Prozess um getötete Libanesin Mord aus nächster Nähe

Iptehal Z. starb auf einem Parkplatz an der Autobahn. Ein Cousin und ein Onkel sollen die 20-jährige Libanesin hingerichtet haben, weil sie angeblich mit ihrem westlichen Lebensstil die Ehre der Familie beschmutzt hatte. Der Cousin bestreitet die Tat - und sieht sich selbst als Opfer.

Angeklagter Ezzeddin A.: Völlig westlich gelebt?
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Angeklagter Ezzeddin A.: Völlig westlich gelebt?

Aus Hagen berichtet


Hagen - Der Ort, an dem Iptehal Z. starb, könnte trostloser kaum sein. Der Rastplatz "Sterbecker Siepen" an der A45 ist kaum beleuchtet, schwer einsehbar, noch nicht einmal mit einer Toilette ausgestattet. Hier, zwischen Hagen und Lüdenscheid, am Rande der sogenannten Sauerlandlinie, wurde die Libanesin Iptehal Z. Ende August 2008 in einem Gebüsch hingerichtet. Wenige Meter entfernt rollte unaufhaltsam der Verkehr Richtung Frankfurt.

Am Morgen nach der Tat entdeckten Urlauber, die mit ihrem Wohnmobil unterwegs waren, die blutüberströmte Leiche der 20-Jährigen. Lange war die Identität der jungen Frau unklar. Erst 30 Stunden nach der Tat meldete ihre Mutter sie bei der Polizei als vermisst.

Iptehal wohnte zu jenem Zeitpunkt im Frauenhaus in Iserlohn, die vergangenen Monate waren für sie nicht einfach gewesen. Aber sie lebte zugleich auch noch immer bei ihrer Familie, verbrachte viel Zeit in der Wohnung der Mutter in Schwerte, kehrte trotz aller Konflikte immer wieder dorthin zurück. Auch am Abend vor der Tat.

Praktikum im Kindergarten

Iptehal hatte drei Monate zuvor an der Volkshochschule ihren Hauptschulabschluss nachgeholt, sammelte gerade Berufserfahrung während eines Praktikums in einem Kindergarten. Und sie schmiedete Pläne für die Zukunft, wollte eine Ausbildung zur Erzieherin beginnen.

Iptehal war eine aufgeschlossene, lebenslustige junge Frau, berichten ihre Freunde. Sie war fröhlich, kleidete sich gerne gut, hatte auch Beziehungen zu Männern. Nun, da ihr gewaltsamer Tod vor dem Landgericht Hagen verhandelt wird, heißt es, Iptehal sei ein "sehr westliches" Mädchen gewesen - vorher galt sie einfach als ganz normales Mädchen.

2006 starb Iptehals Vater an Lungenkrebs, seither musste sich die Mutter alleine um ihre sechs Kinder kümmern. Die Familie galt bei Bekannten als konservativ und religiös. Iptehal suchte ihre Freiheiten und fand sie. Sie hatte eine Beziehung mit einem sieben Jahre älteren Türken, brannte mit ihm durch, lebte zeitweise sogar mit ihm zusammen in Dortmund. Das sorgte in ihrer Familie für Unmut.

Ein Leben zwischen den Welten

Dennoch kehrte Iptehal ihren Angehörigen niemals ganz den Rücken und besuchte weiterhin Familienfeiern. Es war ein Leben zwischen den Welten, ein Leben zwischen den Fronten, ein Leben, das schließlich auf einem Rastplatz an der Autobahn endete.

Vor der Zweiten Großen Jugendkammer des Landgerichts Hagen wird nun der Fall "Mord an der A45" verhandelt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Iptehals Cousin väterlicherseits und ihr Onkel mütterlicherseits sie "gemeinschaftlich aus niederen Beweggründen getötet haben".

Hussein K., 47 Jahre alt, soll mit drei Schüssen auf die junge Frau gezielt haben, während Cousin Ezzedin A. sie an den Fersen festhielt. Zwei Schüsse verfehlten Iptehal, einer traf sie direkt in den Kopf. Es war ein Mord aus wenigen Metern Entfernung, ein Mord, laut Anklage begangen von Angehörigen, ein Mord demnach aus - in jeder Hinsicht - nächster Nähe.

In der von Staatsanwalt Bernd Halldorn verlesenen Anklageschrift heißt es, Ezzedin A. und Hussein K. hätten "die Tat herbeiführen wollen, um die verletzte Familienehre wiederherzustellen, nachdem sich das Opfer vor der Tat von der Familie getrennt hatte und dessen westlich orientierte Lebensweise den Wertvorstellungen der Familie nicht mehr entsprach".

Äußerlich unbeteiligt

Ezzedin A. verfolgte die Vorwürfe äußerlich völlig unbeteiligt. Beinahe schmächtig wirkte der junge Syrer mit schwarzem Hemd und Seitenscheitel zwischen seinen Verteidigern Geerhard Thien und Oliver Gaertner. Zu den Vorwürfen äußern wollte er sich an diesem Dienstag nicht. Erst an den kommenden Verhandlungstagen, wenn das Medieninteresse abgeklungen sei, werde A. sich vor Gericht einlassen, sagte Verteidiger Thien.

Onkel Hussein K., finnischer Staatsbürger, muss sich nicht in Hagen vor Gericht verantworten - er ist seit der Tat auf der Flucht.

Laut Verteidigung bestreitet Ezzedin A., an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. Aus dem Protokoll eines Haftprüfungstermins geht hervor, dass A. sich selbst als Opfer seines Onkels sieht, der ihn angeblich mit dem Tod bedroht hat, sollte er seine Hilfe verweigern. Bei dem Termin Anfang Juli hat A. bestritten, dass es sich bei der Tötung um eine geplante Tat gehandelt hat.

Demnach ist Hussein K. im August vergangenen Jahres unerwartet aus Finnland nach Deutschland gekommen. A. sagt, der Onkel habe ihn am Abend vor der Tat angerufen und um sein Auto gebeten. "Er hat gesagt, dass er was zu erledigen hat." A. will dem Onkel den Kombi überlassen haben und den Abend in seiner Wohnung im Haus der Eltern verbracht haben. Nach Mitternacht sei der Onkel mit dem Wagen zurückgekommen. "Er sagte, wir sollen nach Frankfurt fahren, er hätte da was zu erledigen. Das ist ja völlig normal, dass man das dann auch macht."

Unbedarfte Sätze

Viele Sätze in der Aussage des Angeklagten klingen wie dieser, sie beginnen mit den einleitenden Worten "es ist ja völlig normal, dass", "so etwas macht man ja", sie klingen unschuldig, ein wenig unbedarft.

Ezzedin A. behauptet, er sei an jenem Abend im Auto eingeschlafen, sein Onkel sei gefahren. Als er wach geworden wäre, sei sein VW Kombi bereits auf dem Rastplatz geparkt gewesen. "Er hat mir die Pistole an den Kopf gehalten. Er hat gesagt, ich soll machen, was er sagt, sonst sei ich der nächste." Im Kofferraum des Autos habe "ein Mensch" gelegen.

Gemeinsam hätten er und K. Iptehal ins Gebüsch getragen. "Ich hatte Kontakt mit ihrem Körper, ich habe kein Lebenszeichen gespürt", sagte A. laut Protokoll. "Dann haben wir sie losgelassen. K. hat nicht angekündigt, was er machen wird. Ich wusste nicht, was er vorhatte. Dann hat er zwei- oder dreimal geschossen."

Danach, sagt A., habe er seinen Onkel auf dessen Geheiß nach Amsterdam gefahren. Er will K. gefragt haben, warum er die Cousine erschossen hat. "Er fand es nicht gut, wie sie gelebt hat und wie sich verhielt."

"Man bringt einen Menschen nicht um"

Ezzedin A., der sein Geld nach dem Hauptschulabschluss als Gebrauchtwagenhändler verdient und geschieden ist, behauptet, er habe seinem Vater, der mit ihm und seiner Frau im selben Haus gewohnt hat, nichts von der Tat erzählt. Erst nach der ersten polizeilichen Vernehmung, bei der er eine Beteiligung an der Tat bestritten hatte, will er von den Ereignissen der Nacht berichtet haben: "Mein Vater war sauer auf K., weil man einen Menschen nicht umbringt."

A. inszeniert sich in seinen Ausführungen selbst als Opfer des Onkels, der angeblich für ihn überraschend aus Finnland anreiste, um seine Nichte zu erschießen - und genauso überraschend wieder verschwand, ohne dass man je wieder von ihm hörte.

Die Familie bestreitet bislang, von der Tat des Onkels gewusst oder ihn gar dazu veranlasst zu haben. "Ich kann nur zur Anklage bringen, was ich auch nachweisen kann. Welche Absprachen es innerhalb der Familie gab, darüber können wir nur spekulieren", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Klaus Knierim, SPIEGEL ONLINE.

Die Verteidiger A.s halten den Vorwurf des Mordes für abwegig. "Ich sehe nicht, worin sein Motiv liegen soll", sagt Verteidiger Oliver Gaertner SPIEGEL ONLINE. Ezzedin A. habe "völlig westlich" gelebt, mit Autos gehandelt, geheiratet, sich modern gekleidet. Er sei auch nicht "streng religiös", trage "keine Kopfbedeckung", ergänzt Anwalt Thien. "Wir müssen aufpassen, nicht mit unserem westlichen Schubladendenken an die Sache heranzugehen", appelliert er.

Allein: Reichen Kleidung, Lebensumstände und vermeintliche Areligiosität aus, um ein Urteil über Wertvorstellungen - positiv wie negativ - zu fällen? Auch Iptehal hat ein nach außen westlich geprägtes Leben geführt. Ihr wurde es offenbar zum Verhängnis.



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