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Prozess um Mordversuch: "Ich werde dir den Kopf abschneiden"

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Er hat das Gesicht seiner Ex-Frau zerfetzt, sie fast getötet - jetzt soll Mehmet K. vom Landgericht Baden-Baden verurteilt werden. Sein Opfer, Aylin K., ist überzeugt: Sie hat nur Ruhe, solange er hinter Gittern ist. Danach wird er sich rächen.

Hamburg - Es war ein Mordversuch im Namen der Ehre. Davon ist Aylin K. überzeugt. "Er hat gesagt, ich sei seine Ehre, ich gehöre nur ihm. Egal, ob wir getrennt sind oder nicht", sagt die 36-Jährige im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch Aylin K. wehrte sich gegen die Demütigungen ihres Ehemannes, seine Verbote und seine Brutalität. Sie ließ sich scheiden.

Aylin K.: "Er hat mein Leben zerstört. Mit diesem Gesicht muss ich leben"
DPA

Aylin K.: "Er hat mein Leben zerstört. Mit diesem Gesicht muss ich leben"

Mehmet K. ertrug das nicht. Im November vergangenen Jahres ging der 49-jährige Kurde mit zwei Messern auf seine Ex-Frau los, zerfetzte ihr das Gesicht, schnitt ihr ein Ohr ab, schlitzte ihr den Kehlkopf auf, stach ihr in die Brüste und zerriss ihr die Milz. Aylin K. überlebte nur knapp. Allein die 18 Schnittwunden im Gesichts- und Halsbereich mussten mit 250 Stichen genäht werden. Ihr Gesicht ist seitdem durch Narbenwülste entstellt.

Am heutigen Donnerstag will das Landgericht Baden-Baden das Urteil über den wegen versuchten Mordes angeklagten Mehmet K. fällen. Für das Leben von Aylin K. hat dieser Richterspruch immense Bedeutung. "Ich habe große Hoffnung, dass sie ihn lebenslang einsperren", sagt Aylin K. "Er hat mir immer wieder gedroht, 'Ich werde dir den Kopf abschneiden'. Und einmal hat er es ja schon versucht."

Eine harte Strafe kann die psychischen Wunden nicht heilen, die Aylin K. davongetragen hat. Aber möglicherweise ist es eine befristete Garantie für ihr Leben. Für sie zähle jeder Tag, den Mehmet K. hinter Gittern verbringt: "Dann bin ich vor ihm geschützt. Ich will wissen, wie viel Sicherheit ich noch habe. Denn eines Tages kommt er wieder raus - und er wird mich nicht in Ruhe lassen."

Könnte Aylin K. selbst urteilen, sie würde Mehmet K. für immer wegsperren. "Aber dafür müsste er so etwas noch einmal tun - ein schlimmer Gedanke." Zutrauen würde sie es ihm.

Ihre traurige Lebensgeschichte versteht die Türkin als Zeichen: "So viele Frauen leiden unter gewalttätigen Männern und haben Angst, sich zu wehren. Viele mussten deswegen sterben. Dass ich überlebt habe, ist ein Wunder, deshalb möchte ich denen, die keine Stimme mehr haben oder sich nicht trauen, Mut machen", sagt Aylin K. "Ich weiß, ich bin nicht die Letzte, der so etwas passiert!" Die 36-Jährige hat sich aus der Opferrolle gekämpft, engagiert sich bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, erzählt ihre Geschichte an Volkshochschulen.

Nach kurzem Zögern hat Aylin K. im Gerichtssaal allen Mut zusammengenommen, sich keine zwei Meter von ihrem Ex-Mann entfernt in den Zeugenstand gesetzt und ausgesagt. "Ich war stärker als erwartet", beschreibt sie ihre Haltung, als sie sich den Fragen der Kammer, des Staatsanwalts und der Verteidigung stellte. "Alle haben gesagt, dass ich tapfer war", sagt sie mit Stolz in der Stimme. Nur einmal sei sie "kurz explodiert", als sie der Verteidiger wegen eines Tattoos ausfragte, dass sie sich nach der Scheidung hatte stechen lassen - obwohl es ihr Mehmet K. doch verboten habe.

"Kein Wort der Reue kam ihm über die Lippen"

Während ihrer Befragung zeigte sich Mehmet K. betont unbeteiligt, blätterte in den Akten, vermied jeden Blick in ihre Richtung. "Kein Wort der Reue oder des Bedauerns kam ihm über die Lippen", sagt Aylin K.s Rechtsanwältin Brigitte Kiechle SPIEGEL ONLINE. Das Motiv "Ehrenmord" spielt für sie in diesem Fall keine Rolle. "Es geht wie in anderen Fällen, in denen die Täter Deutsche sind, um knallharte Machtansprüche der Männer gegenüber der Frau. Sonst nichts."

Aylin K. träumt davon, eine "ganz normale Frau" zu sein: "Was ich erlebt habe, ist so brutal. Meine Schmerzen waren und sind noch immer so brutal. Er hat nicht nur mich verletzt - er hat unsere ganze Familie, unsere Freunde und Bekannte verletzt."

Mehmet K. und die, die zu ihm halten, erklären, er habe aus Liebe gehandelt. "Er hat immer gesagt: 'Ich liebe dich, deswegen habe ich dich geschlagen, nur deswegen'", erinnert sich Aylin K. und lacht verbittert. "'Aus Liebe' sagt er - und schlug mich fast tot."

Egal, ob sie arbeiten ging, Deutsch lernen oder Freunde treffen wollte: "Er hat immer einen Grund gefunden, mich zu schlagen - und ich leider immer einen, um zu bleiben." Der wichtigste: "Ich wollte für meine Kinder einen Vater." Sie selbst musste ohne ihren Vater aufwachsen. "Das wollte ich ihnen ersparen." Deshalb ertrug sie seine Demütigungen und Gewaltexzesse, vertraute sich niemandem an.

Es dauerte fast 15 Jahre, bis Aylin K. merkte, dass sie ihren Kindern einen prügelnden Vater erst recht ersparen müsse. Es folgten zermürbende Auseinandersetzungen um das Sorge- und Umgangsrecht.

Die gemeinsamen drei Kinder gingen zum Vater, der ihrer Mutter das Leben zur Hölle machte, auf Distanz. "Sie hat sie gegen mich aufgehetzt", sagte Mehmet K. vor Gericht. "Ich habe sie immer wieder ermuntert, seine Nähe zu suchen", hält Aylin K. dagegen.

Schuldgefühle plagen die Kinder

Heute fühlen sich die drei Kinder mitschuldig an dem, was ihrer Mutter widerfahren ist. "Oft sagen sie: Hätten wir engeren Kontakt zu ihm gehalten, vielleicht hätte er es dann nicht gemacht." Momentan wollen sie mit dem Vater nichts zu tun haben. "Wenn es anders wäre, hätte ich damit aber auch kein Problem", versichert Aylin K. "Ich sage zu ihnen: 'Er ist euer Vater, das können wir nicht ändern.' Und ich unterstütze sie, wenn sie zu ihm Kontakt aufnehmen wollen."

Aylin K. glaubt, Mehmet K. habe sie aus verletztem Ehrgefühl umbringen wollen, weil er ihre Selbständigkeit, ihre Unabhängigkeit, ihren Wissensdrang nicht ertrug. Er habe sich minderwertig gefühlt, sei gekränkt gewesen. "In der Verhandlung hat er keinen Ton über seine Ehre verloren", sagt Aylin K. "Er scheint sich an das zu halten, was ihm sein Verteidiger eingebleut hat." Dabei seien ihr noch vor dem Prozess von Mehmet K. Männerbekanntschaften und Betrug unterstellt worden.

Ihr Leben ist seit jenem 21. November 2007 ein anderes als zuvor. "Ich habe so viele Probleme, wenn es nur die gesundheitlichen wären", sagt Aylin K. "Dieser Mann hat mein Leben zerstört. Mit diesem Gesicht muss ich leben - jeden Tag."

Nach der ersten Operation habe sie lange nicht in den Spiegel geschaut. "Aber meine Kinder und meine Mutter mussten mich jeden Tag ansehen", sagt Aylin K. "Sie waren so stark. Das hat mir Mut gemacht, einen Spiegel in die Hand zu nehmen." 15 Operationen liegen noch vor ihr. Die Ärzte machen ihr keine falschen Hoffnungen. "Sie haben gesagt, es wird nie wieder wie früher. Sie können die Narben dünner und schöner machen, aber bleiben werden sie immer."

Wenn das Urteil gesprochen ist, will Aylin K. einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Sie will weiterhin in Baden-Baden wohnen - auch, wenn Mehmet K. eines Tages wieder ein freier Mann ist. "Ich gehe hier nicht weg, ich habe keine Angst mehr. Wenn ich ginge, hätte er gewonnen. Ich will ihm zeigen, dass er mich nicht einfach ausschalten kann."

Eine "Jetzt erst recht"-Haltung, die ihr Leben gefährden könnte. Mehrere Zeugen haben in dem Prozess ausgesagt, dass Mehmet K. nach dem blutigen Gemetzel fast wie befreit schien, weil er offenbar glaubte, er habe die Mutter seiner drei Kinder getötet. Sie bescheinigten, dass er erschrak, als er erfuhr, dass sie überlebt hatte.

Aylin K. ist überzeugt: "Er wird nicht aufgeben. Er denkt, er hat das Recht - und er glaubt, er hat das gut gemacht."

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