Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Prozess: Kachelmann-Anwalt will Alice Schwarzer als Zeugin hören

Von , Mannheim

Überraschung im Kachelmann-Prozess: Der Anwalt des TV-Moderators wirft der Journalistin Alice Schwarzer einen "öffentlichen Feldzug" gegen seinen Mandanten vor - und will sie als Zeugin vernehmen lassen. Die Stimmung im Saal ist zunehmend gereizt. Das Gericht wurde sogar ausgebuht.

Jörg Kachelmann: Vom Wettermann zum Angeklagten Fotos
REUTERS

Die Journalistin und Feministin Alice Schwarzer kann vorerst nicht mehr am Prozess gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann teilnehmen. Kachelmanns Anwalt beantragte am Donnerstag überraschend, Schwarzer als Zeugin zu vernehmen. Bis zur Entscheidung des Landgerichts Mannheim darüber darf Schwarzer als mögliche Verfahrensbeteiligte den Gerichtssaal nicht mehr betreten. Sie berichtet für die "Bild"-Zeitung über den Prozess.

Schwenn möchte Schwarzer zu ihren Kontakten mit Günter Seidler, dem Therapeuten von Kachelmanns Ex-Freundin, befragen. Der Anwalt warf Schwarzer einen "öffentlichen Feldzug" gegen Kachelmann vor. In der Vergangenheit hatte Schwenn bereits erfolglos Anträge gestellt, die Redaktionen von "Focus" und "Bunte" durchsuchen zu lassen.

Am 26. Tag des Vergewaltigungsprozesses gegen Kachelmann stand die weitere Befragung des sachverständigen Zeugen Seidler auf dem Programm. Er ist Leiter der Sektion Psychotraumatologie der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik an der Universität Heidelberg. Seidler ist seit dem 24. März 2010 Therapeut von Kachelmanns Ex-Freundin, die der Moderator in der Nacht zum 9. Februar vergewaltigt haben soll.

"Die Öffentlichkeit soll erfahren, womit man es hier zu tun hat"

Das Gericht hatte sich bereits in der vorigen Woche einen Verhandlungstag lang mit Seidler befasst. Die Öffentlichkeit bekam davon nichts mit, da Therapieinhalte heutzutage zum Schutz der Persönlichkeitsrechte des Patienten oder der Patientin hinter verschlossenen Türen abgehandelt werden.

Damit allerdings wollte sich Schwenn nicht zufrieden geben. Zumindest einen Teil der Fragen, die die Verteidigung an Seidler zu stellen beabsichtige, gehörten in die Öffentlichkeit, argumentierte er.

Schwenn hatte in der vorigen Woche schon einen entsprechenden Katalog von zwölf Fragen zusammengestellt. Ihm ging es vor allem um zwei Fragen: Er wollte wissen, ob der Vorsitzende Richter des Oberlandesgerichts Karlsruhe, das am 29. Juli den Haftbefehl gegen Kachelmann aufgehoben hatte, anschließend tatsächlich Sorge um die Ex-Geliebte und ihren Therapeuten geäußert habe. Nach den Notizen von Seidler soll der Anwalt des mutmaßlichen Opfers den Therapeuten über einen entsprechenden Anruf des Richters informiert haben.

Schwenn wollte zudem wissen, ob der Therapeut persönlich ein Treffen von mehreren Ex-Freundinnen Kachelmanns angeregt hat, um möglicherweise eine psychologische Begutachtung des Moderators zu erreichen. Schwenn appellierte an das Gericht: "Die Öffentlichkeit soll erfahren, womit man es hier zu tun hat." Er als Verteidiger sichere zu, die Nebenklägerin nicht mit Fragen nach weiteren Therapieinhalten bloßzustellen.

Kachelmanns Verteidigung wollte durch die öffentliche Befragung offenbar weitere Zweifel an Seidlers Glaubwürdigkeit schüren. Es sei eine abwegige Vorstellung, dass die Kammer, die Kachelmann freigelassen habe, sich dann um die Ex-Geliebte und ihren Therapeuten sorge, sagte Schwenn. Zwar sei Seidler als sachverständiger Zeuge dazu bereits in nichtöffentlicher Sitzung befragt worden. Er wolle aber transparent machen, "zu welchen fantastischen Situationsverkennungen der Zeuge in der Lage ist".

Buhrufe aus dem Publikum

Das Mannheimer Gericht widersetzte sich am Donnerstag zunächst Schwenns Antrag auf öffentliche Diskussion seiner zwölf Fragen. Dafür gab es Buhrufe aus dem Publikum. Die Fronten sind mittlerweile auch unter Teilen der Prozessbeobachter verhärtet: Ein Zuschauer forderte einen Journalisten auf, sich zu "schämen" und beschimpfte ihn als Mitglied der "Alice-Schwarzer-Fraktion".

Es ist die leidige Kernfrage des Kachelmann-Prozesses: Was darf, was soll, was muss die Öffentlichkeit wissen, um zu begreifen, welches Stück vor Gericht gespielt wird?

In Mannheim beobachtet man Richter, die Anträge der Verteidigung mit Regelmäßigkeit zurückweisen. Man hört Sachverständige, die sich über die Feststellung "Kann sein, kann nicht sein" nicht hinauswagen und sich einer Festlegung entziehen - aus Angst wohl, von der Staatsanwaltschaft ebenso rüde abgefertigt zu werden wie der Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, der von den mutmaßlichen Vergewaltigungsverletzungen nicht viel hielt. Das Gericht gab damals einem Befangenheitsantrag der Staatsanwaltschaft statt und erlaubte Brinkmann nicht mehr, seine Befunde zu interpretieren.

Vier Fragen gestand das Gericht Schwenn schließlich zu, bei deren Beantwortung der Ausschluss der Öffentlichkeit nur schwer zu rechtfertigen gewesen wäre. Etwa, ob Seidlers Rechtsbeistand eine Empfehlung von Alice Schwarzer gewesen sei. Seidler verneinte und betonte, mit der Feministin keinen Kontakt gehabt zu haben.

Da war es auch schon passiert. Schwenn benannte Schwarzer als Zeugin zum Beweis des Gegenteils. Journalisten haben vor Gericht ein umfassendes Aussageverweigerungsrecht. Gleichwohl musste Schwarzer den Saal verlassen, was sie offensichtlich überraschte. Die Kommentatorin von "Bild" wird also den Prozess erst wieder beobachten können, wenn sie als Zeugin sagt, dass sie nichts sagt.

mit Material von dpa und dapd

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 241 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ..
Scharfrichter 03.02.2011
wie viele Nebelbomben muss Schwenn eigentlich noch werfen, damit Kachelmann und auch die Öffentlichkeit erkennt, worum es ihm geht: Billige Publicity auf juristisch niedrigstem Niveau und nichts anderes. Und das zum Schaden von Kachelmann.
2. Schaden??
janne2109 03.02.2011
Zitat von Scharfrichterwie viele Nebelbomben muss Schwenn eigentlich noch werfen, damit Kachelmann und auch die Öffentlichkeit erkennt, worum es ihm geht: Billige Publicity auf juristisch niedrigstem Niveau und nichts anderes. Und das zum Schaden von Kachelmann.
ich denke es wird für Kachelmann immer mehr zum Vorteil werden. Langsam überlegt man sich, ob sich die Klägerin nicht zu viel mit ihrer Klage selbst angetan hat. Niemand wird die Frau mehr beschäftigen aus Sorge um einen Medienrummel, den kein Arbeitgeber haben möchte.
3.
Hador, 03.02.2011
Zitat von janne2109ich denke es wird für Kachelmann immer mehr zum Vorteil werden. Langsam überlegt man sich, ob sich die Klägerin nicht zu viel mit ihrer Klage selbst angetan hat. Niemand wird die Frau mehr beschäftigen aus Sorge um einen Medienrummel, den kein Arbeitgeber haben möchte.
Sie vergessen eines: Hier geht es nicht um einen Zivilprozess sondern um einen Strafprozess. Kläger ist die Staatsanwaltschaft, das vermeintliche Opfer nur Nebenklägerin. Selbst wenn ihr das ganze Verfahren inzwischen nicht mehr Recht sein sollte hilft das Kachelmann wenig. Genausowenig hilft es ihm wenn er die Öffentlichkeit auf seiner Seite hat. Im Endeffekt erreicht sein Anwalt momentan vor allem mal eines: Er verärgert das Gericht und DAS dürfte wohl kaum zu Kachelmanns Nutzen sein, oder?
4. Wurmstichiger Rechtsstaat
deroptimist, 03.02.2011
Ich werde nicht mehr den Eindruck los, dass in unserem Rechtsstaat der Wurm drin ist. Da werden Straftäter mit z. T. nachgewiesenen, schweren Vergehen auf Bewährung laufen gelassen, da werden Prozesse ohne handfeste Beweise endlos in die Länge getrieben, es finden sich zu den dürftigsten bis absurdesten "Ansprüchen" (z. B. Burka im öffentlichen Dienst) willfähige Anwälte und es wird von der unterlegenen Seite stets relexartig die Berufung eingeschlagen. Und dann wundern sich einige auch noch, dass die Gerichte in Arbeit ersaufen. Von der Politik erwartet man nicht mehr viel, aber wenn auch das Vertrauen in den Rechtsstaat weiter erodiert, dann wird es mir um den Frieden in diesem Lande bange.
5. Lächerlich
MCFidel, 03.02.2011
Zitat von janne2109ich denke es wird für Kachelmann immer mehr zum Vorteil werden. Langsam überlegt man sich, ob sich die Klägerin nicht zu viel mit ihrer Klage selbst angetan hat. Niemand wird die Frau mehr beschäftigen aus Sorge um einen Medienrummel, den kein Arbeitgeber haben möchte.
Es ist eine Schande was aus diesem Prozess geworden ist. Eine von der Verteidigung inszenierte mediale Schlammschlacht. Beweisangebote die sowohl sinnlos wie auch nutzlos sind. Was möchte die Verteidigung erreichen mit Durchsuchungen von Redaktionsräumen oder einer Vernehmung von Frau Schwarzer? Es geht nur noch darum das eigentliche Prozessthema die angeklagte Vergewaltigung in den Hintergrund zu drängen. Mir persönlich tut das Gericht leid, dem hier ganz offen auf der Nase herumgetanzt wird. Zudem legt es die Verteidigung darauf an einen Prozessfehler des Gerichts absichtlich herbeizuführen. Es kann nicht sein, das die Sachverständigen so verunsichert sind, das es keiner mehr wagt mal eine echte handfeste Expertise abzugeben. Aktuell wird jedes Urteil ob Schuldig oder Freispruch einen faden Beigeschmack haben. Kachelmann wird durch dieser Art der Prozessführung schwerst beschädigt und selbst ein Freispruch stünde unter dem Verdacht er habe sich diesen Freispruch erschlichen bzw. erkauft. Auch Kachelmann muss sich Sorgen machen müssen ob er in Zukunft noch in der Öffentlichkeit wird auftreten können
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Chronik
20. März 2010 - Festnahme
Jörg Kachelmann, Meteorologe, Moderator und Schweizer Staatsbürger, wird nach seiner Rückkehr aus Kanada am Frankfurter Flughafen festgenommen. Er gehörte zum Team der ARD bei den Olympischen Spielen in Vancouver. Kachelmann soll seine Ex-Freundin in der Nacht zum 9. Februar vergewaltigt haben.
22. März 2010 - Gegenklage
Kachelmanns Anwalt weist die Vergewaltigungsvorwürfe als "frei erfunden" zurück. Der Moderator kündigt an, "wegen falscher Anschuldigung" Klage zu erheben. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft besteht jedoch dringender Tatverdacht.
23. März 2010 - Unschuldbeteuerung
Kachelmann beteuert seine Unschuld: "Er hat die ihm vorgeworfene Tat nicht begangen", teilen seine Kölner Anwälte auf ihrer Web-Seite mit.
24. März 2010 - Beim Haftrichter
Bei einem Termin beim Haftrichter in Mannheim bestreitet der TV-Wetterexperte die Vergewaltigung erneut. Der Haftrichter entscheidet jedoch, dass er vorerst in Untersuchungshaft bleiben muss. Kachelmann ruft wartenden Reportern zu: "Ich bin unschuldig."
27. März 2010 - Soko Flughafen
Nach Informationen des SPIEGEL war die Festnahme des Moderators von langer Hand geplant: Eine "Soko Flughafen" hat die Aktion drei Wochen lang vorbereitet, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen.
4./5. Mai 2010 - Neue Ermittlungen
Kachelmanns Anwalt beantragt, den Haftbefehl aufzuheben. Eine Entscheidung darüber vertagt der Haftrichter jedoch. Zunächst müssten weitere Ermittlungsergebnisse vorliegen.
15. Mai 2010 - Korrektur der Vorwürfe
Nach Informationen des SPIEGEL hat die Ex-Freundin des Schweizers einen Teil ihrer Anschuldigungen zurückgenommen. Den Vorwurf der Vergewaltigung hält sie aufrecht.
17. Mai 2010 - Anklageerhebung
Die Mannheimer Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall und Körperverletzung.
2. Juni 2010 - Entlastende Gutachten
In einem Gutachten zur Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers kommt die Bremer Psychologin Luise Greuel zu dem Schluss, dass die Schilderung der Vergewaltigung nicht die Mindestanforderungen an die logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz erfülle. Das mutmaßliche Opfer könne die Tat selbst bei eingehender Befragung nur vage und oberflächlich wiedergeben. Es würden auch Sachverhalte dargestellt, die handlungstechnisch unwahrscheinlich bis unmöglich seien.
15. Juni 2010 - Haftbefehl bleibt
Das Landgericht Mannheim teilt mit, dass die Strafkammer erst später über den Antrag von Kachelmanns Verteidigung auf Aufhebung des Haftbefehls entscheiden werde. Es müsse erst noch eine weitere Stellungnahme des Verteidigers geprüft werden.
25. Juni 2010 - Neuer Haftprüfungstermin
Das Landgericht Mannheim entscheidet, dass am 2. Juli ein Haftprüfungstermin stattfinden soll. Dabei werde auch Kachelmann erneut gehört.
29. Juni 2010 - Haftbeschwerde
Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock legt beim Oberlandesgericht Karlsruhe Haftbeschwerde ein. Damit fällt der Haftprüfungstermin am 2. Juli aus. Mit einer Entscheidung aus Karlsruhe wird Mitte Juli gerechnet.
1. Juli 2010 - Weiter in U-Haft
Das Landgericht Mannheim lehnt einen Antrag auf Aufhebung des Haftbefehls ab. Kachelmann bleibt in Untersuchungshaft.
29. Juli 2010 - Entlassung aus der U-Haft
Das Oberlandesgericht Karlsruhe ordnet an, dass Kachelmann sofort aus der Untersuchungshaft entlassen werden muss. Begründung: "Im derzeitigen Stadium des Verfahrens besteht kein dringender Tatverdacht mehr."
6. September 2010 - Beginn Hauptverhandlung
Erster Verhandlungstag im Kachelmann-Prozess: Das Mannheimer Landgericht muss klären, ob der Moderator tatsächlich eine Ex-Freundin vergewaltigt hat. Bei einer Verurteilung drohen dem Wetter-Moderator bis zu 15 Jahre Haft.
Prozessverlauf
Am 29. November 2010 gibt Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock sein Mandat an Johann Schwenn ab. Über die Gründe für diesen überraschenden Schritt schweigt er.
Der Prozess wird sich voraussichtlich länger hinziehen: Zunächst war der 21. Dezember 2010 als letzter Prozesstag vorgesehen, dann wurden bis Ende März 19 weitere Termine reserviert - und nun wird voraussichtlich bis Mai verhandelt. Der Grund: Die zuständige Kammer will mindestens noch an sechs Tagen verhandeln - im April wird es allerdings voraussichtlich keine Termine geben, da Kachelmann drei Wochen nach Kanada reist, um dort Kinder aus einer früheren Ehe zu besuchen. Der Besuch sei notwendig, da er ansonsten sein Besuchsrecht verliere, begründete die Verteidigung die Unterbrechung.

Causa Kachelmann
Ein Prozess, sieben Fragen: Im Fall Kachelmann muss jetzt das Gericht klären, ob der Moderator tatsächlich seine ehemalige Freundin vergewaltigt hat. Das Verfahren reicht weit über den Gerichtssaal hinaus. SPIEGEL ONLINE gibt Antworten auf sieben zentrale Fragen rund um den Fall.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: