Urteil gegen Hildesheimer Pfleger "Sie haben ihm bedenkenlos vertraut"

Ein Krankenpfleger hat im Klinikum Hildesheim jahrelang Kinder sexuell missbraucht. Jetzt wurde der 35-Jährige zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Vorher soll er in einer psychiatrischen Einrichtung therapiert werden: Der Gutachter hält die Gefahr eines Rückfalls für hoch.

Von , Hildesheim

Angeklagter Marc R.: "Erschütterndes Ausmaß"
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Angeklagter Marc R.: "Erschütterndes Ausmaß"


Fünf Tage lang hatte das Landgericht Hildesheim mit den Opfern, aber auch mit Marc R. Nachsehen: Es verhandelte unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nicht einmal die Anklageschrift wurde vor Zuschauern verlesen - zum Schutz der Intim- und Privatsphäre der Opfer, aber eben auch der des Angeklagten. Die Verkündung des Urteils, so wünschte es sich Marc R., sollte ebenfalls in kleiner Runde verlesen werden. Doch einen entsprechenden Antrag seines Verteidigers Matthias Doehring lehnte die Kammer ab.

So strömten am Montag zahlreiche Zuschauer in den Schwurgerichtssaal 134 und hörten das Urteil gegen den Kinderkrankenpfleger: Er soll wegen Vergewaltigung, schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und sexueller Nötigung für neun Jahre und sechs Monate in Haft, davor jedoch in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht und therapiert werden.

Marc R. sei "für die Allgemeinheit gefährlich", die Rückfallgefahr sei laut Gutachter "beträchtlich", seine "Empathiefähigkeit lässt zu wünschen übrig", resümierte der Vorsitzende Richter Volker Heckemüller nach der Urteilsverkündung.

"Außergewöhnliche Taten"

Eine anschließende Sicherungsverwahrungverhängte das Gericht jedoch nicht. "Wir haben sie abgelehnt, weil wir davon ausgehen, dass sämtliche Taten maßgeblich auf der sexuellen Devianz des Angeklagten beruhen", sagte Heckemüller. Man sehe in Marc R. keinen sogenannten Hangtäter, der eine intensive, tief verwurzelte Neigung zu Straftaten hat, die ihn immer wieder straffällig werden ließe. Damit orientierte sich die 3. Große Strafkammer an der Einschätzung des Sachverständigen, der den 35-Jährigen begutachtet hatte.

Der hatte angegeben, Marc R. leide an einer Paraphilie, einer psychischen Störung, die sich in abnormen sexuellen Neigungen äußert. In seinem Fall beschränke sie sich auf einen ausgeprägten Fußfetischismus. Diese Paraphilie ordnete der Sachverständige laut Gericht als "schwere seelische Abartigkeit" ein und begründete damit auch die verminderte Schuldfähigkeit.

Nach Ansicht der Kammer schlich sich Marc R. zwischen 2009 und 2013 nachts, wenn er allein auf der Kinderstation des Klinikums Hildesheim war, zu den kleinen Patienten. Bei sich einen Rucksack mit Medikamenten, eine Filmkamera und einen Fotoapparat. Marc R. verabreichte den Kindern laut Gericht Tabletten oder flößte ihnen eine narkotisierende Flüssigkeit ein. Anschließend verging er sich an ihnen, oft vollzog er den Geschlechtsverkehr. Den sexuellen Missbrauch fotografierte und filmte er.

Marc R. schien sich sicher zu fühlen. Vorkehrungen, um nicht entdeckt zu werden, habe er keine getroffen, so Heckemüller. Im Gegenteil: In zwei Fällen waren andere Kinder im Krankenzimmer, die schliefen und von den Übergriffen nichts bemerkten. "Es hielt ihn nicht ab, die Taten zu begehen", sagte Heckemüller. Selbst als sein Diensthandy einmal klingelte, vollzog Marc R. die Vergewaltigung bis zum Ende. Dies wertete die Kammer als "Indiz für den ausgeprägten Trieb des Angeklagten".

Vergewaltigungen in seiner Wohnung

Marc R., ein kräftiger Mann im blauen Polohemd, mit Bürstenhaarschnitt und zerfurchtem Gesicht, blickte die gesamte einstündige Verhandlung regungslos auf die leere Tischplatte vor ihm. In einem umfassenden Geständnis vor Gericht hatte er eingeräumt, dass das Ziel der Taten gewesen sei, "immer sexuelle Befriedigung zu erlangen".

Seine Opfer: etwa zehn Mädchen und ein Junge zwischen zehn und 15 Jahren. Einige von ihnen seien noch immer therapiebedürftig, in einem Fall habe der Übergriff "gravierende" Folgen für die gesamte Familie, sagte Heckemüller. Zudem konnten bislang nicht alle Opfer identifiziert werden. Marc R. arbeitete seit 2005 im Klinikum Hildesheim.

Zu dem Missbrauch an seinen Patienten kamen zwischen März 2010 und März 2012 Vergewaltigungen an jungen Frauen, die Marc R. in einer Discothek in Celle kennengelernt hatte. Er baute nach Ansicht des Gerichts ein Vertrauensverhältnis zu ihnen auf, bat sie, Aufnahmen von ihren Füßen machen zu dürfen. Gleichzeitig gab er vor, er sei Arzt oder Mediziner in der Ausbildung, und überredete sie, sich von ihm Blut abnehmen und dabei für vermeintliche Ausbildungszwecke für das Klinikum Hildesheim filmen zu lassen.

Etwa sieben Frauen begleiteten ihn nach Hause, in das Wohnmobil seines Vaters oder nahmen ihn gar mit in ihre Wohnungen. Dort sedierte er sie, spritzte ihnen bei der angeblichen Blutabnahme ein Narkosemittel und vergewaltigte sie. Auch diese Taten hielt er mit der Kamera fest. Seine Opfer können sich nicht an die Taten erinnern. Sie wurden - ebenso wie die Eltern der missbrauchten Kinder - vor Gericht gehört. Richter Heckemüller sprach davon, dass einige Frauen noch immer "extrem belastet" wirkten oder "spürbar" an dem Übergriff litten.

"Sie haben ihm bedenkenlos vertraut"

Als strafmildernd wertete die Kammer Marc R.s Geständnis, die "glaubhafte Therapiebereitschaft" sowie den Versuch, sich bei seinen Opfern zu entschuldigen. Er habe sich zudem vor Gericht bemüht und sich auch unangenehmen Fragen gestellt, seinen Worten sei Reue zu entnehmen.

Doch das "erschütternde Ausmaß" der Taten sowie die Länge des Zeitraums und der "geschützte Raum eines Krankenhauses" sprächen ebenso gegen Marc R. wie die "besondere Vertrauensstellung", die er als Kinderkrankenpfleger genossen und missbraucht habe. Kollegen hatten den 35-Jährigen als äußerst beliebt charakterisiert.

Wohl deshalb folgten ihm auch die jungen Frauen aus der Celler Discothek. "Er war mit ihnen gut bekannt, teilweise befreundet", sagte der Richter. "Sie haben ihm bedenkenlos vertraut." Nach der Tat habe Marc R. sie in erhebliche Gefahr gebracht, weil er sie nach der Sedierung sich selbst überließ. "Wir haben feststellen müssen, dass die Opfer auch heute noch massiv unter den Taten leiden." Spätfolgen seien zu erwarten.

Die Staatsanwältin hatte neben einer Haftstrafe von zwölf Jahren sowie der Unterbringung in der Psychiatrie auch ein lebenslanges Berufsverbot im medizinischen Pflegebereich für Marc R. gefordert. Dem kam die Kammer nach, beschränkte es jedoch auf Personen unter 25 Jahren.

Noch im Schwurgerichtssaal ließ Marc R.s Verteidiger verkünden, der ehemalige Krankenpfleger verzichte auf Rechtsmittel gegen das Urteil.



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