Vergewaltigungsprozess gegen Pariser Frauenarzt "Ich bin halt ein mediterraner Typ"

Der Gynäkologe André H. galt als einer der besten seines Faches: Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch setzten ihre letzte Hoffnung in den Arzt. Laut Anklage nutzte er seine Macht schamlos aus, vergewaltigte Patientinnen - und demütigt seine Opfer vor Gericht nun ein zweites Mal.

Von , Paris

Angeklagter Gynäkologe H.: Es ging um Verführung, nicht um Gewalt
AFP

Angeklagter Gynäkologe H.: Es ging um Verführung, nicht um Gewalt


Das Kreuzverhör im großen Saal des Pariser Schwurgerichts erscheint wie eine neuerliche Aggression. Wieder müssen die Frauen durchleben, was ihnen widerfahren ist. Sie sprechen stockend, leise, manchmal machen sie lange Pausen. Auf dem "schweren Weg zur Wahrheitsfindung", so der Vorsitzende Hervé Stephan, werden die intimen Details in aller Öffentlichkeit ausgebreitet. Vor den Geschworenen und den Richtern in roter Robe und Hermelinkragen berichten die Zeuginnen, wie sie die Übergriffe ihres Arztes André H. ertrugen. Die Frauen setzten ihre Hoffnung in H.: Er war ein renommierter Reproduktionsmediziner, oft lag eine jahrelange Odyssee hinter seinen Patientinnen.

André H., 70 Jahre alt, schwarzes Jackett und dunkles Hemd, wurde gerühmt als Fachmann für künstliche Befruchtung und als Pionier der In-vitro-Fertilisation. Nun muss er sich vor dem Pariser Schwurgericht verantworten. Die Anklage des auf drei Wochen angesetzten Prozesses lautet auf "Vergewaltigung und sexuelle Aggression gegenüber verwundbaren Personen durch eine Person, die ihre Autorität ausnutzte, die ihr durch ihre Funktion zuteil wurde." Er muss sich wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs von sieben Patientinnen verantworten. Die Klagen von 27 anderen Patientinnen wurden wegen Verjährung nicht zugelassen. Die Frauen sagen im Prozess als Zeuginnen aus.

André H. betont, die Kontakte hätten einvernehmlich stattgefunden

Der Spezialist bediente sich des besonderen Verhältnisses zwischen Arzt und Patientin, um die Frauen zu vergewaltigen. In der Praxis im 17. Arrondissement von Paris missbrauchte er das in ihn gesetzte Vertrauen ebenso schändlich wie die Frauen selbst.

Nach Darstellung der Anklage soll der Promi-Mediziner zwischen 1995 und 2004 Dutzende Frauen missbraucht und vergewaltigt haben. Schon 1985 hatten Patientinnen Beschwerden bei der Ärztekammer vorgebracht - ohne dass die Standesorganisation reagierte. 20 Jahre später erstattete eine Frau, unterstützt von ihrem Anwalt, Anzeige.

André H., im Gerichtssaal nur einen knappen Meter von seinen ehemaligen Patientinnen getrennt, räumt sexuelle Kontakte ein, aber betont, dass sie stets einvernehmlich stattgefunden hätten. "Ich verstehe, dass die Patientinnen angesichts ihres psychologischen Zustands sich von meinem Charme haben hinreißen lassen. Doch ich hätte nicht geglaubt, dass sie mich so vergötterten." Es sei stets nur "um Verführung, nie um Gewalt" gegangen.

Karriere als Experte von Weltrang

Tatsächlich zeichnen manche Patientinnen vor Gericht ein positives Bild von dem Mediziner. Er sei bescheiden, höre zu, habe nie eine ungehörige Geste gemacht, nie ein deplatziertes Wort gesagt. Eine andere Frau sagt, sie sei H. "unendlich und auf ewig dankbar", weil er ihr zur ersehnten Schwangerschaft verhalf. Für sie habe der Mann ein wahres "Wunder" vollbracht.

Die sieben Frauen, die Klage erhoben haben, sehen das anders. Lange haben sie geschwiegen, aus Scham, Ekel, Furcht. Sie hatten Angst, ihr spätes Outing als Opfer könne womöglich als Form der Denunziation dargestellt werden. Sie beschrieben den Arzt als "Schmeichler", als "Manipulator": "Ich fand mich damals dick und hässlich", erinnert sich eine der Zeuginnen, "er sagte mir, ich sei schön." Es kam zum Verkehr, die Frau war im achten Monat schwanger.

Für H. sind die Darstellungen bestenfalls Irrtümer, Missverständnisse, Fehlinterpretationen. "Ich bin halt ein mediterraner Typ, sehr herzlich", sagt er von sich. Der Sohn algerischer Einwanderer, dessen Familie 1962 nach Frankreich kam, erzählt vom Studium und seiner Entscheidung, sich auf die Behandlung von Unfruchtbarkeit zu spezialisieren - ein Zweig der Medizin, der damals in den Anfängen steckte. Er machte Karriere als Experte von Weltrang. Es ist dieser Ruhm, der ihn lange vor Verfolgung schützt.

Es ist die Hilflosigkeit und die Sehnsucht nach einem Kind, die die Frauen auf der anderen Seite schweigen ließ. Sie fühlten sich abhängig von Dr. H., er war ihre letzte Hoffnung auf ein Kind. "Ich hatte den Eindruck, dass ich nie schwanger werden würde, wenn ich ihm Widerstand geleistet hätte", so eine Patientin. "Es war mir unmöglich, seine Machenschaften zu stoppen, weil er in meinen Augen der einzige Mediziner war, der meine Krankheit verstand", sagte eine weitere. "Ich hatte solche Angst, dass er sich nicht mehr um mich kümmert, wo ich doch ein Baby wollte. Daher habe ich niemandem etwas gesagt."

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