Prozess gegen Jugendpfarrer König: "Es wird gelogen, gelogen, gelogen"

Von , Dresden

SPIEGEL ONLINE

Wegen schweren Landfriedensbruchs bei einer Anti-Nazi-Demo steht der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König in Dresden vor Gericht. Doch die Videos, die im Prozess gezeigt wurden, stützen nicht die Aussagen der Polizisten, die den 59-Jährigen belasten.

"Ihr Sachsen, steht doch mal auf, wehrt euch! Ihr wart doch mal protestantisch", ruft Lothar König und lacht. Der Jenaer Jugendpfarrer steht in einem Saal der Evangelischen Hochschule Dresden und spricht vor mehr als hundert Zuhörern über seinen Prozess vor dem Amtsgericht Dresden. König ist angeklagt wegen schweren Landfriedensbruchs. Er soll bei der Anti-Nazi-Demo am 19. Februar 2011 Protestler zu Gewalt gegen Polizeibeamte aufgehetzt haben.

Die Besucher der Veranstaltung nehmen Königs Ausspruch mit Humor. Sie ahnen: Zum Lachen ist dem 59-Jährigen nicht zumute. Für ihn steht viel auf dem Spiel. "Bei einer rechtskräftigen Haftstrafe über ein Jahr ist ein Pfarrer zu entlassen", sagt Michael Lehmann, Oberkirchenrat und Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Lehmann nimmt als Zuschauer an der Hauptverhandlung teil. Bislang gebe es für die Kirche "keine Erkenntnisse, dass die Vorwürfe stimmen".

Von den Aussagen der Polizisten abgesehen, gibt auch die bisherige Beweisaufnahme dazu keinen Anlass. König nahm an jenem Februartag mit seinem blauen VW-Transporter an der Kundgebung teil, ausgerüstet war der Wagen mit Lautsprechern. Mannschaftsführer Alexander E. berichtete vor Gericht, wie er den Bus Königs passierte und seinen Kollegen in neun Polizeifahrzeugen per Funk das Kommando zum Wenden erteilte.

"Faustgroßer" Stein in die Autoscheibe

Während des Manövers, sagte der Polizist aus, habe er aus dem "Lauti", wie König und seine Junge Gemeinde den VW-Bus nennen, den Aufruf gehört: "Deckt die Bullen mit Steinen zu!" Er habe daraufhin den Befehl ausgegeben, Schutzhelme aufzusetzen, das Sondersignal einzuschalten - und schon sei ein "faustgroßer" Stein geflogen, der eine der hinteren Autoscheiben zertrümmert habe.

"Ich habe Lothar König als Fahrer erkannt", sagte Mannschaftsführer E. vor Gericht. Und: "Die Stimme kam aus dem Lautsprecher." Er betonte zwar, er könne nicht behaupten, dass "Herr König das gesagt hat", aber er sei sich ganz sicher: Der Gewaltaufruf erfolgte im Moment des Wendemanövers.

Das unten aufgeführte Video, das vom Dach des Busses aufgenommen wurde, scheint die Schilderungen des Mannschaftsführers zu widerlegen. Es wurde in der Hauptverhandlung gezeigt. In dem Film ist eindeutig zu erkennen, wie Königs "Lauti" an der Polizeikarawane vorbeifährt, das Wendemanöver jedoch zu einem späteren Zeitpunkt stattfindet, als der Beamte, der im ersten der neun Polizeibusse saß, behauptet.

Video hier ansehen: Aufnahme vom Dach des Lautsprecherwagens

Zudem ist nicht nur keine einzige Drohung zu vernehmen. Aus den Lautsprechern dröhnt "Bella Ciao", das Lied der italienischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg - inzwischen fast eine Hymne der anarchistischen Bewegung. Musik aber will der Mannschaftsführer keine gehört haben.

Interessant ist auch: Am 23. März 2011 - 32 Tage nach den heftigen Ausschreitungen bei der Demonstration in Dresden - gab Mannschaftsführer E. zu Protokoll: "Eine nicht feststellbare Person forderte die Menschenmenge über Lautsprecher oder Megafon auf, die Polizeifahrzeuge anzugreifen. Im gleichen Atemzug wurden die Fahrzeuge mit Steinen und Flaschen beworfen."

Erinnerungen nach Monaten plötzlich konkreter

Am 21. September 2011 allerdings - 214 Tage nach der Anti-Nazi-Demonstration - waren die Erinnerungen des Polizeibeamten wesentlich konkreter als kurz nach den Vorfällen. "Ich kann auch ausschließen, dass es über ein Megafon kam, da ich in unmittelbarer Nähe des Lautsprecherwagens stand und Ansagen über Megafon völlig anders klingen und auch nicht so laut."

Der Gewaltaufruf "Deckt die Bullen mit Steinen ein!" sei "definitiv aus diesem Fahrzeug" gekommen. "Zumal sich dieses Fahrzeug unmittelbar auf gleicher Höhe mit unserem Fahrzeug befand. Den Abstand schätze ich auf circa fünf Meter ein", sagte E. in seiner Zeugenvernehmung.

"Es wird gelogen, gelogen, gelogen", empört sich Pfarrer König. Sein Verteidiger Johannes Eisenberg wollte den Beamten deshalb vereidigen lassen, doch der Vorsitzende Richter Ulrich Stein lehnte ab.

Ein weiterer Vorwurf gegen König lautet, er habe während der Demonstration versucht, einen Steinewerfer vor dem Zugriff der Polizei zu schützen. Dieser soll sich in einen von König gefahrenen Lautsprecherwagen geflüchtet haben. Dazu wurde vor Gericht ein Beamter befragt. Polizisten hätten jenen Steinewerfer aus Königs Wagen gezerrt und festgenommen, sagte dieser Beamte aus.

Video hier ansehen: Steinewerfer hält sich am Lautsprecherwagen fest

Ein zweites Video, das ebenfalls im Gerichtssaal gezeigt wurde, zeigt hingegen, wie ein Steinewerfer sich am fahrenden Transporter festhält, während mehrere Polizisten den Wagen verfolgen. Später schlägt einer der Polizisten mit dem Schlagstock auf den Verdächtigen ein, trifft ihn in der Nähe des Kopfes und reißt ihn vom fahrenden Wagen fort.

Königs Verteidiger Eisenberg wertet die Szene als "Straftat im Amt". Es sei "geprügelt, aber nicht gesprochen worden", kritisiert der Rechtsanwalt. Dafür hätten die Polizisten zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Sein Mandant habe an keiner Stelle versucht, jemanden vor der Polizei zu decken. Der befragte Polizeibeamte entgegnete, er habe von dem Schlagstock nichts gesehen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 225 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. zum fürchten!
doofnuss 30.05.2013
Zitat von sysopWegen schweren Landfriedensbruchs bei einer Anti-Nazi-Demo steht der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König in Dresden vor Gericht. Doch die Videos, die im Prozess gezeigt wurden, stützen nicht die Aussagen der Polizisten, die den 59-Jährigen belasten.
was ist hier hier nur los? in unserem rechtsstaat? wo bleibt die (medien-)kampagne? - ach so, fußball ist wichtiger. na dann... .
2. Wundert sich
Lankoron 30.05.2013
noch irgendjemand, wie sich die NSU 10 Jahre in Sachsen verstecken konnte?
3. Warum?
widower+2 30.05.2013
Warum kommt es bei einer so dünnen Beweislage überhaupt zum Prozess? Warum lässt der Richter den offensichtlich lügenden Polizisten nicht vereidigen? Ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt mit gleichem Eifer gegen prügelnde oder falsch aussagende Polizisten? In Sachsen wohl eher nicht!
4. Die Wendezeit ist vorbei
ein-berliner 30.05.2013
Zitat von sysopWegen schweren Landfriedensbruchs bei einer Anti-Nazi-Demo steht der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König in Dresden vor Gericht. Doch die Videos, die im Prozess gezeigt wurden, stützen nicht die Aussagen der Polizisten, die den 59-Jährigen belasten. Prozess gegen Lothar König: Videos entlasten Jenaer Pfarrer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/prozess-gegen-lothar-koenig-videos-entlasten-jenaer-pfarrer-a-902785.html)
# Derartige Pfaffen schaden jeder Kirche. In diesem Alter erwartet man keinen gutbezahlten "Jugendverführer" mit derartige Aktionen, bekennender Seelsorger wäre angemessen und nicht Typ Altrevoluzzer.
5. verurteilung droht
klaus kinski 30.05.2013
dem aufrichtigen pfarrer droht leider eine verurteilung, egal wieviel entlastendes material er auch vorbringen mag, denn kein richter in deutschland wird die aussage eines polizisten in zweifel ziehen. das wurde schon bei vorhergehenden anklagen bei gorlebengegnern und bei prozessen gegen andere aktivisten deutlich. es ist traurig aber ein rechtsstaat sieht in meinen augen anders aus.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Lothar König
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 225 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Jenaer Jugendpfarrer: Lothar König vor Gericht

Zum 13. Februar
dpa
Seit einigen Jahren missbrauchen die Neonazis den Jahrestag der Bombardierung Dresdens für einen eigenen Trauermarsch. 2012 suchen die Rechten Dresden gleich zweimal innerhalb einer Woche heim: Am 13. und am 19. Februar. Die Polizei ist alarmiert. Es werden Tausende Neonazis und noch mehr Gegendemonstranten erwartet.