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Prozess um getötete Kurdin: Im Namen des Vaters

Aus Kleve berichtet

Musste Gülsüm S. sterben, weil sie keine Jungfrau mehr war? Die junge Kurdin wurde auf einem Feldweg am Niederrhein erschlagen. Nun stehen ihr Vater, Bruder und ein Bekannter vor Gericht, die Anklage lautet auf Mord. Doch keiner der drei will es gewesen sein.

Getötete Gülsüm S.: "Die Ehre der Familie" Fotos
dapd

Kleve - Am 30. März sitzt Davut S. im Rathaus der niederrheinischen Gemeinde Rees. Er scheint voller Trauer, die Mitarbeiter des Sozialamtes erleben einen aufgelösten, niedergeschmetterten jungen Mann. Es verwundert sie nicht: Davut S. hat wenige Tage zuvor seine 20 Jahre alte Drillingsschwester zu Grabe getragen, in einer einfachen Gruft hat die Familie sie in der kurdischen Heimat in Ostanatolien beigesetzt. Davut S. ist zum Sozialamt gekommen, um eine Erstattung der Beerdigungskosten zu beantragen, 1600 Euro. Das Geld wird bewilligt.

48 Stunden nach dem Antrag wird Davut S. festgenommen: Er steht in dringendem Verdacht, seine Schwester getötet zu haben. Er gesteht die Tat. Er habe Gülsüm umgebracht, weil sie keine Jungfrau mehr gewesen sei, sagt er damals den Ermittlern.

Seit diesem Freitag stehen Davut S., sein Vater Yusuf und Davuts russischer Freund Miro M. in Kleve vor Gericht. Die Anklage lautet auf gemeinschaftlichen Mord. Darin heißt es: "Weil sich die 20 Jahre alte Kurdin Gülsüm S. den soziokulturellen Wertvorstellungen ihrer Familie nicht gefügt, sich vielmehr westeuropäischen Lebensgewohnheiten angenähert hatte und darüber hinaus heimlich einen Schwangerschaftsabbruch hatte vornehmen lassen, beschlossen die Angeschuldigten Yusuf und Davut S., (…) sie zu töten, um die Ehre der Familie wiederherzustellen." Miro M. soll bei der Ausführung der Tat geholfen haben.

Ein Gesicht, bis zur Unkenntlichkeit entstellt

Unter dem Vorwand, ihr gestohlenes Fahrrad in einem Waldstück entdeckt zu haben, lockt Davut S. seine Schwester laut Anklage am Abend des 2. März aus der gemeinsamen Wohnung. Es ist nach 20 Uhr, die Nacht ist bereits hereingebrochen. Der Vater hat laut Staatsanwaltschaft zuvor dafür gesorgt, dass die andere Drillingsschwester, die ebenfalls in der Wohnung lebt, zu jenem Zeitpunkt nicht zu Hause ist.

Gemeinsam mit Miro M. und seiner Schwester fährt Davut zu einem Wirtschaftsweg rund einen Kilometer außerhalb von Rees. Als Gülsüm mit einer von ihr mitgebrachten Taschenlampe den unbeleuchteten Feldweg nach ihrem Rad absucht, würgt ihr Bruder sie laut Anklage mit einer Wäscheleine, so schildert es die Anklage. Dann drischt er gemeinsam mit Miro M. mit Ästen auf ihren Kopf ein. Gülsüm S. stirbt an den schweren Verletzungen.

Als ein Landwirt die Leiche der jungen Frau zwei Tage später unter einem Laubhaufen entdeckt, ist ihr Gesicht derart zertrümmert und entstellt, dass sie nicht identifiziert werden kann. Der Obduktionsbericht lässt ihre Qualen nur erahnen, beschreiben kann man sie nicht.

Die Täter rammten Gülsüm S. Holzstücke ins Gesicht, schlugen ihr Zähne aus, rissen ein Ohr halb ab. Die Rechtsmediziner kommen zu dem Schluss, dass man auch noch auf sie eingeprügelt hat, als sie längst tot war. Der Körper der jungen Frau bleibt hingegen unversehrt - der oder die Täter hatten es allein auf ihren Kopf abgesehen.

Sollte Gülsüms Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerstört werden, weil ihre Verwandten wegen des Lebenswandels der jungen Frau im übertragenen Sinn einen Gesichtsverlust fürchteten?

Angeklagte, die sich als Opfer inszenieren

Davut S. versteckt sich beim Prozessauftakt unter einer Kapuze vor den Fotografen. Den Kopf tief gesenkt sitzt er wie verloren zwischen seinen Verteidigern, knetet seine Finger. Während der Verlesung der Anklage weint er, ohne einen Laut von sich zu geben.

Sein Vater Yusuf, 49 Jahre alt, Vater von elf Kindern, ein grauhaariger, untersetzter Mann mit einem rundlichen Gesicht, Bart und Brille, schluchzt hingegen so laut, dass die Worte des Vorsitzenden Richters mitunter im Wehklagen untergehen.

Miro M., 32, den Davut im Asylbewerberheim kennengelernt hat, sitzt derart gekrümmt auf der Bank, dass der Richter ihn auffordern musste, sich zumindest für die Aufnahme seiner Personalien aufzurichten, damit er ihn sehen könne.

Das Gericht, so legt ihr Verhalten nahe, hat es nicht mit drei Tätern, sondern drei Opfern zu tun. Es ist eine bizarr anmutende Inszenierung.

Kahle Stellen durchziehen Haar und Bart von Davut S. Sein Mandant leide unter den Umständen, sagt sein Verteidiger Hans Reinhardt SPIEGEL ONLINE. Er sei Opfer der archaischen Erziehungsmethoden seines Vaters, der die Kinder tyrannisiert habe, und sei daher in seiner Entwicklung zurückgeblieben. Die Angaben zu seiner Person macht Davut S. mit dünner, brüchiger Stimme.

Geld zusammengekratzt

Der Russe Miro M. gibt vor Gericht an, ohne Mutter und Vater aufgewachsen zu sein. Er könne kaum lesen und schreiben, habe nur sporadisch eine Schule besucht und schließlich sein Geld zusammengekratzt, um von Schleppern nach Westen gebracht zu werden. Frankreich hatte man ihm versprochen, doch stattdessen landete er in Deutschland. "Das war mir auch recht", lässt er über seinen Anwalt erklären.

Yusuf S., dem Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird, kommt 1996 mit seinem jüngsten Sohn und seiner Frau Gazali nach Deutschland, die anderen Kinder holt er später nach. Die Familie beantragt Asyl, sie ist kurdischer Abstammung und fühlt sich in der Türkei bedroht. Die S. werden in einem Übergangswohnheim für abgelehnte Asylbewerber untergebracht. Dort bleiben sie elf Jahre lang.

Auf dem Rasen vor dem Heim in Rees, dicht an der niederländischen Grenze, stehen Satellitenschüsseln. Sie schaffen den Kontakt zur alten Welt. In seiner neuen Umgebung wird Yusuf S. nie ankommen. Er sagt vor Gericht, in der Türkei habe er als Bauer gearbeitet, in Deutschland beim Sozialamt. Verhaltenes Gelächter im vollbesetzten Gerichtssaal.

Ein Opfer, das seinen Vater fürchtete und die Scham

Gülsüm S. ist mehrfach von ihrem Vater verprügelt worden, einmal hat er ihr den Kiefer gebrochen. Doch es ist Gülsüm, die die Ärzte auf ihre Schweigepflicht aufmerksam macht. Sie will ihren Vater nicht bei der Polizei anzeigen. Der Vater bringt sie 2007 unter einem Vorwand in die Türkei, wo er sie zwangsverheiratet. Die Ehe wird später auf Gülsüms Drängen geschieden. In einem zweiten Versuch verspricht er die junge Frau einem in Hannover lebenden Cousin. Yusuf S. besteht darauf, dass seine Töchter keusch leben.

Doch Gülsüm hat eigene Vorstellungen von ihrem Leben - und einen Freund, Altin.

Sie sucht Schutz bei einer Hilfsorganisation, wird durch Lehrer und Betreuer unterstützt. Gülsüm weiß um die Brutalität ihres Vaters, sie fürchtet sich und äußert dies auch. Sie zieht aus, sucht Zuflucht in einem Frauenhaus, verhängt sogar eine sogenannte meldebehördliche Auskunftssperre. Ihr Vater soll nicht wissen, wo sie lebt.

Doch die Familie lässt nicht locker. Eine Schwester bittet Gülsüm, nach Rees zurückzukehren. Die junge Frau erträgt die Spannung nicht länger. Ihr Leben ist ein Spagat zwischen den Welten. Sie hat Angst, doch sie vermisst ihre Familie. Im Oktober 2008 versucht Gülsüm S. sich umzubringen.

Schließlich kehrt sie zurück nach Rees, sie ist schwanger. Das Kind lässt sie aus Angst vor ihrem Vater in Amsterdam illegal abtreiben. Es kommt zu Komplikationen, Gülsüm muss in einer Klinik behandelt werden. Ihr Vater und ihr Bruder erfahren davon.

Ein Gericht, konfrontiert mit einer Mauer des Schweigens

Nach seiner Festnahme gesteht Davut, Gülsüm getötet zu haben. Inzwischen hat er sein Geständnis im Gespräch mit einem psychiatrischen Gutachter in Teilen widerrufen: Nicht er, sondern sein Freund Miro habe seine Schwester ermordet. Er selbst habe sie zwar in der Absicht, sie zu töten, mit einer Wäscheleine stranguliert, dann aber Mitleid mit ihr bekommen und von ihr abgelassen. Schließlich habe Miro ihn gefesselt und Gülsüm getötet. Davut will es nicht gewesen sein.

"Warum hätte mein Mandant das tun sollen?", fragt Miro M.s Verteidiger Jochen Thielmann. "Er ist ein Fremdkörper in dieser Familientragödie, und nun versucht man, ihn als Sündenbock mit reinzuziehen", sagt er SPIEGEL ONLINE. Miro M. hat über den Verteidiger erklären lassen, dass er jegliche Beteiligung an der Tat bestreitet und im Prozess von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen will.

Auch Yusuf S. will schweigen. "Mein Mandant wird sich nicht äußern", sagt Rechtsanwalt Siegmund Benecken. "Das Wichtige lässt sich auf einem Satz beschränken: Die Vorwürfe treffen nicht zu." Auch Davut S. will im Prozess schweigen. Die Angehörigen der Familie S. haben bereits angekündigt, vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen.

"Ich gehe nicht davon aus, dass das Gericht am Ende des Prozesses weiß, wie es tatsächlich war. Die Beteiligten bauen eine Mauer des Schweigens auf. Das ist in Deutschland ihr gutes Recht", sagt Anwalt Thielmann. "Die Geschichte wird im Dunkeln bleiben. Wir können sie im besten Fall etwas erhellen."

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