Prozess in Marburg: "Sie haben zugetreten wie Fußballer"

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Hemmungslose Gewaltorgie im hessischen Frankenberg: Vier junge Menschen stehen vor Gericht, weil sie ihren Freund so schwer misshandelt haben, dass dieser halbseitig gelähmt und pflegebedürftig ist und lebenslang im Rollstuhl bleiben wird.

Hamburg - Ingo N. kann nicht erzählen, was am Abend des 24. Januar 2008 geschah. Der 22-Jährige wurde in jener Nacht beinahe totgeschlagen. Bis heute ist er nicht in der Lage, einfache Sätze zu bilden, er wird für immer halbseitig gelähmt sein, ein Pflegefall bleiben. Ein Hinweis brachte die Ermittler auf die Täter - und zeigt die Dimension dieses Verbrechens: Im Gesicht des Verletzten zeigte sich eindeutig der Abdruck einer Schuhsohle.

Aus purer "Lust an Gewalt" sollen Patrick C., 20., Nadine H., 17, Dominik U., 22, und Svenja R., 21, ihren Freund so oft geschlagen und getreten haben, bis er reglos am Boden lag. Der junge Mann überlebte die Tat, wird aber zeitlebens schwerstbehindert und pflegebedürftig sein.

Nadine H., Patrick C., Svenja R., Dominik U.: "Irgendwann fingen wir an, ihn zu treten und zu schlagen"
DPA

Nadine H., Patrick C., Svenja R., Dominik U.: "Irgendwann fingen wir an, ihn zu treten und zu schlagen"

Am 24. Januar 2008 verbrachten die Angeklagten und ihr späteres Opfer den Abend in der Wohnung des angeklagten Patrick C. in Frankenberg, einer hessischen Kleinstadt nahe Marburg. Man trank Wodka und Bier.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft schlug Svenja R. gegen 0.45 Uhr dem Opfer unvermittelt und ohne Grund wuchtig mit der flachen Hand ins Gesicht. Svenja R. leidet unter einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus. Vor Gericht räumte die junge Hessin die Tat ein und legte ein umfangreiches Geständnis ab. Sie sei mit Ingo N. eng befreundet gewesen. "Eigentlich ohne Grund" hätte sie mit den Misshandlungen begonnen. "Irgendwann fingen wir an, ihn zu treten und zu schlagen", sagte Svenja R.

Ingo N. hörte früh auf, sich zu wehren

Es war der Auftakt einer hemmungslosen Gewaltorgie. Im Anschluss lebten die alkoholisierten Angeklagten, so sieht es die Staatsanwaltschaft, ihre Aggressionen und ihre Lust an Gewalt gemeinsam an Ingo N. aus. Mehr als eine Stunde lang misshandelten und quälten sie den jungen Mann. "Sie haben zugetreten wie Fußballer", sagte Staatsanwältin Yvonne Vockert SPIEGEL ONLINE.

Um ihr Opfer einzuschüchtern, hielt der Angeklagte Patrick C. laut Anklageschrift dem Opfer ein geöffnetes Taschenmesser an den Hals, während ihn Dominik U. festhielt. Anschließend sollen sie Ingo N., der auffallend klein und zierlich ist und sich im weiteren Verlauf gegen die Tätlichkeiten nicht wehrte, ins Badezimmer gezerrt haben. Dort prügelten sie gemeinsam mit Nadine H. wie von Sinnen auf ihn ein.

Nadine H., die unter einer kombinierten Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen bei beginnender emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung (Borderline-Persönlichkeitsstörung) leidet, trat mit dem Fuß wuchtig gegen den Kopf des Opfers.

Zu viert traten sie gegen Ingos Kopf wie gegen einen Fußball

Anschließend schleppten sie Ingo N. wieder ins Wohnzimmer, setzten ihn dort auf einen Stuhl und traten ihn von diesem immer wieder herunter, heißt es in der Anklage. Zuletzt sollen sich alle vier Angeklagten, die im Laufe der Misshandlungen immer aggressiver und brutaler geworden sein sollen, um den Kopf des reglos am Boden liegenden Ingo N. aufgestellt und gemeinsam mehrfach wuchtig gegen den Kopf und in den Magen des Geschädigten getreten haben.

Wie Svenja R. räumten auch Patrick C. und Nadine H. den brutalen Übergriff ein und ließen entsprechende Erklärungen von ihren Anwälten verlesen. Dominik U. schwieg zu den Vorwürfen.

"Die Angeklagten wussten, dass der Geschädigte durch die zahlreichen und wuchtigen Schläge und Tritte gegen den Kopf zu Tode kommen können und nahmen dies zumindest billigend in Kauf", sagt Staatsanwältin Vockert. "Ihnen war zudem bewusst, dass sie ihrem Opfer durch die lange und massive Misshandlungen besonders starke Schmerzen und übermäßige Qualen zufügten."

Erst als sie Ingo N. für "hirntot" halten, lassen sie von ihm ab

Dominik U. soll nach dem Gewaltexzess die Wohnung verlassen und das hilflose, nicht mehr ansprechbare Opfer mit den anderen Schlägern alleine gelassen haben. Deshalb muss sich der 22-Jährige wegen versuchten Mordes verantworten.

Der Angeklagte Patrick C. soll anschließend - in Nachahmung eines sogenannten "Bordstein-Kicks" - noch mindestens dreimal auf das Gesicht des reglosen Opfers gesprungen sein, wobei er auf dem Gesicht mit seinem Fuß jeweils noch eine Drehbewegung ausführte. Nadine H. tat es ihm nach, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, um den "Bordstein-Kick" zu üben. Da sie Ingo N. nach diesen Sprüngen für "hirntot" hielten, beendeten sie ihren Gewaltrausch.

Weil Patrick C. "keine Leiche" in seiner Wohnung wollte, schleppten sie ihr Opfer zu einem Parkplatz nahe des Landratsamtes, legten ihn dort ab, den blutüberströmten Kopf mit einer Jacke zugedeckt.

Um 2.32 Uhr ging bei der Rettungsleitstelle ein anonymer Notruf ein - wie sich später herausstellte, waren es die Schläger. Daher hat die Staatsanwaltschaft die drei wegen schwerer Körperverletzung angeklagt - und nicht wegen versuchten Mordes. "Wenngleich sie subjektiv und objektiv den Tatbestand Mord erfüllt haben", so Staatsanwältin Vockert zu SPIEGEL ONLINE. "Dass sie den Krankenwagen riefen, hat ihrem Opfer das Leben gerettet."

In der Klinik wurden lebensgefährliche Hirnschwellungen und Hirneinblutungen festgestellt. Ein Teil der Schädeldecke musste entfernt werden, sonst wäre Ingo N. gestorben. Sein Anwalt Frank Zimmermann sagte, die Ärzte hätten ihm aufgrund der schweren Verletzungen zunächst nur eine zehnprozentige Überlebenschance eingeräumt.

Ingo N. ist seither schwerstbehindert und pflegebedürftig. Vor Gericht wurde am heutigen Montag ein Video vorgeführt, das den 22-Jährigen in einer Reha-Klinik zeigt. Vollends abgemagert und hilflos sah man Ingo N., den offenen Schädel mit Hilfe eines Sturzhelms geschützt. "Die Schäden sind irreversibel. Eine wesentliche Besserung ist nicht zu erwarten", sagt Staatsanwältin Vockert. Er wird immer auf einen Rollstuhl angewiesen sein. "Aber selbst den wird er nie alleine betätigen können", sagt die Staatsanwältin.


* Name von der Redaktion geändert

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