Prozess gegen mutmaßliche Mafiosi Der Pate von Hannover

Fast eine halbe Million Euro sollen sechs Männer über Scheinfirmen ergaunert haben. Jetzt stehen sie in Lüneburg vor Gericht. Der Prozess könnte einen seltenen Einblick in verborgene Strukturen der Russenmafia liefern.

Beschuldigter im Gericht: Schweigen auf der Anklagebank
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Beschuldigter im Gericht: Schweigen auf der Anklagebank

Aus Lüneburg berichtet


Am Landgericht in Lüneburg herrscht Ausnahmezustand: Parkplätze sind gesperrt, nur über einen Nebeneingang kommt man in das Gebäude am Rande des Marktes hinein. Polizisten mit schusssicheren Westen patrouillieren auf dem Gehsteig, die Maschinenpistole im Anschlag.

Seit Donnerstagmorgen ist das beschauliche Städtchen südlich von Hamburg Schauplatz eines Großprozesses gegen mutmaßliche Angehörige der russischen Mafia.

Sechs Angeklagte, 13 Verteidiger, 84 Verhandlungstage bis Dezember: Die Staatsanwälte sind überzeugt davon, dass vier der Beschuldigten Mitglieder einer kriminellen Vereinigung "der russischen beziehungsweise eurasischen Subkultur" sind oder waren.

Die Bande soll 2013 und 2014 vom Raum Hannover aus Betrug in großem Stil begangen haben. Die Erste Große Strafkammer in Lüneburg ist für das Verfahren zuständig, weil das Landgericht eine spezielle Staatsschutzabteilung hat. Anklagebehörde ist die Staatsanwaltschaft Hannover.

Die Angeklagten schweigen

Drei der Beschuldigten gelten als Rädelsführer, darunter der Hauptangeklagte Shedeli Z., 58. Gemeinsam mit zwei Komplizen sollen die mutmaßlichen Haupttäter in elf Fällen Waren bezogen haben, ohne zu bezahlen - Gabelstapler, Drucker, Handys, Zitronen. Mutmaßlicher Schaden: 450.000 Euro. Alleiniger Zweck war es demnach, die unbezahlte Ware zu Geld zu machen. Die Verdächtigen stammen aus sechs verschiedenen Ländern, Shedeli Z. kommt aus Russland.

Nur ein Angeklagter erscheint in Lüneburg als freier Mann. Die fünf anderen sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft. Um kurz vor zehn werden sie einzeln in Verhandlungssaal 21 geführt, die Hände im Rücken mit Handschellen gefesselt.

Shedeli Z., schütteres graues Haar, verbrauchte Gesichtszüge, trägt Jeans, einen blauen Pullover und eine abgewetzte Fleecejacke. Wie die anderen Angeklagten gibt er außer seinem Namen an diesem Tag kein Wort zu Protokoll. Er sitzt schweigend zwischen einem seiner drei Verteidiger und einem Dolmetscher.

Der Vorsitzende Richter Axel Knaack macht gleich zu Beginn klar, dass er sich nicht hetzen lassen will. "Hier geschieht nichts unter Zeitdruck." Und so ist es kein Wunder, dass die Anklage erst am Mittag verlesen wird, nach Klärung mehrerer Verfahrensfragen.

Die Strukturen der Russenmafia

Der Prozess könnte einen seltenen Einblick geben in verborgene Strukturen der Russenmafia. Der Anklage zufolge ist Shedeli Z. ein so genannter "Dieb im Gesetz", eine Art Mafia-Pate, der in der Region Hannover die mutmaßlich kriminelle Gruppierung anführt. Er stehe an der Spitze einer Hierarchie.

Ziel der Gruppierung sei es, unter anderem "durch Betrugstaten mittels Gründung von Scheinfirmen oder auch durch Zigarettenschmuggel" das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen.

Die Mitglieder der Gruppierung seien dazu verpflichtet, einen Teil ihrer jeweiligen Beute in eine Gemeinschaftskasse abzuführen, den so genannten Obshchak. Als Chef durfte sich demnach Shedeli Z. daraus bedienen, ohne eigene Straftaten zu begehen.

Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts haben etwa 20 "Diebe im Gesetz" Deutschland unter sich aufgeteilt. Das Landeskriminalamt Niedersachsen warnt, das System sei "streng abgeschottet". Wegen des "konspirativen Verhaltens der Beteiligten" würden Informationen nur schwer nach außen dringen. Die Täter würden "vor Gewaltanwendung zur Einschüchterung" nicht zurückschrecken.

Bei ihrem Betrug sollen die mutmaßlichen Mafiosi stets die gleiche Masche bevorzugt haben. Sie operierten demnach vor allem über eine Tarnfirma mit dem Namen Zentura Gemini.

  • Am 7. November 2013 etwa ließ sich Zentura Gemini nach einem zuvor geschlossenen Leasingvertrag vier Elektrohubwagen liefern. Vereinbart waren laut Anklageschrift monatliche Raten, gestreckt über vier Jahre. Doch es floss kein Cent. Schaden angeblich: knapp 34.000 Euro.

  • Am 20. November 2013 schlossen vier der Angeklagten im Namen der Firma einen Vertrag mit Telefonica über 55 iPhones. Wert: 6255 Euro. Die Handys wurden geliefert - die Rechnung blieb offen. Zwei der Beschuldigten sollen der Handyfirma vorgegaukelt haben, die Geräte seien für Zentura-Gemini-Mitarbeiter als Bonus gedacht. In Wahrheit, das behaupten die Staatsanwälte, hatte das Unternehmen gar keine Mitarbeiter.

  • Am 30. Dezember 2013 ließen sich die Angeklagten demnach 20 Kopierer der Marke UTAX liefern, für insgesamt mehr als 100.000 Euro. Vereinbart waren offenbar monatliche Raten von mehr als 6000 Euro, die per Lastschrift eingezogen werden sollten - was mangels Deckung nicht klappte.

  • Anfang 2014 ließen sich die mutmaßlichen Betrüger angeblich zwölf Lkw-Ladungen mit spanischen Zwiebeln und Zitronen liefern, ohne sie später zu bezahlen. Wert: mehr als 130.000 Euro.

Im Fall einer Verurteilung müssen die Angeklagten je nach Tatvorwurf mit bis zu zehn Jahren Gefängnis rechnen. Noch wolle sich keiner der sechs zu den Vorwürfen äußern, erklärten die Verteidiger in Lüneburg unisono.

Der Angeklagte Slavik S., ein 46-jähriger Deutscher armenischer Abstammung, werde im Laufe des Verfahrens saussagen, kündigte sein Anwalt Vyacheslav Varavin immerhin schon einmal an. Und noch dies: Es bestünden Zweifel, dass es überhaupt eine kriminelle Vereinigung gebe. Varavin weiter: "Und wenn es eine gab, war unser Mandant nicht Mitglied."



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