Prozess gegen NS-Kriegsverbrecher SS-Mann Boere zu lebenslanger Haft verurteilt

Schuldspruch in Aachen: Im Prozess gegen den früheren SS-Mann Heinrich Boere ist das Urteil ergangen. Der 88-Jährige hatte gestanden, 1944 als Mitglied des SS-Mordkommandos "Feldmeijer" drei Zivilisten in den von den Nazis besetzten Niederlanden erschossen zu haben. Er muss lebenslang in Haft.


Hamburg/Aachen - Vor dem Landgericht Aachen ist einer der letzten Kriegsverbrecherprozesse in Deutschland zu Ende gegangen - mit einem Schuldspruch für den Angeklagten.

Der 88-jährige Heinrich Boere hatte vor dem Landgericht Aachen gestanden, 1944 als Mitglied des SS-Mordkommandos "Feldmeijer" drei Zivilisten in den von den Nazis besetzten Niederlanden erschossen zu haben. Er muss lebenslang in Haft.

Damit folgt das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung plädierte unter Hinweis auf EU-Recht auf die Einstellung des Verfahrens. Drei Söhne von zwei Opfern hatten als Nebenkläger dem Verfahren beigewohnt. Die Nebenklage hatte den Rentner überdies beschuldigt, in sieben weitere Morde verwickelt zu sein.

Boere hatte vor Gericht die Tötung der drei Niederländer zugegeben. In einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung beteuerte der Angeklagte allerdings, in Befehlsnotstand gehandelt zu haben. Boeres Verteidiger hatten die Einstellung des Verfahrens verlangt - oder im Falle einer Verurteilung eine Höchststrafe von sieben Jahren.

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Prozess gegen Heinrich Boere: Gerechtigkeit und Wahrheit
Boere, der 1921 in Eschweiler bei Aachen geboren wurde und heute dort in einem Seniorenheim lebt, wurde vorgeworfen, als Angehöriger der "Germanischen SS in den Niederlanden" im Kriegsjahr 1944 drei unschuldige und wehrlose Zivilisten ermordet zu haben. Laut Anklage schoss der damals 22-Jährige am 14. Juli den Apotheker Fritz Bicknese in Breda und am 3. September den Fahrradhändler Teunis de Groot in Voorschoten sowie Frans-Willem Kusters in Wassenaar nieder.

Boere hatte sich Ende 1940 als 18-Jähriger zur Waffen-SS gemeldet und fast zwei Jahre lang an der Ostfront gekämpft. Er selbst bezeichnete sich später als "Fanatiker". 1942 kehrte er in die besetzten Niederlande zurück, wo er dem etwa 15 Mann starken SS-Sonderkommando "Feldmeijer" zugeteilt wurde.

Diese Truppe hatte den unmittelbar auf Hitler zurückgehenden und als "Geheime Reichssache" eingestuften Auftrag, jeglichen aufkeimenden Widerstand in den Niederlanden durch willkürliche Erschießungen von angeblich antideutsch eingestellten Bürgern zu brechen. Dutzende Niederländer sollen den SS-Auftragskillern zum Opfer gefallen sein.

"Wir dachten, wir täten das Richtige"

"Wir kannten die Männer nicht. Der Sicherheitsdienst der SS gab uns die Namen, und wir machten uns auf den Weg", sagte Boere 2007 SPIEGEL ONLINE. "Man sagte uns, es handele sich um Partisanen, um Terroristen. Wir dachten, wir täten das Richtige."

Bereits 1949 war Boere von einem Sondergerichtshof in den Niederlanden in Abwesenheit zunächst zum Tod verurteilt worden, das Urteil wurde später in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Doch Boere, Sohn einer Deutschen und eines Niederländers, lebte zu jenem Zeitpunkt wieder in der Bundesrepublik, die ihn nicht auslieferte.

Boere hat, anders als andere angeklagte Kriegsverbrecher, die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe nie bestritten. Dennoch scheute sich die deutsche Justiz jahrzehntelang, gegen Boere vorzugehen. Die zuständige Zentralstelle für NS-Verbrechen stellte noch Anfang der achtziger Jahre ein Ermittlungsverfahren gegen ihn mit der Begründung ein, die Taten seien als zulässige völkerrechtliche Repressalien der Besatzer gerechtfertigt gewesen. Erst im August 2007 wurden neue Ermittlungen eingeleitet.

Boeres Verteidiger hatten als Argument für ihre Forderung der Einstellung des Verfahrens unter anderem angeführt, dass die Taten so weit zurückliegen: "Eine Person nach 66 Jahren ist nicht mehr die Person, die damals die Tat begangen hat."

Heinrich Boere, der den Verhandlungen im Rollstuhl beiwohnte, hatte vor Gericht angegeben, die Taten zu bedauern: "Was 1944 passiert ist, tut mir leid", sagte er. "Ich bete jeden Abend für die Getöteten und für alle, die im Krieg gefallen sind." An anderer Stelle sagte er, dass ihn der Ausgang des Verfahrens kaum mehr interessiere, er habe nicht mehr lange zu leben: "Ich warte auf meinen Tod".

jdl/pad/dpa/apn

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