Prozess gegen Heidi K.: Vom Opfer zur Angeklagten

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Angeklagte Heidi K. in Darmstadt: Widersprüchliche Aussagen

Sie sei von ihrem Kollegen vergewaltigt worden, behauptete Heidi K. über Horst Arnold. Der musste ins Gefängnis. Das Urteil wurde später aufgehoben, doch sein Leben war zerstört. Nun steht Heidi K. selbst vor Gericht, wegen Freiheitsberaubung. Ein befremdlicher Auftritt.

Eine schlanke Frau mittlerer Größe und mittleren Alters betritt den Saal im Darmstädter Landgericht, umringt von ihren drei Anwälten, die Augen hinter einer kohlschwarzen Sonnenbrille verborgen. Ihre Haare bedeckt eine tizianrote, lockige Langhaarperücke. Sie zögert, bewegt sich unsicher, wie tastend, zu ihrem Sitzplatz gegenüber dem Richtertisch. Erst nach ein paar Schritten hält sie weißes Papier vors starr verkniffene Gesicht, um sich vor Foto- und Filmkameras zu schützen.

Es ist Heidi K., suspendierte Studienrätin, 48 Jahre alt - und heute zweite Hauptperson in einem Justizskandal, an dem die Darmstädter Justiz wohl noch einige Zeit ihre Freude haben wird.

Dem Prozess gegen Heidi K. wegen Freiheitsberaubung, der an diesem Mittwoch begann, ging ein zehn Jahre währender Justizmarathon zu Lasten des im vorigen Jahr an Herzversagen verstorbenen Lehrers Horst Arnold voraus.

Der Mann war nach einer Strafanzeige Heidi Ks. wegen angeblicher Vergewaltigung im Herbst 2001 festgenommen und am 24. Juni 2002 vom Landgericht Darmstadt zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Diese Strafe saß er, weil er sich nie zur der vorgeworfenen Tat bekannte, bis zum letzten Tag ab, das war der 1. Oktober 2006.

Ein zerstörtes Leben

Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens vor dem Landgericht Kassel, das der Berliner Rechtsanwalt Hartmut Lierow erfolgreich betrieben hatte, wurde das Darmstädter Urteil aufgehoben. Horst Arnold wurde am 5. Juli 2011 wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. Der Kasseler Freispruch wurde erst 2012 rechtskräftig, weil Heidi K. Rechtsmittel dagegen eingelegt hatte.

Horst Arnold kam dadurch nicht einmal mehr in den Genuss der ihm zustehenden Haftentschädigung für mehr als 1800 Tage hinter Gittern (der Tagessatz beträgt 25 Euro, von denen noch die Kosten für Essen und Logis abgezogen werden). Er hatte seinen Beruf, seine Existenz, Haus, Auto - er hatte alles verloren. Seine Lebensgefährtin hatte sich von ihm getrennt, als sie hörte, was er getan haben sollte. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, zog er wieder bei seinen Eltern ein und bewohnte dort als Mann von über 50 Jahren sein altes Kinderzimmer.

Eine Rückkehr in den alten Beruf verwehrte ihm die Ministerialbürokratie mit Hinweis auf Vorschriften, auf Fristen, auf ein Regelwerk, das für Berufsanfänger gedacht ist, nicht aber für einen Mann, dem der Staat das Leben zerstört hatte. Man vertröstete ihn ein ums andere Mal. Ein Entgegenkommen in diesem Ausnahmefall schien niemandem geboten. Dass Arnold an Herzversagen starb, lag wohl auch daran, dass er die Hoffnung auf Besserung seiner Situation aufgegeben hatte.

Das unstete Leben der Heidi K.

Am Mittwoch wiederholte Heidi K. ihre Anschuldigung gegen Horst Arnold. Was sie vor Gericht aussagte, führt aber zu der Frage, ob nicht schon sehr viel früher, nämlich nicht erst im Jahr 2013, sondern schon 2002 an der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen hätte gezweifelt werden müssen. Der Prozess stellt nicht nur das angebliche Vergewaltigungsgeschehen noch einmal auf den Prüfstand eines Gerichts, sondern auch vieles von dem, was Heidi K. an ihren vielen Arbeitsstellen zum Besten gab.

Sie hat offenbar ein in jeder Hinsicht unstetes Leben geführt. Es dürfte schwerfallen, die Zahl sämtlicher Schulen genau zu beziffern, an denen sie mal ein Jahr oder nur ein paar Monate beschäftigt war und die sie aus unterschiedlichsten Gründen, die sie heute selbst kaum noch angeben kann, wieder verließ.

Ähnlich ist es mit ihren Beziehungen zu Männern. Wann sie das erste Mal geheiratet habe, fragt die Vorsitzende der 15. Großen Darmstädter Strafkammer, Barbara Bunk. Heidi K. weiß es nicht. Wann sie geschieden wurde, wann sie wieder heiratete, und dann das dritte Mal - sie weiß es kaum noch. "Seit ich in Therapie bin", sagt sie langsam auf Fragen des Gerichts, "habe ich Probleme mit der zeitlichen Zuordnung." Immer wieder: "Ich weiß das nicht mehr."

In den vielen Therapien, die sie mittlerweile hinter sich habe, sei so vieles in ihr hochgekommen. Und was dann in den Medien über sie berichtet worden sei, habe sie "retraumatisiert". Zur Zeit mache sie eine Traumatherapie. Und Familienaufstellungen. Und Gestalttherapien. Und so fort.

Feststeht, dass sie am 6. August 2001 eine Stelle als Lehrerin an der Sekundarstufe 1 und als Beamtin auf Probe an der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim im Odenwald angetreten hatte. An diesem Tag lernte sie den Kollegen Horst Arnold kennen, der, wie sie, Biologie unterrichtete. Dann war Arnold zwei Wochen krankgeschrieben. Während dieser Zeit wurde sie Fachbereichsvorsitzende für Biologie und damit Nachfolgerin von Arnold. Am 30. August, so war vereinbart, sollte sie von ihm die entsprechenden Unterlagen und Schlüssel bekommen. Zwei Tage zuvor allerdings soll er sie, wie sie noch immer behauptet, in einem Vorbereitungsraum der Schule während einer kurzen Pause vergewaltigt haben.

Aussagen widersprechen sich

Wird eine Frau zwölf Jahre später nach Einzelheiten einer Vergewaltigung gefragt, die sie erlitten haben mag oder auch nicht, dann verwundert es nicht, dass sie unpräzise antwortet oder sich auf mangelnde Erinnerung beruft. Heidi K. aber hat doch offenbar in so vielen Punkten mal dies und mal jenes behauptet, hat mal dieses und mal jenes Motiv angegeben, dass eine Sichtung dieser Irrungen und Wirrungen kaum möglich erscheint.

Offenbar besteht ihr ganzes Leben aus vorwiegend negativen Erlebnissen - oder sie empfindet es so. Eine Therapeutin, schildert sie vor Gericht, habe ihr geraten, sie müsse endlich mal aus ihrer "Opferrolle" herauskommen. Vielleicht war dieser Rat gar nicht falsch.

Nur ein Beispiel: "Warum haben Sie das Chemiestudium nach vier Semestern abgebrochen?", fragt die Vorsitzende. In Darmstadt hatte Heidi K. 2002 die Schuld dafür ihrem ersten Ehemann zugeschoben: Er habe nicht gewollt, dass sie studiere; daher habe sie eine Lehre als Versicherungskauffrau absolvieren müssen. Der Mann war also schuld. In Darmstadt im Jahr 2013 sagt sie nun, sie habe das "elternunabhängige Bafög" haben wollen, was nur der bekommt, der eine Lehre absolviert. Deshalb der Abbruch. Denn sie habe ja weiterstudieren wollen. Gegen den Willen des Ehemannes?

Es gibt Dutzende solcher Beispiele, die am ersten Hauptverhandlungstag noch gar nicht richtig zu Tage traten, sondern sich erst im Lauf des Prozesses werden klären lassen. Heidi K. konnte von dem renommierten Psychiater Norbert Leygraf begutachtet werden, nachdem sie sich zunächst standhaft geweigert hatte, mit einem Sachverständigen zu sprechen. Das Gericht scheint entschlossen, den ganzen Fall noch einmal gründlich aufarbeiten zu wollen - ein begrüßenswertes Vorhaben, nachdem man im ersten Durchgang offenbar allzu gutgläubig und voreingenommen in Heidi K. nur das "Opfer" wahrgenommen hatte. Jetzt ist sie Angeklagte.

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