisters in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Nach der Scheidung seiner Eltern bleibt er zusammen mit seiner älteren Schwester bei Vater und Großmutter. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist beständig. Wörz lernt Gas- und Wasserinstallateur, holt später die mittlere Reife nach, lässt sich zum Bauzeichner ausbilden und arbeitet schließlich als Gabelstapelfahrer und Maschineneinrichter. Die Ehe mit der Polizistin Andrea Z. geht in die Brüche, als der gemeinsame Sohn Kai ein Jahr alt ist. Wörz hat ihn seit 2004 nicht mehr gesehen. Vor viereinhalb Jahren heiratet Wörz ein zweites Mal und wird erneut Vater. Für die Prozesse gegen ihn hat Harry Wörz sich hoch verschulden müssen.
Zumal Daniela H. seit 1991 schwerhörig ist. Dennoch will sie während ihrer Ehe stets gehört haben, wenn ihr Mann beim Nachhausekommen seinen Schlüssel in eine Keramikschale warf. Das betonte die zweifache Mutter auch am Freitag. Dieses Geräusch habe sie seinerzeit nicht gehört. Ihre Schlussfolgerung: Thomas H. habe die Wohnung nicht verlassen.

Außerdem will die betrogene Ehefrau in jener Tatnacht einen leichten Schlaf gehabt haben. Längst wusste sie von den außerehelichen Eskapaden ihres Mannes. Ihr war klar, dass er mit der ihm untergebenen Kollegin eine Affäre hatte. Just an jenem Abend, wenige Stunden vor dem Überfall, habe er ihr aber gesagt, er habe sich für seine Frau und seine Familie entschieden. Dennoch würde er noch einmal zu Andrea Z. fahren wollen. "Wenn du jetzt gehst, ist alles aus!", habe sie ihm gedroht - Thomas H. habe pariert und sei geblieben. Angst habe sie dennoch gehabt, dass er es sich nachts anders überlege - deswegen der leichte Schlaf.

Daniela H. sei die Aussage vor Gericht "sehr, sehr schwer gefallen", so Wörz' Pflichtverteidiger Gorka. Sie habe oft weinen und ihre Aussage unterbrechen müssen. Über Gründe für ihr Verhalten wollte Gorka nicht spekulieren.

Alte Gefühle

Einer könnte gewesen sein, dass sich alte Gefühle wieder regten. Eine Freundin der betrogenen Gattin erzählte vor Gericht, dass Thomas H. keine Entscheidung fällen wollte oder konnte, ob er für Andrea Z. seine Frau verlassen oder doch bei ihr und den beiden Kindern bleiben sollte.

Die Freundin erinnerte sich, wie der damals zehnjährige Sohn der beiden einmal die Wohnungstür von innen abgeschlossen und den Schlüssel versteckt habe, weil er nicht gewollt habe, dass der Vater weggeht. Thomas H., ein kräftiger, durchtrainierter Mann, habe die Tür kurzerhand eingetreten und sei erst am nächsten Tag zurückgekehrt.

Wenige Wochen vor der Tat habe die damals 13-jährige Tochter bei der Freundin angerufen und sie gebeten, schnell vorbeizukommen. Als sie bei den H.s eintraf, habe Daniela H. zitternd auf dem Boden gelegen, unfähig alleine aufzustehen. Vermutlich ein Nervenzusammenbruch. Thomas H. sei, so die Freundin, über seine sich windende, weinende Frau einfach hinweggestiegen - ohne zu helfen oder sich um sie zu kümmern.

Gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter, berichtete die Freundin zudem, habe Daniela H. ihre Nebenbuhlerin auch einmal in deren Wohnung zur Rede gestellt und ihr eine Ohrfeige verpasst, die mit einem kräftigen Schubs quittiert worden sei. Daniela H. sei daraufhin eine Treppe hinuntergestürzt.

"Opfer einer Polizeimaschinerie"

Der Fall Harry Wörz ist einer der ungewöhnlichsten in der deutschen Kriminalgeschichte: Wörz wurde 1998 wegen versuchten Totschlags zu elf Jahren Haft verurteilt und saß daraufhin vier Jahre und sieben Monate im Gefängnis. Sein Pflichtverteidiger Gorka schaffte, was nur selten gelingt: ein Wiederaufnahmeverfahren, das mit Freispruch endete.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hob diesen jedoch wegen "durchgreifender Rechtsfehler" auf und gab das Verfahren erneut ans Landgericht Mannheim zurück. In dem jetzigen, dritten Prozess ist Harry Wörz wegen versuchten Mordes angeklagt.

Sein zweiter Pflichtverteidiger, Ralf Neuhaus, sieht Wörz als "Opfer einer Polizeimaschinerie": Nicht nur das Opfer Andrea Z. und Geliebter Thomas H. waren beziehungsweise sind bei der Polizei, sondern auch Andreas Vater Wolfgang Z. war Polizist. Trotzdem - oder vielleicht deswegen - kam es bei den Ermittlungen zu groben Schlampereien am Tatort und bei der Spurensicherung. Sie erschweren die Arbeit der 3. Strafkammer enorm. "Wie eine Elefantenherde durch den Porzellanladen" seien die Polizeibeamten am Tatort vorgegangen, sagte der Vorsitzende Richter Rolf Glenz in einer Sitzung.

Vielleicht ergibt sich jedoch im Laufe des Verfahrens auch ein weiterer Tatverdächtiger. Am kommenden Dienstag soll Thomas H. selbst aussagen.



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