Prozess um Mordversuch "Sie war ihm überlegen"

Er schnitt seiner Ex-Frau ein Ohr ab, zerschlitzte ihr Gesicht, verletzte sie am ganzen Körper - nun wird Mehmet K. wegen versuchten Mordes der Prozess gemacht. Der Staatsanwalt fordert die Höchststrafe, doch der Verteidiger plädiert auf versuchten Totschlag: Er sieht im Täter das eigentliche Opfer.

Von , Baden-Baden


Baden-Baden - Ein Verbrechen im Namen der Ehre kennt das Strafgesetzbuch nicht. Nur niedere Beweggründe. Ob diese Mehmet K. dazu motiviert haben, seine von ihm geschiedene Frau Aylin fast zu töten - darüber verhandelt derzeit die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Baden-Baden.

Opfer Aylin K.: "Furchtbarer Höhepunkt einer konfliktreichen Partnerschaft"
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Opfer Aylin K.: "Furchtbarer Höhepunkt einer konfliktreichen Partnerschaft"

Der 49-Jährige gibt zu, dass er die junge Türkin schwer verletzt hat. Entscheidend ist, aus welchem Motiv er am 21. November vergangenen Jahres mit einem Brotmesser auf seine Ex-Frau losging - warum er ihr das Gesicht zerschnitt, ihren Kehlkopf durchbohrte, ihr ein Ohr ab- und die Nase entzwei schnitt. Warum er ihre Milz durchstach, ihr die Brustwarzen aufschlitzte und sie an den Armen verletzte.

26-mal stach er auf die 36-Jährige ein, manche Stiche rammte er zwölf Zentimeter tief in ihren Körper. Aylin K. überlebte nur knapp. Allein die 18 Schnittwunden im Gesichts- und Halsbereich mussten mit 250 Stichen genäht werden. Ihr Gesicht ist seitdem entstellt.

Ein "freundlicher, ruhiger, fast unterwürfiger Mann"

Vor Gericht wird der Fall seit Mitte Juni verhandelt, die Urteilsverkündung mehrere Male verschoben. So auch heute. Der Verteidiger des Angeklagten hielt zwar sein Plädoyer, stellte jedoch erneut sieben Hilfsbeweisanträge. Die Kammer ließ einige davon zu. Immer wieder geht es um die Fragen: Hat Mehmet K. die Tat geplant? Handelte er aus niedere Beweggründen?

Angeklagt ist Mehmet K. wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Staatsanwalt Michael Klose wertet den Angriff als "besonders grausame Tat" und führt sie auf einen "archaischen Ehrbegriff" zurück. Mehmet K. habe seine Frau, die er als sein Eigentum betrachtete, töten wollen, sagte Klose in seinem Plädoyer und forderte die Höchststrafe.

Heute revanchierte sich Wolfgang Vogt, Verteidiger des Angeklagten. Sein Mandant sei das "Bauernopfer" eines "mit Propaganda überlagerten Verfahrens", die Tat ein "affektives Geschehen", der furchtbare Höhepunkt einer konfliktreichen Partnerschaft, erklärte er in seinem zweistündigen Plädoyer. Der blutige Angriff könne nicht ohne seine Vorgeschichte bewertet werden. Man müsse sich fragen, was einen "freundlichen, ruhigen, fast unterwürfigen Mann" wie Mehmet K. dazu bewegt habe.

Die Antwort lieferte der Freiburger Strafverteidiger selbst: Die Tat sei eben nicht in die Kategorie "versuchter Ehrenmord" einzuordnen. Ganz im Gegenteil: "Aylin K. war ihm nicht nur überlegen, sie hat mit ihm auch so ziemlich alles gemacht, was sie wollte", betonte Vogt. Sein Mandant könne kaum lesen und schreiben, die Kommunikation mit ihm sei schwierig. Aylin K. habe in der Ehe und auch danach die gemeinsamen Finanzen verwaltet und "mit Kreditkarten jongliert": "Dazu ist Mehmet K. intellektuell gar nicht in der Lage." Zunehmend habe dieser den Halt verloren, "wurde immer mehr der Unterlegene".

Eine Tat im "affektiven Erregungszustand"?

Mehmet K., wie bereits zum Prozessauftakt im dunklen Anzug mit fliederfarbenem Hemd und schillernder Krawatte, hielt während des Vortrages seines Verteidigers meist die Augen geschlossen. Vergeblich suchten seine Brüder und wenige Freunde seine Blicke.

"Es wurde ihm das ganze Leben genommen - erst die Wohnung, dann die Kinder und das Geld." Zuletzt habe er seinen Arbeitsplatz in Gefahr gesehen. Gemeinsam hatte das voneinander getrennt lebende Paar an der Autobahnraststätte Baden-Baden gearbeitet. Laut Gerichtsbeschluss durfte sich Mehmet K. dort nur aufhalten, wenn seine Ex-Frau nicht da war - zu oft soll er auf sie losgegangen sein.

"Es lag also in ihrer Hand, ob er die Stelle behält", sagte Vogt. Jene "ständige Bedrohung, alles zu verlieren" sei schließlich in der tragischen Affekttat gegipfelt. Die "planlose Durchführung" und sein anschließendes "verzweifeltes Zusammenbrechen" würden Mehmet K.s "affektiven Erregungszustand" belegen. Der angelernte Koch habe keinesfalls einen Mord geplant.

Wie die Staatsanwaltschaft ist jedoch auch Aylin K. davon überzeugt, dass Mehmet K. ihr bewusst und aus aus verletztem Ehrgefühl nach dem Leben trachtete. Mehmet K. ist Türke kurdischer Herkunft - Aylin Türkin aus einer Großstadt, aufgewachsen in einer modernen, westlich geprägten Familie. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schilderte sie ein von Gewaltexzessen und Erniedrigungen geprägtes Eheleben, aus dem sie sich nur mühevoll befreien konnte.

Verteidiger Vogt widersprach ihrer Aussage. "Jahrelange Unterdrückung hinterlässt Spuren", sagte er heute. Stattdessen habe Aylin K. machen können, "was sie wollte". Sie habe sich einen Engel auf ihren Arm tätowieren, eine Ferienwohnung auf ihren Namen kaufen dürfen und sei in einem BMW-Cabrio durch Baden-Baden gebraust. "Passt das zum Erscheinungsbild des Kurden, der seine Frau als Besitz sieht?"

Die Zeit heilt alle Wunden

Aber aufgrund der Herkunft seines Mandanten passe eben alles in ein vorgefertigtes Schema. Mehmet K. müsse für politische Aktionen herhalten, sagte Vogt. Die Frauenrechtsorganisation "Terres des Femmes" und der Grünen-Politiker Cem Özdemir hatten Aylin K. unterstützt.

Mehmet K. solle wegen versuchten Totschlags verurteilt werden, sagte sein Verteidiger. "Mit einer Freiheitsstrafe, die sechs Jahre nicht übersteigt." Dass der 49-Jährige auch wegen schwerer Körperverletzung angeklagt ist, kann Vogt ebenfalls nicht nachvollziehen. Ein Gutachter hätte im Prozess ausgesagt, dass die auffälligen Verletzungen, die Aylin K. seither plagen, "zu 80 Prozent" verheilen können. Darüber solle man sich, im Übrigen, doch auch mal freuen.

Vom Vorsitzenden Richter Hans-Richard Neerforth gefragt, ob er die Möglichkeit des "letzten Wortes" ergreifen wolle, sagte Mehmet K. nur: "Ich schließe mich den Worten meines Anwalts an."

Das Urteil soll in der kommenden Woche gesprochen werden.



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