Prozess gegen Kindermörder Gutachter hält "Maskenmann" für schuldfähig

Er habe eine "schwere seelische Abartigkeit", er sei egozentrisch - und sich seiner Taten voll bewusst gewesen: Ein Psychiater hat dem mutmaßlichen Kindermörder Martin N. Schuldfähigkeit attestiert. Sein Gutachten wurde vor Publikum vorgetragen - gegen den Willen der Verteidigung.

Maskierter Mann: Mit diesem Bild fahndete die Polizei nach dem Kindermörder
dapd/ Polizei

Maskierter Mann: Mit diesem Bild fahndete die Polizei nach dem Kindermörder


Celle - Der mutmaßliche Kindermörder Martin N. war sich nach Aussagen eines Gutachters seiner Taten voll bewusst und konnte sie steuern. Damit sei der angeklagte 41-Jährige schuldfähig, sagte der Psychiater Norbert Nedopil vor dem am Montag in Celle tagenden Gericht.

Der 41-jährige Angeklagte muss sich seit Oktober 2011 vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, drei Jungen im Alter von acht bis 13 Jahren getötet und 20 Missbrauchstaten verübt zu haben. Die meisten Taten hat Martin N. gestanden.

Neopil sagte, dass psychiatrische Tests bei dem Angeklagten eine "schwere seelische Abartigkeit" ergeben hätten. Er sehe eine Rückfallgefahr.

Der Angeklagte habe eine Tag- und eine Nacht-Seite. "Es gibt möglicherweise mehr dunkle Flecken auf der Schattenseite des Angeklagten, als bis zu Beginn der Hauptverhandlung bekannt waren", so Nedopil. Tagsüber sei der Pädagoge ein freundlicher und fürsorglicher Jugendbetreuer gewesen, nachts habe er Jungen missbraucht, um die er sich eigentlich kümmern sollte. "Er ist egozentrisch und wenig emotional - sich und anderen gegenüber."

Eindeutig sei Pädophilie bei dem Angeklagten zu diagnostizieren, sagte Nedopil. Daran gebe es keinen Zweifel. Das sexuelle Verlangen nach Jungen führe jedoch nicht zu einer eingeschränkten Schuldfähigkeit.

Das Gericht müsse nun entscheiden, ob Martin N. in Sicherungsverwahrung komme. Neopil verspreche sich davon allerdings "keinen zusätzlichen Sicherheitsgewinn". Die Kriterien für eine Entlassung aus lebenslanger Haft und aus einer Sicherungsverwahrung seien dieselben.

Verteidigung wollte Öffentlichkeit ausschließen

In Gesprächen habe Martin N. gesagt, dass er regelmäßig mit dem Auto unterwegs gewesen sei und sich nachts in Heime und an die Betten von Jungen geschlichen habe, um sie im Schlaf zu missbrauchen. Mindestens 50-mal habe er das getan. Um nicht erkannt zu werden, hatte sich Martin N. für einige seiner Taten eine Maske übergezogen. Zwischen 1992 und 2001 soll der Angeklagte in Norddeutschland drei Jungen aus Landschulheimen und Zeltlagern verschleppt und getötet haben - aus Angst davor, dass seine Familie etwas von seinen pädophilen Neigungen erfahre.

Martin N. war im April vergangenen Jahres fast 20 Jahre nach der ersten Tat gefasst worden, weil sich ein Missbrauchsopfer an den Jugendbetreuer erinnerte.

Vor dem in Celle tagenden Gericht waren zuvor Auszüge aus Chat-Protokollen aus den Jahren von 2000 bis 2011 verlesen worden. Der "Maskenmann" soll unter verschiedenen Pseudonymen rund 4500 Beiträge auf einer Pädophilen-Internetseite verfasst haben. Der 41-Jährige gab zu, sich dort zu sexuellen Phantasien geäußert und bekannte Gedichte obszön umgeschrieben zu haben. Teilweise habe es sich für ihn um ein Spiel gehandelt. "Er wollte damit für Furore sorgen, hat aber auch viel Ablehnung erlebt", sagte der Gutachter. Jetzt seien ihm nach eigenen Aussagen viele seiner Texte unangenehm.

Der Prozess läuft vor dem Landgericht in Stade. Die Kammer war ausnahmsweise nach Celle ausgewichen. In Stade liefen an diesem Montag mehrere große Strafprozesse parallel. Die Richter hatten vor der Verlesung des Gutachtens über den von der Verteidigung beantragten Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert, hatten aber beschlossen, die Öffentlichkeit wegen der Brisanz der verübten Taten zuzulassen.

Der Prozess wird am 25. Januar am Landgericht Stade fortgesetzt.

bim/dapd/dpa

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