Prozess um närrischen Raub Überfall auf Kuh und Eisbär

Zwei junge Männer sollen an Weiberfastnacht zwei Schüler beraubt haben. Die Beute: ein Eisbären- und ein Kuhkostüm. Jetzt sagten die mutmaßlichen Opfer im Prozess aus - pünktlich zum Auftakt der neuen Karnevalssession.

11.11., 11.11 Uhr: Ein närrisches Datum für einen närrischen Prozess
DPA

11.11., 11.11 Uhr: Ein närrisches Datum für einen närrischen Prozess

Von , Bonn


Mit einem ohrenbetäubenden Kanonenschlag geht es los, es ist 11.11 Uhr, auf dem Platz vor dem alten Rathaus von Bonn hat die Karnevalssession begonnen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Musik laut, der Alkoholpegel hoch. Clowns, Piraten und Tanzmariechen füllen den Platz, "Bonn Alaaf!", die Stadt feiert.

Ganz Bonn? Nein. Im Saal 1.19 des Bonner Landgerichts, nur wenige hundert Meter entfernt, hört man nichts vom Lärm auf dem Marktplatz. Und doch geht es um Karneval, um Kostüme, es geht an diesem 11. November um eine närrische Geschichte.

Vor der ersten Großen Strafkammer müssen sich zwei junge Männer verantworten. 22 und 21 Jahre alt, Steven W. und Kevin V. Dem Duo wird schwere räuberische Erpressung und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Sollten sich die Anschuldigen bestätigen, drohen ihnen fünf Jahre Haft oder mehr.

Die Angeklagten sollen an Weiberfastnacht, Anfang März, zwei 19-jährige Schüler überfallen haben. Die mutmaßlichen Opfer aus Niederkassel waren auf dem Heimweg von einer Party. Als Kuh und Eisbär verkleidet steckten sie in Ganzkörper-Kostümen. Am Siegburger Bahnhof trafen sie auf Steven W. und Kevin V., die stark alkoholisiert gewesen sein sollen.

Unklar ist, wie sehr die jungen Männer den Schülern drohten, doch eines scheint unstrittig: Sie hatten es alleine auf Kuh und Eisbär abgesehen, es war ein närrischer Raub.

"Wollt ihr eure Kostüme nicht abgeben?"

Was am Siegburger Bahnhof passierte, schildern die beiden Schüler vor Gericht so: Der Eisbär sei am Kragen gepackt und von der Bank weggezogen worden, auf der er saß. Anschließend sollen beide mit einem Klappmesser bedroht ("Ihr macht besser, was wir sagen") und aufgefordert worden sein, mitzugehen - hinein in einen schmalen, dunklen Weg neben den Bahnschienen. Laut Staatsanwaltschaft nahmen die Angeklagten den Schülern zunächst die Handys im Wert von jeweils knapp 200 Euro ab, dann das letzte Bargeld, rund fünf Euro.

Der Schüler, der als Kuh unterwegs war, spricht leise, er versucht, jeglichen Blickkontakt mit den mutmaßlichen Angreifern zu vermeiden, als er davon berichtet, dass sein Freund mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde.

Dann sollen die Angeklagten auch noch die Tierkostüme verlangt haben. "Wollt ihr eure Kostüme nicht abgeben?", seien sie gefragt worden, sagt einer der Schüler aus. "Nee, ohne Kostüme ist es zu kalt", habe ihre Antwort gelautet.

Nach der Weigerung, sich auszuziehen, liefen die vier laut Anklage gemeinsam weiter bis Sankt Augustin, bis in die Wohnung eines Bekannten der Angeklagten. Dort seien die mutmaßlichen Opfer gezwungen worden, ihre Kostüme auszuziehen. Im Tausch dafür erhielten sie Pullover und eine Hose des Wohnungsinhabers.

Viel zu klein sei die Hose gewesen, so der damals als Kuh verkleidete Schüler, "die hab ich gar nicht richtig zubekommen". Auch ihre zuvor entwendeten Handys hätten sie im Tausch für die Kostüme zurückbekommen und dann endlich gehen zu dürfen. Anschließend alarmierten sie die Polizei.

"Weder mit einem Messer bedroht noch geschlagen"

Die mutmaßlichen Täter hatten bereits zum Prozessauftakt ausgesagt. Ihre Version des Geschehens an Weiberfastnacht liest sich etwas anders. "Wir haben sie weder mit einem Messer bedroht noch geschlagen", verteidigten sie sich laut Bericht der "Kölnischen Rundschau". Man habe lediglich etwas Druck gemacht, auch ein bisschen geschubst und gerangelt.

Die Kostüme hätten sie "Klasse", die beiden Schüler "putzig" gefunden, da hätten sie ihnen die Eisbär- und Kuh-Verkleidung kurzerhand abgeschwatzt. Aber nur leihweise, am Karnevalssonntag "sollten die Jungens sich ihre Kostüme wieder abholen". Dieses Angebot habe es definitiv nicht gegeben, widersprechen beide Schüler in ihren Aussagen.

Der Wohnungsinhaber ist ebenfalls als Zeuge geladen, Licht ins Dunkel kann er aber nicht bringen. Er könne sich kaum an etwas erinnern, habe die meiste Zeit geschlafen. Aufklärung erhofft sich das Gericht nun möglicherweise von einer weiblichen Zeugin. Die junge Frau soll sich in der Wohnung aufgehalten haben. Das Gericht will sie am 22. November befragen, am nächsten Prozesstermin. Für diesen Freitag schließt der Vorsitzende Richter die Verhandlung.

Wenige hundert Meter entfernt, vor dem Rathaus, haben die Narren längst das Zepter von Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch übernommen. Auf der Bühne spielen Karnevalsbands, vor ihr schunkeln Clowns, Piraten und Tanzmariechen. Kühe oder Eisbären sind nicht zu sehen.

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