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Prozess in Berlin: Der Todesengel im Glaskasten

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Mitleid, Herrschsucht, Überforderung? Sechs Menschen soll die Krankenschwester Irene B. getötet haben, die Frau, die Zeitungen den Todesengel der Charité nannten. Sie sagt, sie habe im Sinne der Patienten gehandelt. Doch ihre Kollegen beschreiben sie anders: gedankenlos, ruppig und ausgebrannt.

Berlin - Sie hat ein orangenes Halstuch umgebunden, eine karierte Jacke angezogen, das graue kurze Haar ist gescheitelt. Sie sitzt still in dem Glaskasten im Gerichtssaal 500 des Berliner Landgerichts in Moabit, den Kopf nach oben gereckt. Sie sieht klein aus.

Die "Todesschwester", der "Todesengel", Irene B. - es ist der erste von vier geplanten Terminen im Prozess gegen die 54-jährige Krankenschwester der Berliner Klinik Charité. Sie soll zwischen Juni 2005 und Oktober 2006 sechs schwer kranke Patienten auf der kardiologischen Intensivstation durch eine Medikamentenüberdosis getötet haben. Zweimal ist sie zusätzlich wegen versuchten Mordes angeklagt - in einem Fall konnte der Patient reanimiert werden, in dem anderen starb ein Mann nach der Medikamentengabe an schweren inneren Blutungen, die durch die Überdosis, die Irene B. gespritzt haben soll, begünstigt worden sein kann. Dass sie vier Patienten Medikamente in großer Menge verabreicht hat, um sie zu töten, hat Irene B. bereits vor dem Prozess zugegeben.

Nur warum? Wieso hat die Frau, seit 1973 Krankenschwester, diese Menschen totgespritzt? War es Mitleid? War es Herrschsucht?

"Als Herrscherin über Leben und Tod aufgespielt"

"Heimtückisch und aus niederen Beweggründen", soll sie gehandelt haben und sich aus "Machtwillen als Herrscherin über Leben und Tod aufgespielt haben und ihrer Entscheidung ihre eigene Vorstellung von lebenswertem und unlebenswertem Leben zugrunde gelegt haben" - so steht es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Wolfgang Arlt, Sohn des mutmaßlich am 16. August 2006 von Irene B. getöteten Patienten, sagt, bei seinem Vater habe es sich vermutlich nur noch um Stunden gehandelt, die sein Leben gedauert hätte, hätte Irene B. ihm keine Überdosis gespritzt. In anderen Fällen seien es Wochen, Monate oder Jahre gewesen." Zusammen mit seiner Frau sitzt Arlt als Nebenkläger in dem Prozess gegen Irene B.

Es ist still im Gerichtssaal, als der Verteidiger die Erklärung Irene B.s vorliest. Die Fälle III bis VI, die die Angeklagte schon zuvor eingeräumt hatte, seien zutreffend in der Tatsache, nicht aber in den Motiven. "Bei allen vier Handlungen bin ich davon ausgegangen, dass mein Handeln im Sinne der Patienten ist und letztlich zu ihrem Wohl geschah." Sie wisse, dass sie eine hohe Strafe erwarte, es tue ihr unendlich Leid für die Angehörigen, dass sie nun den Todesfall ihrer Angehörigen neu durchleben müssten. Das habe sie bei ihrer Tat nicht bedacht. "Ich möchte die Angehörigen um Vergebung bitten", steht in der Erklärung.

Und dann steht Irene B. in ihrem Glaskasten auf und fügt noch selbst etwas hinzu: "In unserer Welt ist es oft nicht einfach. Menschen werden älter und können auch noch älter werden. Ich bedaure im Nachhinein, dass ich in das Schicksal der Menschen eingegriffen habe. Ich weiß, dass das nicht richtig war, dass es eine Straftat ist, für die ich büßen muss."

"Nein, er kann jetzt sterben"

Sie spricht leise, auf den Stühlen warten bereits zwei Zeugen. Es sind André S. und Gunnar F., ehemalige Kollegen von Irene B., Pfleger auf der Intensivstation der Kardiologie in der Charité. Sie zeichnen das Bild einer überlasteten Schwester und das einer schockierten Krankenhausbelegschaft.

André S., der zehn Jahren mit der Angeklagten zusammen arbeitete, hat lange bevor die Todesserie bekannt wurde eine auffällige Beobachtung gemacht. Es war der 16. August des vergangenen Jahres, der Tag an dem der 77-jährige Gerhard Arlt starb - erst am 5. Oktober wurde Irene B. festgenommen. André S. hatte Spätschicht, und nur durch Zufall habe er eine Besprechung der Ärzte gehört: Arlt solle keine zusätzlichen Medikamente bekommen, sollte sich seine Situation weiter verschlechtern. Sein Zustand war bereits so schlecht, ein Blutdruck kaum noch messbar, die Entscheidung war mit der Familie Arlt abgestimmt.

Doch dann sah der Zeuge Irene B, wie sie am Arm des Patienten hantierte, zuvor habe er ein Klicken gehört - das Geräusch, das entsteht, wenn man das Glas einer Ampulle bricht. Dann ein leises Klirren, die Ampulle mit dem stark blutdrucksenkenden Mittel landete im Müll. Was hat seine Kollegin gemacht? André S. war zutiefst verstört, nahm die leere Ampulle, nachdem Kollegin Irene B. den Raum verlassen hatte, mit. Als er sie gefragt habe, ob er ihr helfen könne, habe Irene B. zuvor mit Nein geantwortet und hinzugefügt: "Er kann jetzt sterben".

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