Prozess gegen Polizisten Rätsel um einen Todesschuss

Der Hamburger Zivilfahnder Hans-Peter A. hat einen Unbewaffneten getötet - jetzt muss er sich vor einer Amtsrichterin verantworten. Doch die junge Juristin scheint sich mit dem Fall, seinen Ungereimtheiten und den forschen Anwälten schwer zu tun - außerdem drängt die Zeit.

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Hamburg - Der Saal 237 im Hamburger Landgericht ist so etwas wie die ganz große Bühne für Juristen. Hier, in diesem holzvertäfelten Ambiente mit britischem Unterhaus-Charme, wurden schon bedeutende Fälle verhandelt. Da ging es um Terrorismus, Staatsschutzdelikte, Angriffe auf die gesellschaftliche Grundordnung der Bundesrepublik. Der 9/11-Helfer Motassadeq zum Beispiel hockte auf dem lederbespannten Gestühl.

Doch an diesem Donnerstagmorgen steht nicht gleich Beihilfe zum Mord in 3066 Fällen auf der Tagesordnung. Ein "Unglück", wie der angeklagte Polizeioberkommissar Hans-Peter A. das tragische Ereignis einmal genannt hat, beschäftigt Amtsrichterin, Staatsanwältin, Verteidiger und drei Nebenklagevertreter, von denen jedoch aus Zeitgründen nur zwei erschienen sind.

Es geht um einen vollkommen misslungenen Festnahme-Versuch, den der inzwischen in den Innendienst des Polizeikommissariats 17 versetzte Hamburger Zivilfahnder A. am 26. Juni 2007 angeführt hat.

Seinerzeit versuchten der 50 Jahre alte Polizeioberkommissar und sechs Kollegen die beiden mutmaßlichen Kreditkartenbetrüger Marcel I., 30, und Tibor Istvan C., 27, nach längerer Observation in der Hamburger Innenstadt festzunehmen. Dabei jedoch löste sich aus dem schweren Dienstrevolver des Beamten A. - es handelte sich um eine Smith & Wesson, Kaliber .357 Magnum - ein Schuss und verletzte den in einem britischen Renault Laguna sitzenden Fahrer C. tödlich.

Die Staatsanwaltschaft wirft Hans-Peter A. daher fahrlässige Tötung vor. Er habe seine Sorgfaltspflicht im Umgang mit der Waffe verletzt, hieß es.

Das schien zunächst unstrittig, immerhin wurde ein unbewaffneter, nicht aggressiv auftretender Mann erschossen. Doch A.s Verteidiger, der gewiefte Jurist und ehemalige Hamburger Innenstaatsrat Walter Wellingausen, will hinter dem Unglück einen Fehler im System ausgemacht haben, der seinen Mandanten entlasten könnte.

Seinen Ausführungen zufolge musste A. bei dem Zugriff auf das parkende Auto, dessen Steuer sich auf der rechten Seite befand, den Revolver in seine Linke wechseln. In diesem Augenblick habe der Wagen einen Satz nach vorne gemacht, der Fahnder versehentlich geschossen. Dabei habe es sich um eine "unbeabsichtigte Muskelkontraktion" gehandelt.

"Reflektorische Kraftausübung"

Wellinghausens Version wird von dem renommierten Hamburger Gerichtsmediziner Klaus Püschel für möglich gehalten. In einem Gutachten bestätigte der Wissenschaftler, dass wegen der ruckartigen Bewegung des Fahrzeugs, die A. in seiner auf dem Türgriff ruhenden Rechten gespürt haben will, an der Linken eine "reflektorische Kraftausübung" hätte entstehen können. Auf diese Weise habe der Schuss ungewollt und unbeabsichtigt abgegeben werden können.

Unglücklicherweise wurden jedoch an den Händen des Beamten A., er wusch sich nach dem Vorfall und einem "menschlichen Bedürfnis" auf der Wache gründlich die Hände, keine Schmauchspuren gefunden. Insofern gibt es keinen Sachbeweis, dass der erfahrene Zivilfahnder den Revolver tatsächlich mit links führen musste - wofür er nie ausgebildet wurde, wie Wellinghausen rügt.

Die Rechtsanwältin Astrid Denecke, die den sechsjährigen Sohn des getöteten Tibor C. auf sehr engagierte Weise in der Nebenklage vertritt, erkennt in dem behördlichen Waschvorgang eine "Ermittlungspanne", wie sie vor Gericht deutlich machte.

Es gebe sogar noch mehr Ungereimtheiten: Warum wurde der Fahrersitz des Renault Laguna verstellt, ehe der Schussexperte eintraf? Es sei "sehr ungewöhnlich", derartige Eingriffe an einen Tatort vorzunehmen, bekannte ein Gutachter später. Und warum sagte A.s Kollege vor Gericht aus, er und nicht A. habe die Hand an den Türgriff gelegt - wer denn nun?

Sind das alles Zufälle, Kleinigkeiten, unwichtige Details?

Ausgebuffte Anwälte

Es sollte die Aufgabe der Amtsrichterin Catrin Knuth, 32, sein, diese Fragen eindeutig zu klären - im Interesse aller Beteiligten. Zumal bei Prozessen gegen Polizisten, wenn Kollegen gegen Kollegen haben ermitteln müssen, das Misstrauen der Öffentlichkeit gewöhnlich besonders groß ist.

Doch die Richterin scheint sich schwer zu tun, hat sie es doch sowohl mit einem komplexen Fall als auch zwei ausgebufften Rechtsanwälten zu tun. So liefern sich Wellinghausen und Denecke nicht nur an diesem Donnerstag immer wieder scharfe Rededuelle - weitestgehend unter Ausschluss derjenigen, die in dem Verfahren eigentlich das Sagen haben sollte. Die schaut stattdessen in ihre Akten.

Außerdem hat die unsicher und nervös wirkende Richterin Knuth offenbar ein Zeitproblem: Der zunächst auf zwei Tage angesetzte Prozess erstreckt sich nun schon über zehn Sitzungen und sollte daher baldmöglichst zu Ende gehen. Zumal die Juristin am 1. August in eine andere Abteilung des Amtsgerichts wechseln wird. "Das Verfahren dauert, so lange es eben dauert", sagt indes Gerichtssprecherin Sabine Westphalen.

Doch Knuth macht jetzt Druck, unterstützt von Wellinghausen und Staatsanwältin Dorothea Fellows. Weitere Beweisanträge der Nebenklage - Denecke wollte unter anderem noch einen Neurophysiologen zu der Frage einer "unbeabsichtigte Muskelkontraktion" und einen Polizisten zum Einsatzverhalten hören lassen -, lehnt sie ab und erklärt: Am Montag werde plädiert, "dann brauche ich Zeit zum Nachdenken", und am Freitag falle das Urteil.

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