Prozess um No-Angels-Sängerin "Ich hatte einfach tierische Angst"

Warum verschwieg sie ihren Sexpartnern, dass sie HIV hat? Gleich am ersten Verhandlungstag im Prozess gegen Nadja Benaissa kreiste alles um die entscheidende Frage. Die No-Angels-Sängerin zeigte Reue und versuchte, ihr Verhalten zu erklären - in den Augen ihres mutmaßlichen Opfers eine Farce.

Aus Darmstadt berichtet


Als Nadja Benaissa den Gerichtssaal 3 des Darmstädter Gerichts betritt, sieht es fast aus, als führe ihr Verteidiger Oliver Wallasch ein Kind an der Hand zu seinem Stuhl. Benaissa, in schlichter dunkellila Baumwollbluse, Jeans, flachen Schuhen und mit zum Pferdeschwanz gebundenem Haar, tritt nicht auf wie ein Popstar aus der Glitzerwelt des Musikbusiness, sondern als eine in sich gekehrte, sanfte, junge Frau, die sich ihrer Verantwortung, gegebenenfalls auch ihrer Schuld, durchaus bewusst ist und ihrem früheren Leben gründlich abgeschworen hat.

Das ist er also, der mit Spannung erwartete Prozessauftakt gegen die No-Angels-Sängerin. Seit diesem Montag steht die 28-Jährige vor dem Jugendschöffengericht Darmstadt. Sie ist der gefährlichen Körperverletzung in einem Fall und in vier weiteren Fällen der versuchten gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Sie soll mit mehreren Männern geschlafen haben, in zwei Fällen als Jugendliche beziehungsweise Heranwachsende, ohne darauf hinzuweisen, dass sie mit HIV infiziert ist. Einen ihrer Sexualpartner, einen 34-jährigen Künstlerbetreuer aus Frankfurt am Main, der in dem Prozess als Nebenkläger auftritt, soll sie im Jahr 2004 mit dem HI-Virus angesteckt haben.

Warum verschwieg Benaissa ihre Krankheit - obwohl sie doch gewusst haben musste, dass sie die Männer durch ungeschützten Sex anstecken konnte? Diese Frage steht im Zentrum des Prozesses. Um sie zu klären, trägt Benaissas Verteidiger zunächst eine Erklärung in Benaissas Namen vor, in der die Anklagevorwürfe zwar zugegeben, aber auch mit einer Erklärung versehen werden, wie es dazu gekommen sei: ein Schnelldurchgang durch ein Leben mit einigen Höhe-, aber auch vielen Tiefpunkten.

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Nadja Benaissa: "Es tut mir von Herzen leid"
Nadja Benaissa wuchs in Langen bei Frankfurt am Main zusammen mit einem Bruder bei ihren Eltern auf. "Mit 12, 13", sagt sie auf Fragen des Vorsitzenden Dennis Wacker, "geriet ich an falsche Freunde und auf die schiefe Bahn. Ich wurde drogensüchtig, trank Alkohol und konsumierte Marihuana. Mit 14 war ich cracksüchtig. In die Schule konnte ich nicht mehr zurück. Meine Eltern versuchten zwar, mich zu retten, aber es gelang nicht. Zwei Jahre lang lebte ich auf der Straße, bis ich mit 16 schwanger wurde. Da hörte ich sofort mit den Drogen auf." Sie sei damals, trotz aller Bedrängnis, glücklich gewesen, dass "dieser Alptraum ein Ende" hatte. Denn die Drogensucht sei "schlimmer als alles andere" gewesen.

Doch dann begann für die Jugendliche ein Leben, das sie fast zu zerreißen drohte: Anlässlich einer Vorsorgeuntersuchung im dritten Schwangerschaftsmonat erfuhr sie im Jahr 1999, mit HIV infiziert zu sein. "Meine ganze Sorge galt nun meinem ungeborenen Kind", berichtet sie. "Ärzte versicherten mir, die Ansteckungsgefahr sei äußerst gering, wenn ich diszipliniert lebte und meine Medikamente regelmäßig einnähme." Daher habe sie die Krankheit Freunden und Bekannten gegenüber verschwiegen. "Ich sah keinen Anlass, die Krankheit öffentlich zu machen, da ja ein Ausbruch nicht zu erwarten war." Eine Ärztin habe ihr zwar erklärt, sie habe allenfalls noch acht Jahre zu leben, aber andere Mediziner hätten sie beschwichtigt.

Obwohl Benaissa auf die Abendrealschule ging und dort Klassenbeste war, warf sie kurz vor dem Abschuss alles hin. Zusammen mit einer Freundin machte sie 2000 beim Casting für eine Band mit, neugierig zu erfahren, "wie Profis auf mich reagieren". Sie kam hervorragend an.

Schulabschluss? Nein. Berufsausbildung? Nein.

Doch der Erfolg blendete sie. Innerhalb weniger Tage mussten Entscheidungen getroffen werden: "Es war nichts mehr wie vorher", berichtet Benaissa. "Eine Rieseneuphorie, ein Hype!" Sie musste sich von ihrer Tochter trennen, die Band war häufig unterwegs. Dazu die Angst, dass jemand von ihrer Infektion erführe. Ganz wohl sei ihr dabei nicht gewesen. "Aber ich dachte, ich muss es durchziehen. Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Es gab nur die Arbeit", rekapituliert sie vor Gericht.

"Haben Sie einen Schulabschluss?" fragt der Vorsitzende.

"Nein."

"Eine Berufsausbildung?"

"Nein."

"Also freischaffende Künstlerin?""

"Ja."

Sie sei bald wieder in schlechte Kreise geraten, sagt Benaissa, habe sich "runterziehen lassen von Alkohol und ausgelassenen Partys". An die HIV-Infektion habe sie kaum noch gedacht. Je mehr die öffentliche Aufmerksamkeit wuchs, desto stärker habe sie dieses unangenehme, mit Scham und Todesangst besetzte Thema in den Hintergrund gedrängt. Dazu die vielen Berater, die sich, als die No Angels Erfolg hatten, um die jungen Frauen scharten. Es ging um nichts anderes mehr als um Erfolg. "Ich hatte die Vorstellung: Ich kann die Infektion nicht öffentlich machen, ohne die Karriere der Band zu beschädigen", sagt Benaissa vor Gericht. Das Management habe es genauso gesehen, zumal in der Öffentlichkeit eine solche Infektion stets als gleichbedeutend mit dem Ausbruch von Aids verstanden werde.

"Ich suchte nach einer festen Beziehung", sagt Benaissa. "Ich suchte einen Mann, der auch meine Tochter akzeptiert und von ihr akzeptiert wird. Aber dann merkte ich, dass das fast unmöglich ist." Sie ging flüchtige Beziehungen ein, über Verhütung sei nicht gesprochen worden. "Meine Partner waren da sehr sorglos."

"Ich kann ganz gut verdrängen, wenn es ums Überleben geht"

Auch der Nebenkläger, den Benaissa infizierte, kümmerte sich ihrer Aussage zufolge nicht um die potentiellen Folgen ungeschützten Geschlechtsverkehrs. "Ich wurde nie gefragt, ob ich verhüte", sagt sie. Warum sie die Infektion verschwiegen habe, will der Richter wissen. "Ich weiß nicht", sagt sie, "ich hatte einfach eine tierische Angst." Sie habe es auf der Zunge gehabt, aber nicht herausgebracht.

Ende 2004 gab es in der Musikszene erste Gerüchte über Benaissas Infektion. Sie habe gehofft, der sieben Jahre ältere Künstlerbetreuer bekomme davon Wind. Doch dem war offenbar nicht so. Vor Gericht gesteht Benaissa nun unumwunden: "Ich habe Fehler gemacht. Ich hatte eine Verantwortung. Ich habe das Risiko verdrängt. Ich habe nicht gewollt, dass sich jemand bei mir ansteckt. Ich hätte mit dem Thema verantwortungsvoller umgehen müssen." Es tue ihr unendlich leid, dass sich der Mann bei ihr angesteckt habe.

Doch sollten sich die Vorwürfe, die Benaissa sich nun macht, nicht auch ihre damaligen Partner machen? Hätten nicht auch sie sich verantwortungsvoller verhalten müssen? Der Slogan "Gib Aids keine Chance" taucht seit vielen Jahren auf Plakatwänden, in Gesundheitsbroschüren und Fernsehspots auf. Auf Unwissenheit kann sich mittlerweile niemand mehr berufen. Wer keine Lust auf ein Kondom hat - handelt der nicht auf eigenes Risiko?

"Sie haben doch gewusst, dass ein, zwei Kontakte reichen, um jemanden anzustecken", hält der Vorsitzende der Angeklagten vor. Sie nickt. "Es ist damals so viel Schlimmes passiert, dass ich einen Vorhang davor zog", sagt sie. "Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich kann ganz gut verdrängen, wenn es ums Überleben geht. Jetzt aber weiß ich, dass man Dinge verarbeiten muss."

"Ich? Ich soll mit der da Kontakt aufnehmen?"

Und was sagt das mutmaßliche Opfer? Der Künstlerbetreuer schildert als Zeuge und Nebenkläger vor Gericht, wie schlecht es ihm seit 2007 gehe und wie elend er sich fühle, seit er weiß, dass Nadja Benaissa ihn angesteckt habe.

Ob er mal mit ihr Kontakt aufgenommen habe, fragt der Vorsitzende. "Ich? Ich soll mit der da Kontakt aufnehmen?" Er streift sie mit Blicken. "Bin ich etwa in der Bringschuld?" Benaissas Tante habe ihn damals über die Infektion ihrer Nichte aufgeklärt. "Wenn die mir das nicht gesagt hätte - ich wäre dumm gestorben!", empört sich der Mann. "Ich hätte ja Tausende Frauen anstecken können!" Er sei mit ehemaligen Sexpartnerinnen zum Arzt gegangen, damit diese sich testen lassen. "Wissen Sie, wie unangenehm das ist?", fragt er den Vorsitzenden, woraufhin Verteidiger Wallasch Benaissas Geständnis erwähnt.

"Alles andere wäre ja auch lächerlich", antwortet der Künstlerbetreuer abfällig. Er sei in seiner "kompletten Lebensqualität eingeschränkt", zudem seien seine Einnahmen um die Hälfte zurückgegangen. "Ich brauche nur eine Infektion zu bekommen - und das war's dann."



insgesamt 421 Beiträge
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Seite 1
viwaldi 16.08.2010
1. Ist doch einfach:
Zitat von sysopWarum verschwieg sie ihren Sex-Partnern, dass sie HIV hat? Gleich am ersten Verhandlungstag im Prozess gegen Nadja Benaissa kreiste alles um die entscheidende Frage. Die No-Angels-Sängerin zeigte Reue und versuchte, ihr Verhalten zu erklären - in den Augen ihres mutmaßlichen Opfers eine Farce. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,712100,00.html
Bestrafen und von den Musik-Tantiemen die lebenslange Medikation für die Opfer bezahlen.
Core Dump, 16.08.2010
2. "haette ja tausende Frauen anstecken koennen"
So sonderlich um seine Gesundheit oder ueber das Thema HIV scheint er ja aber auch nicht gerade besorgt gewesen zu sein, wenn er viele Sexualpartner hat und sich selbst nie testen laesst bzw. mit den ganzen "tausenden Frauen" nicht abkleart was so die ganzen Krankheiten anbelangt, und offenichtlich keine Gummis benutzt. Dumm fuer ihn, das haette alles nicht sein muessen, aber er scheint in der Zeit ja auch voll Risiko gefahren zu sein, da haette er sich ueberall einfangen koennen.
Join_Me 16.08.2010
3. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von viwaldiBestrafen und von den Musik-Tantiemen die lebenslange Medikation für die Opfer bezahlen.
Als ob davon noch ein Cent übrig wäre...
benotto 16.08.2010
4. ...
Ich als Mann frage mich warum die Kerle damals auf Kondome verzichtet haben? Da war die Geilheit wohl stärker als die Vorsicht. Alles der Frau zuzuschieben ist zu einfach. Da haben beide eine Verantwortung, die in diesem Fall niemand übernommen hat. Mit leider tragischen Folgen...
hansausberlin 16.08.2010
5. Mordversuch
Für mich ist ihr Verhalten ein eindeutiger Mordversuch. Unglaublich, dass Menschen so dumm und verantwortungslos sein können.
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