Prozess um totes Pflegekind Chantal Ein halbes Geständnis

Die elf Jahre alte Chantal starb in der Obhut ihrer mit Methadon substituierten Pflegeeltern - an einer Tablette der Ersatzdroge. Vor Gericht streitet das Paar die Verantwortung für den Tod des Kindes ab. Doch dann legt der Vater fast ein Geständnis ab.

Pflegemutter von Chantal: "Ich weiß es nicht. Ich war nicht zu Hause"
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Pflegemutter von Chantal: "Ich weiß es nicht. Ich war nicht zu Hause"


Hamburg - Wolfgang A. stand schon oft vor Gericht. "Ich war ja auch ein Krimineller und abgeklärt", sagt er. "Aber das hier ist ein ganz anderes Gefühl, hier geht es um ein Menschenleben." Es geht um Chantal, ein elf Jahre altes Mädchen, das Wolfgang A. und seiner Lebensgefährtin Sylvia L. anvertraut wurde. Als Pflegeeltern sollten sie dem Kind, dessen Eltern schwer drogen- und alkoholkrank waren, ein besseres Zuhause geben.

Doch Wolfgang A. und Sylvia L. waren selbst schwer drogenabhängig, viele Jahre lang. Als Chantal bei ihnen im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg mit Einverständnis des Jugendamts einzog, versuchte das Paar gerade, von den Drogen loszukommen: Sie wurden mit Methadon substituiert, einem vollsynthetisch hergestelltem Opioid, eine Art Ersatz-Heroin. Drei Tabletten täglich mussten sie einnehmen, um die Entzugssymptome zu lindern.

Am 15. Januar 2012 schluckte Chantal versehentlich eine der sogenannten Methaddict-Tabletten und starb am Tag darauf an den Folgen einer Methadonintoxikation. Staatsanwalt Florian Kirstein ist davon überzeugt, dass Wolfgang A. und Sylvia L. das Opioid ungesichert in der nahezu verwahrlosten Wohnung der Familie herumliegen ließen. Das Paar ist wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht angeklagt.

Jetzt ist die Pflegemutter clean

Als "Schockgeschichte" bezeichnet Sylvia L. am zweiten Verhandlungstag in Saal 390 vor dem Landgericht Hamburg Chantals Tod. Er hat sie so aufgeschreckt, dass sie acht Monate später begonnen hat, "sich selbst zu entziehen. "Ich bin seit zwei Jahren clean", sagt die 50-Jährige nicht ohne Stolz.

In ihrer Wohnung aber habe sich nie Methadon befunden, betont Sylvia L. "Chantal muss an dieses Medikament gekommen sein, sonst wäre sie nicht tot", sagt der Vorsitzende Richter Rüdiger Göbel. "Ich weiß es nicht. Ich war nicht zu Hause."

"Laut Ermittlungsergebnis hat Chantal eine Methaddict-Tablette genommen", insistiert Göbel weiter. "Nicht meine. Meine waren safe am Körper", sagt Sylvia L. Sie habe die Ersatzdroge entweder in der Tasche ihrer Jogginghose oder in der ihrer Jeansjacke bei sich getragen.

Sie sei außerdem immer darauf bedacht gewesen, ihre Kinder zu schützen. Mit Chantal in der Wohnung lebten ein weiteres Pflegekind und zwei leibliche Kinder des Paares. "Ich bin so vorsichtig mit meinen Kindern." Das Methadon habe Wolfgang A. deshalb extra in der Garage weggeschlossen, nur er habe einen Schlüssel dafür gehabt.

Staatsanwalt Kirstein glaubt ihr nicht. Warum sie bei den Methadon-Medikamenten so penibel auf Sicherheit geachtet habe, andere verschreibungspflichtige Medikamente aber in einer für jedermann zugänglichen Box in der Wohnung aufbewahrt habe. "Die Kinder hätten nie etwas daraus genommen ohne meine Zustimmung", sagt Sylvia L. "Ich habe meinen Kindern vertraut."

Das Jugendamt wusste Bescheid

Ein weiterer Grund für die Geheimniskrämerei mit dem Methadonkonsum sei gewesen, dass keines der Kinder gewusst habe, dass das Paar substituiert wurde. Das Jugendamt, das dem Paar Chantal und das andere Mädchen als Pflegekinder überlassen hatten, wusste hingegen Bescheid. "Da war auch unsere ehemalige Drogenvergangenheit bekannt", sagt Sylvia L. vor Gericht.

Am Abend vor ihrem Tod hatte sich Chantal unwohl gefühlt, vermutlich nahm sie deshalb versehentlich die Methaddict-Tablette. Ihre Pflegemutter - ebenso nicht zu Hause wie der angeklagte Pflegevater - hatte dem Mädchen am Telefon gesagt, sie solle Tropfen gegen die Übelkeit nehmen, "aus einer weiß-blauen Verpackung". Heim kam die Frau nicht, um nach dem kranken Kind zu sehen. Chantal erbrach sich, wurde bewusstlos.

Die Pflegemutter blieb über Nacht weg. Der Pflegevater kehrte zwar gegen 22 Uhr zurück, doch nach Ansicht des Staatsanwalts kümmerte er sich nicht um Chantal. Als er sie am nächsten Morgen um 6 Uhr wecken wollte, habe sie etwas gemurmelt, er habe ihr erlaubt, der Schule fernzubleiben und sie um 11.30 Uhr, als er zur Spätschicht aufbrach, zugedeckt. "Ich habe ihre Körperwärme gespürt", sagt Wolfgang A. vor Gericht. "Für mich hat mein Kind geschlafen."

"Wieso haben Sie nicht noch mal Ihre Frau angerufen oder Ihre Frau Sie?", fragt Richter Göbel ungläubig. Die beiden hätten doch schon am Abend zuvor nicht miteinander gesprochen. Normal sei doch vielmehr, dass man sich über den Gesundheitszustand des kranken Kindes austausche. "Ja, das frage ich mich auch", sagt Wolfgang A.

"Ich muss Sie das fragen, Herr A.", schiebt Göbel nach, auch wenn es "quälend" sei. "Es geht um naheliegende Dinge, die die Sorgfaltspflicht erfüllen." - "Ich habe die Situation total falsch eingeschätzt. Den Vorwurf mache ich mir selber", sagt Wolfgang A. Der Vorsitzende Richter stutzt, hebt den rechten Arm hoch und ruft: "Das ist ja fast ein Geständnis!"

Prompt relativiert Wolfgang A. wieder. "Morgens hat Chantal ja reagiert." Richter Göbel schlägt sanft auf den Tisch: "Es war doch gar keine Verständigung mit ihr möglich."

Am Montag wird der Prozess fortgesetzt.

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