Prozess um Komasaufen Der Abend, an dem sich Lukas W. zu Tode trank

Wer trägt die Schuld am Tod des 16-jährigen Lukas W.? Der Teenager soff sich in einem Berliner Lokal mit mehr als 40 Tequila ins Koma - und starb bald darauf. Jetzt muss sich der Wirt der Kneipe vor Gericht verantworten: Er hatte mit dem Jugendlichen um die Wette getrunken.

Aus Berlin berichtet


Berlin - Die Aufarbeitung des Todes von Lukas W., 16, findet in Etappen statt. Und jedes Mal wird heftig gestritten, im Gericht und außerhalb.

Vor der 22. Strafkammer des Berliner Kriminalgerichts Moabit muss sich seit Mittwoch der 28 Jahre alte ehemalige Kneipenwirt Aytac G. wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie zahlreichen Verstößen gegen das Jugendschutzgesetz verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nicht nur vor, in mindestens 170 Fällen alkoholische Getränke an Jugendliche ausgeschenkt, sondern vor allem am 25. Februar 2007 anlässlich eines "Wetttrinkens" den Tod eines Sechzehnjährigen verursacht zu haben.

Fast genau vor einem Jahr erging in der Sache in Berlin gegen zwei junge Leute im Alter von 18 und 21 Jahren ein ausgesprochen mildes Urteil. Sie wurden zur Teilnahme an einem zehnmonatigen sozialen Trainingskurs verpflichtet - wegen Beihilfe zur Körperverletzung.

Sie hatten in Aytac G.s Charlottenburger Kneipe "Eye-T" gekellnert, ausgeschenkt und Strichlisten über die konsumierten Getränke geführt. Einer der Verteidiger kritisierte damals lautstark, dass doch erst einmal ein Haupttäter feststehen müsse, ehe man dessen Helfer vor Gericht stellen könne. Die Tat, die zum tragischen Tod von Lukas führte, wurde gleichsam als bewiesen unterstellt.

Für die Taktik der Justiz, die Strafsache von hinten aufzuzäumen, gab es Gründe.

Da der Bundesgerichtshof in Karlsruhe mittlerweile die Revision eines dieser "Beihelfer" zurückgewiesen hat, sind die Urteile rechtskräftig. Die nun im Verfahren gegen Aytac G. als Augenzeugen geladenen jungen Männer müssen aussagen; es steht ihnen kein Zeugnisverweigerungsrecht mehr zu. Von ihnen wird voraussichtlich genau zu erfahren sein, was sich in jener Februarnacht vor zwei Jahren im "Eye-T" abspielte.

"Der Junge wollte trinken und er hat getrunken"

Die Kneipe ist mittlerweile geschlossen. Der Wirt G. sprach 2008 als Zeuge im Prozess gegen seine Helfer von einem "tragischen Unglücksfall", der leider Lukas das Leben gekostet habe. Und einer der Verteidiger wies damals jede Schuld auch nur eines der in der Kneipe zur Tatzeit Anwesenden zurück: "Der Junge wollte trinken und er hat getrunken", erklärte er auf den Moabiter Gerichtsfluren. Einfach nach dem Motto: Was geht es den Wirt an, wenn sich seine Gäste vollaufen lassen?

G. hat inzwischen zwei Anwälte, darunter den Berliner Strafverteidiger Johnny Eisenberg. Dieser kämpft nicht nur für seinen Mandanten, sondern besonders auch gegen die Presse. Weder G. noch gar er selbst dürften fotografiert werden, ansonsten werde er zu "Notwehr" greifen, kündigte er nachdrücklich und lautstark an. Und wer ausschließlich berichte, was die Staatsanwaltschaft angeklagt habe - etwa, dass G. auch unrichtige Eidesstattliche Versicherungen abgegeben und zu Unrecht Schmerzensgeld von einem Berliner Zeitungsverlag gefordert habe - , der berichte nicht wahrheitsgemäß. Man müsse hören, "was ich sage", so Eisenberg, etwa dass der Verlag "gelogen" habe. Er frage sich, "wie eine Staatsanwaltschaft eine solche Anklage gegen G. erheben und ein Gericht sie zulassen kann".

Ob die von Eisenbergs Mitverteidigerin verlesene "Erklärung" zu Prozessbeginn eine Art Geständnis darstellen sollte, war am Mittwoch nicht klar. Denn G. wollte sich "derzeit" nicht äußern, also auch Fragen nicht beantworten.

"Er schenkte sich ein, ich mir. Wir tranken noch einige Gläser"

In dem Schriftsatz hieß es, dass Lukas gegen vier Uhr früh überraschend in das Lokal gekommen sei; man sei nach einer privaten Party am Aufräumen gewesen und habe noch etwas weiter getrunken.

Dann sei es zu dem "Wetttrinken" zwischen ihm, dem Wirt und dem Sechzehnjährigen gekommen. Er, G., sei müde gewesen und "schlecht ernährt"; er habe vier bis fünf Tequila getrunken. "Dann wurde mir Wasser gereicht." Und auch der späte Gast Lukas habe Wasser bekommen, wogegen dieser heftig protestiert, eine Flasche Tequila vom Tresen geholt und auf den Tisch gestellt habe.

"Er schenkte sich ein, ich mir. Wir tranken noch einige Gläser, wie viele, weiß ich nicht." Bei Lukas waren es schließlich 42 bis 45 Tequila á 0,2 Deziliter. Das sind um die 250 Gramm Alkohol. Oder 4, 2 Promille Blutalkoholgehalt.

Die neueste Darstellung G.s vom Ablauf der entscheidenden 30 bis 60 Minuten Trinkzeit weicht erheblich vom Ermittlungsergebnis ab.

Danach soll der Wirt, der alkoholische Getränke nicht verträgt, seine Helfer nämlich angewiesen haben, ihm selbst nach den ersten Schlucken nur noch Wasser, Lukas aber weiter Alkohol zu geben. Man sei irgendwann zur Toilette gegangen, gemeinsam, damit "nicht einer heimlich erbricht", so der Angeklagte vor Gericht.

"Mein Verhalten war falsch - ohne Wenn und Aber"

Später habe er, G., erbrochen, was er bisher nicht erzählt habe, weil es ihm peinlich gewesen sei. Im Übrigen habe er keine Erinnerung mehr, wie und wann er das Lokal verließ, wie er zur S-Bahn gekommen sei. Es sei ihm nicht gut gegangen. "Ich konnte nicht mehr." Er habe ein letztes Bild von Lukas im Gedächtnis, wie dieser noch "da saß" und auf die Frage, ob es ihm gut gehe, genickt habe.

Er bedaure das Wetttrinken, er fühle sich verantwortlich für den Tod des Jungen, es sei "unverantwortlich" gewesen. "Ob ich gegen Strafbestimmungen verstoßen habe, muss das Gericht entscheiden. Mein Verhalten war falsch - ohne Wenn und Aber." Doch er habe nie gedacht, dass ein Mensch überhaupt soviel Alkohol trinken könne.

Mit Lukas' Tod habe er nicht gerechnet, er habe ihn auch nicht gewollt. Er wisse aber, "dass Lukas am Berliner Nachtleben teilnahm und viel trank".

Die Erklärung, "die ich habe verfassen lassen", so G., war so vage, dass nicht einmal eindeutig daraus hervorging, ob er sich nur moralisch schuldig fühlt oder auch im Sinn des Strafrechts. An den entscheidenden Punkten, so der Eindruck, schien den Angeklagten jeweils die Erinnerung zu verlassen. Aufklärung ist daher vermutlich eher von den Zeugen des Geschehens zu erwarten.

Als der Notarzt am Tattag gegen 7.30 Uhr in der Kneipe eintraf, war Lukas klinisch tot, die Prognose hoffnungslos. Als die künstliche Beatmung vier Wochen keinerlei Fortschritt brachte, stellte man in der Klinik die Maschine ab.

Lukas hätte gerettet werden können, wenn gleich der Notarzt geholt worden wäre, als er das Bewusstsein zu verlieren drohte. Doch man ließ ihn rund drei Stunden einfach liegen.

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