Krankenpfleger vor Gericht: Sexueller Missbrauch auf der Kinderstation

Von , Hildesheim

Angeklagter Marc R.: Geständnis angekündigt Zur Großansicht
DPA

Angeklagter Marc R.: Geständnis angekündigt

Kinderkrankenpfleger Marc R. hat gestanden, im Klinikum Hildesheim junge Patienten sexuell missbraucht zu haben. Die Jugendkammer des Landgerichts Hildesheim schloss die Öffentlichkeit zum Prozessauftakt komplett aus. Gut für das Krankenhaus.

In der Stille der Nacht scheint sich Marc R. wohlgefühlt zu haben. Dann war der Krankenpfleger allein auf der Kinderstation des Klinikums Hildesheim, suchte seine kleinen Patienten auf, verabreichte ihnen Tabletten, die sie narkotisierten, legte ihnen ein Tuch aufs Gesicht - und verging sich an ihnen.

Den Missbrauch fotografierte und filmte Marc R., zu Hause hortete er die Aufnahmen und Videos. Jahrelang soll er diese perversen Praktiken ausgelebt haben, die Staatsanwaltschaft Hildesheim kann ihm bislang Taten zwischen 2009 und 2013 nachweisen. In dieser Zeit soll er etwa zehn Mädchen und einen Jungen sexuell missbraucht haben. Nicht alle seine Opfer konnten bisher identifiziert werden.

Die Kapuze seines grünen Pullovers über den Kopf gezogen betrat Marc R., 35, am Dienstag den Schwurgerichtssaal 134 des Landgerichts Hildesheim. Vor der 3. großen Strafkammer, der Jugendkammer, ist er angeklagt wegen Vergewaltigung, schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und sexueller Nötigung. Ihm droht eine Haftstrafe und anschließende Sicherungsverwahrung.

Ermittler waren ihm nur per Zufall auf die Spur gekommen: Marc R. jobbte nebenher als Fotograf in einer Discothek in Celle und wanzte sich dort an junge Frauen heran. Er gab vor, er sei Arzt oder Mediziner in der Ausbildung, und überredete sie, sich von ihm Blut abnehmen und dabei für vermeintliche Ausbildungszwecke für das Klinikum Hildesheim filmen zu lassen.

Ausschluss der Öffentlichkeit

Etwa sieben Frauen begleiteten ihn nach Hause oder in ein Wohnmobil oder nahmen ihn mit in ihre Wohnungen. Dort sedierte er auch die Frauen ohne ihr Wissen, spritzte ihnen bei der angeblichen Blutabnahme ein Narkosemittel - und vergewaltigte sie. Auch diese Taten hielt er mit der Kamera fest.

Eine Frau jedoch überkam Misstrauen. Sie stellte Strafanzeige gegen Marc R. wegen Titelmissbrauchs und Körperverletzung, bevor er sie missbrauchen konnte. Daraufhin durchsuchte die Polizei Celle die Wohnung des angeblichen Arztes in Hannover - und fand die Bilder und Filme, die den sexuellen Missbrauch an den Kindern im Klinikum und an den Disco-Bekanntschaften dokumentierten. Die Beweislast ist erdrückend. Am 6. März 2013 wurde Marc R. festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Sein Verteidiger Matthias Doehring stellte zum Prozessauftakt den Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Es gehe um den persönlichen Bereich seines Mandanten, aber auch um den der Opfer. Drei von ihnen treten als Nebenkläger im Verfahren auf. Die Staatsanwältin und die Nebenklagevertreter schlossen sich dem Antrag an.

Die Kammer zog sich zur Beratung zurück und schloss daraufhin die Öffentlichkeit für die gesamte Verhandlung aus - von der Verlesung der Anklageschrift bis zum letzten Wort, das der Angeklagte nach deutschem Recht zum Abschluss eines Verfahrens hat. Vermutlich wird nur das Urteil öffentlich verkündet, und selbst für die Begründung des Urteils werden keine Zuschauer zugelassen.

Häufigkeit der Taten spricht gegen Schuldunfähigkeit

Das rigide Vorgehen begründete Richter Volker Heckemüller damit, dass sowohl die Intims- und Privatsphäre des Angeklagten als auch die der Opfer betroffen seien. Es gehe um das Sexualleben des mutmaßlichen Täters und dessen sexuelle Praktiken. Einige der Opfer seien aufgrund ihres Alters "besonders schützenswert". Die betroffenen Kinder sind zwischen zehn und 15 Jahre alt.

Mit dieser Entscheidung hat die Kammer hinsichtlich potentieller Revisionsgründe ein Maximum an Sicherheit geschaffen. Immerhin handele es sich um "ein höchst emotionales Verfahren", sagte Richter Stephan Loheit, Sprecher des Landgerichts.

Marc R., der nicht vorbestraft ist, werde ein umfassendes Geständnis ablegen, kündigte sein Verteidiger an. Pauschal hatte der 35-Jährige die ihm vorgeworfenen Taten bereits im Rahmen der Ermittlungen eingeräumt, nur an Details wollte er sich nicht erinnern.

Am Verfahren nimmt auch ein Sachverständiger teil, der ein psychiatrisches Gutachten zur Schuldfähigkeit Marc R.s erstellen soll. Bislang sprechen die Vielzahl und die Häufigkeit der Taten eher gegen eine Schuldunfähigkeit.

Zudem muss der Gutachter klären, ob psychische Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung gegeben sind. Ist Marc R. ein sogenannter Hangtäter, ein Straftäter, der eine intensive, tief verwurzelte Neigung zu Straftaten hat, die ihn immer wieder straffällig werden lässt?

Offene Fragen an die Klinik

Vor Gericht fragte ihn der Vorsitzende Richter Volker Heckemüller am Dienstag: "Sie sind von Beruf Kinderkrankenpfleger?" Der kräftige Mann mit dem dichten Bürstenhaarschnitt atmete tief durch: "Gewesen, ja."

Seit 2005 arbeitete Marc R. als Kinderkrankenpfleger im Klinikum Hildesheim. Es ist nicht auszuschließen, dass er sich seinen wehr- und arglosen Patienten bereits vor 2009 unsittlich genähert hat. Dass das Verfahren gegen ihn nun völlig im Geheimen verhandelt und nicht in der Öffentlichkeit breitgetreten wird, kann dem Krankenhaus nur recht sein. Antworten auf Fragen wie "Hatte Marc R. uneingeschränkten Zugang zu Narkosemitteln? Wurde die mögliche Entnahme von Medikamenten nicht registriert?" werden nicht an die Öffentlichkeit dringen.

Zum Prozessbeginn gegen den ehemaligen Pfleger gab das Klinikum Hildesheim ein vorgefertigtes Statement heraus. Darin geht es in erster Linie darum, inwieweit die Mitarbeiter die Situation verarbeitet hätten und dass bei neuem Betreuungsbedarf durch den jetzt beginnenden Prozess "jederzeit Psychologen und Seelsorger zur Unterstützung" stünden. Kein Wort zu den Opfern, die Marc R. ausgeliefert waren.

Seit September 2011 arbeiteten im Neubau des Klinikums in der Nachtschicht immer zwei Personen statt nur einer wie früher, wird Geschäftsführer Sascha Kucera in der Erklärung zitiert. Dadurch sei "eine stärkere Kontrolle der Mitarbeiter untereinander gegeben". Im Fall Marc R. scheint das kein Schutz für die Kinder gewesen zu sein. Sein letzter Übergriff ereignete sich im Januar 2013.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Sexueller Missbrauch von Kindern
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback