Prozess in Mannheim Kachelmann-Richter lässt dpa-Reporter festnehmen

Tollhaus Kachelmann-Prozess: Ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur ist vor dem Landgericht Mannheim vorübergehend festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn, die Kammer abgehört zu haben - dpa weist den Vorwurf entschieden zurück und beklagt den Eingriff in die Pressefreiheit.

Reporter bei Kachelmann-Prozess (Oktober): Mit dem Aufnahmegerät vorm Gebäude
dapd

Reporter bei Kachelmann-Prozess (Oktober): Mit dem Aufnahmegerät vorm Gebäude


Mannheim - Nach Ende des 15. Verhandlungstags im Prozess gegen Fernsehmoderator Jörg Kachelmann ist am Mittwoch der Karlsruher Justiz-Korrespondent der dpa vor dem Gerichtsgebäude in Mannheim vorläufig festgenommen worden. Die Festnahme wurde mit dem Verdacht begründet, die Richter der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts illegal abgehört zu haben. Die dpa-Chefredaktion wies diesen Vorwurf entschieden zurück und protestierte gegen die "massive Behinderung der Berichterstattung" - tatsächlich ist Vergleichbares in der Pressegeschichte der Bundesrepublik selten vorgekommen.

Der Journalist, der seit Monaten über den Vergewaltigungsprozess gegen Kachelmann berichtet, hatte am Nachmittag auf dem Bürgersteig vor dem Gebäude nach eigenen Angaben einen Radiobeitrag in ein Aufnahmegerät gesprochen. Dabei habe er unwissentlich vor dem Fenster eines Raumes gestanden, in dem sich die Richter der Strafkammer nach der Verhandlung aufhielten. Nach Angaben des Redakteurs waren die Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen.

Ein Richter habe plötzlich ein Fenster geöffnet und ihn beschuldigt, die Kammer abzuhören, so der Journalist. Anschließend seien Justizwachtmeister alarmiert worden, die ihn hinderten wegzugehen. Beamte der Kriminalpolizei nahmen den Reporter schließlich vorläufig fest, beschlagnahmten sowohl das Aufnahmegerät als auch das Dienst-Handy und führten den Redakteur in ein Vernehmungszimmer des Gerichts. Er wurde aufgefordert, das Handy zu entsperren, damit die Daten herausgelesen werden könnten. Das lehnte der Reporter mit Hinweis auf den Informantenschutz ab. Am späten Nachmittag wurde der Journalist freigelassen.

"Das Vorgehen des Gerichts ist völlig unverständlich und unbegründet", sagte dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner, einst Chefredakteur von SPIEGEL ONLINE. Er kritisiert "vor allem die Beschlagnahmung eines Handys und eines Aufnahmegeräts des Kollegen, der nichts anderes tun wollte, als seine Arbeit zu machen". Man protestiere "massiv gegen diese Behinderung der Berichterstattung und gegen diesen Eingriff in die Pressefreiheit": "Wir erwarten, dass die Geräte umgehend zurückgegeben werden und dass sich das Gericht bei der Deutschen Presse-Agentur für dieses absolut unangemessene Vorgehen entschuldigt." Insbesondere die Forderung nach Herausgabe von Handy-Kontaktdaten sei "ein Angriff auf die grundgesetzlich geschützte Pressefreiheit". Der Redakteur sagte, der Verdacht, er könne die Kammer abgehört haben, sei "absurd".

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Jörg Kachelmann: Vom Wettermann zum Angeklagten
Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte den Vorgang am Abend. Handy und Aufnahmegerät des Reporters seien beschlagnahmt worden und würden nun kriminaltechnisch ausgewertet, sagte Andreas Grossmann. Der Journalist habe sich geweigert, den Ermittlern freiwillig Zugang zu möglichen Sprachaufnahmen zu gewähren. "Das ist sein gutes Recht", so Grossmann.

Offener Streit über Rolle der Medien

Zuvor war es im Verfahren zum offenen Streit über die Frage gekommen, welche Rolle die Presse in einem solch schwierigen Prozess eigentlich spielen darf.

Anlass war ein Exklusivvertrag, den eine Zeugin vor ihrer Vernehmung mit der Illustrierten "Bunte" abgeschlossen hat. Dies sei eine "Unverschämtheit und Missachtung des Gerichts", empörte sich Kachelmanns Verteidiger Klaus Schroth. Die Zeugin, eine ehemalige Geliebte des Moderators, hatte am Montag vor Gericht ausgesagt und den Deal mit der Zeitschrift eingeräumt.

Der Staatsanwalt sagte, die Zeugin habe am Montag korrekt auf die Fragen der Verteidigung geantwortet. Es sei ihr überlassen, ob und welche Verträge sie mit einer Illustrierten aushandle oder nicht. Die Verteidigung versuche dagegen, die Medien seit Beginn des Prozesses für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. So würden immer wieder Details aus Zeugenvernehmungen öffentlich, obwohl diese unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden haben.

Jörg Kachelmann hatte vor einer Woche der "Bild"-Zeitung ein ausführliches Interview gegeben - ein ungewöhnlicher Schritt in einem laufenden Verfahren, zumal der Moderator zuvor noch juristisch gegen die Springer-Berichterstattung vorgegangen war. Er hatte von dem Konzern wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte Schmerzensgeld in Millionenhöhe verlangt. Direkt vor dem Prozess hatte er auch dem SPIEGEL ein ausführliches Interview gegeben und sich über seine Gemütslage ausgelassen.

Kachelmann gab der "Bild"-Zeitung auch jetzt wieder zu privaten Angelegenheiten getreulich Auskunft: "Ich war nicht immer treu, offen und ehrlich mit meinen Partnerinnen", zitierte ihn das Blatt. "Wenn ich in Zukunft eine Beziehung führe, werde ich monogam leben." Wo er später wohnen werde, wisse er noch nicht. "Vielleicht werde ich erst mal mit meiner Mutter zusammenwohnen."

"Das war ganz komisch"

Am Mittwoch wurde dann doch noch einiges über die Vernehmung der Ex-Geliebten bekannt. Die Försterin hatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit unter anderem über ein Telefonat berichtet, das Kachelmann am Tag nach der mutmaßlichen Tat mit ihr geführt hatte. Nun sagte eine Freundin der Försterin, diese habe wiederum am Telefon zu ihr gesagt: "Du, ich habe mit Jörg telefoniert, und das war ganz komisch." Kachelmann habe "total bedrückt und fahrig" gewirkt - so gab es die Freundin wieder.

Die Beziehung zwischen Kachelmann und der Frau sei zwischenzeitlich angespannt gewesen. "Es ist nur logisch, dass es irgendwann zum Knall kommt", sagte die Freundin der Försterin. Doch welche Spannungen sie genau meinte, blieb unklar. Im Januar dieses Jahres hatte sich die Försterin von Kachelmann getrennt, war aber weiter mit ihm in Kontakt geblieben. Das Telefonat am Tag nach der möglichen Tat könnte als belastendes Indiz gewertet werden.

Einen weiteren Tag später schrieb Kachelmann eine Mail an den Mitteldeutschen Rundfunk. Darin sagte er "auf ärztlichen Rat" eine geplante Fortsetzung der MDR-Talksendung "Kachelmann Spätausgabe" ab. Er wolle nicht als "Deisler reloaded" enden oder als Heulsuse oder Schlimmeres, schrieb er in der Mail, die in der Sitzung vorgelesen wurde.

Der Fußballspieler Sebastian Deisler hatte seine vielversprechende Karriere wegen psychischer Probleme beenden müssen. Die Verteidigung verlas jedoch eine weitere Mail, in der Kachelmann schon im Januar angekündigt hatte, er wolle keine weiteren Talksendungen moderieren.

"Sehr ruhig und gefasst"

Begonnen hatte der Prozess am Mittwoch mit der Vernehmung der Ärztin, die das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer des Wettermoderators untersucht hat. Wie die Gynäkologin der Heidelberger Frauenklinik sagte, habe die Patientin am Morgen nach der angeblichen Tat beginnende Hämatome an beiden Oberschenkeln gehabt. Ähnliche Verletzungen, so berichtete die Ärztin, habe sie auch schon bei einem anderen Vergewaltigungsopfer gesehen. Außerdem sei eine Verletzung am Hals - "vergleichbar mit einer Kratzspur" - erkennbar gewesen. Die Patientin sei "sehr ruhig und gefasst gewesen".

Sie habe aber weder den Namen des mutmaßlichen Täters noch Genaueres zum möglichen Tathergang berichtet. Die Patientin habe gesagt, dass es am Abend Streit mit ihrem Freund gegeben und er sie gegen 2 Uhr vergewaltigt und mit einem Messer bedroht habe. Bei den Untersuchungen seien ihr keine Verletzungen aufgefallen, sagte die Ärztin. Dies sei aber nicht ungewöhnlich, da Vergewaltigungsopfer nicht zwangsweise innere Verletzungen aufweisen müssten.

Kachelmann soll laut Anklage eine 37-jährige Ex-Geliebte mit einem Messer bedroht und vergewaltigt haben. Das mutmaßliche Opfer, eine Radiomoderatorin, wurde bereits ausführlich vernommen. Kachelmann weist die Vorwürfe zurück.

jdl/dpa



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Liberalitärer, 10.11.2010
1. Abwarten - wieder mal
Zitat von sysopTollhaus Kachelmann-Prozess: Ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur ist vor dem Landgericht Mannheim vorübergehend festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn, die Kammer abgehört zu haben - dpa weist den Vorwurf entschieden zurück und beklagt den Eingriff in die Pressefreiheit. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,728404,00.html
Quatsch, allgemeines Festnahmerecht steht in der StPO, das darf jeder. Ob es einen Haftbefehl geben wird, steht in den Sternen, warten wir es ab.
fraktur22 10.11.2010
2. Das ist...
...für einen Rechtsstaat und besonders für das verhandelnde Gericht alles sehr peinlich. Die Vorgänge in diesem Prozess erinnern an Geschichten aus der Feder jener Autoren für Unterschichtssendungen wie "Richter Alexander Sounso". Alles sehr, sehr peinlich.
hwolf@gmx.net 10.11.2010
3. Russland?
Zitat von sysopTollhaus Kachelmann-Prozess: Ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur ist vor dem Landgericht Mannheim vorübergehend festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn, die Kammer abgehört zu haben - dpa weist den Vorwurf entschieden zurück und beklagt den Eingriff in die Pressefreiheit. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,728404,00.html
Wer lästert jetzt noch über Russland? Bei uns haben wir jetzt auch schon russische Verhältnisse.
GulliverKlein 10.11.2010
4. Presse
Warum müssen eigentlich jeden Tag hunderte von Fotos neu geschossen werden?
Ishibashi 10.11.2010
5. Wahrheit ?
Zitat von sysopTollhaus Kachelmann-Prozess: Ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur ist vor dem Landgericht Mannheim vorübergehend festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn, die Kammer abgehört zu haben - dpa weist den Vorwurf entschieden zurück und beklagt den Eingriff in die Pressefreiheit. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,728404,00.html
Jeder Redakteur wird als erstes immer die Pressefreiheit bemühen, egal ob er tatsächlich versucht hat, die Richter abzuhören oder nicht. Den Wahrheitsgehalt aus dieser Geschichte herauszufinden dürfte schwierig werden, es sei den er hat sich blöd angestellt.
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