Prozess um verbrannten Schüler: "Eklatant aus dem Ruder gelaufen"

Von Simone Utler

Lange Haftstrafen im Fall Kirk M.: Wegen ein paar Euro hatten drei junge Männer in Hamburg den 17-jährigen Schüler zu Tode gequält. Sie würgten ihn mit einem Gürtel, erstickten ihn mit einer Zwiebel und verbrannten seine Leiche.

Stranguliert und verbrannt: Das Martyrium des 17-jährigen Kirk Fotos
DDP

Hamburg - Rund ein Jahr, mehr als 30 Verhandlungstage, hat Simone M. den Prozess ausgehalten. Sie hat sich all die Schilderungen über den qualvollen Tod ihres Sohnes angehört, hat versucht zu verstehen, warum der damals 17-jährige Kirk im April 2008 starb. Doch kurz nach der Urteilsverkündung am Mittwoch am Hamburger Landgericht verließ die Frau mit den kurzen braunen Haaren und der rahmenlosen Brille unter Tränen den Saal. Ihre Kräfte sind aufgezehrt.

Noch einmal hatte der Vorsitzende Richter Kirks Todeskampf geschildert - wie der 17-Jährige am Abend des 15. April 2008 von den drei Angeklagten Gzim L.,23, Labinot B., 22, und Yakup M., 21, in einer Wohnung im Hamburger Stadtteil Billstedt mit einer Zwiebel im Mund und einem Spanngurt um den Hals stranguliert worden war, bei dem eskalierten Versuch, Drogenschulden einzutreiben.

Am Tag nach der Tat hatte ein Mitarbeiter der Stadtentwässerung die verkohlte Leiche auf einem Feldweg im Hamburger Süden gefunden. Der Körper lag bäuchlings, die Hände auf dem Rücken, auf einer Art Scheiterhaufen aus Tapetenresten und Bauschutt. Zuerst dachte der Mann, es sei eine Schaufensterpuppe, dann sah er Blut und stellte fest, dass es eine menschliche Leiche war - teilweise bis auf die Knochen verbrannt. Es war die Leiche des 17-jährigen Kirk M., den seine Mutter als vermisst gemeldet hatte.

Gebrochenes Schweigegelübde

Wenige Tage nach dem Leichenfund, der nicht nur in Hamburg für Entsetzen sorgte, stellte sich der damals 19-jährige Yakup M. bei der Polizei und beschuldigte zwei Freunde. M. räumte ein, an dem Tatabend zunächst mit ihnen und Kirk zusammengewesen zu sein, die anderen aber verlassen zu haben, als der Schüler noch lebte. Gzim L. und Labinot B. wurden verhaftet, im Oktober 2008 begann gegen alle drei der Prozess wegen Totschlags beziehungsweise Beihilfe.

Erst im Laufe des Verfahrens wurde das ganze Ausmaß von Kirks Martyrium bekannt. Nachdem zunächst alle drei Angeklagten geschwiegen hatten, brach L. rund vier Monate nach Prozessbeginn, im Februar, überraschend sein Schweigen. Er räumte eine Tatbeteiligung ein, bezichtigte die beiden anderen aber der Mittäterschaft. Er hatte eine Absprache mit dem Gericht getroffen. In der Folge legten auch die beiden anderen Geständnisse ab und versuchten, ihren Tatanteil zu minimieren.

Das noch am Tatabend geschlossene "Schweigegelübde" wurde gebrochen - um die eigene Haut zu retten. Dies berücksichtigen auch die Richter und sind sich unter Einbeziehung aller Geständnisse, Zeugenaussagen und Indizien wie Handyverbindungen nun sicher: Alle drei waren an der Tat beteiligt, alle drei nahmen den Tod von Kirk in Kauf.

Marihuana, zwei bis drei Mal pro Woche

Der Kontakt kam über Drogengeschäfte. Kirk, der blasse Junge mit den grauen Augen, in HipHop-Klamotten, kaufte seit geraumer Zeit bei B. Marihuana, zwei bis drei Mal pro Woche, er war ein guter Kunde, so der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung.

Im April 2008 hat Kirk Schulden bei B., der genaue Betrag ist nicht bekannt, ein paar Euro sollen es gewesen sein. Am 15. April will B. diese Schulden bei Kirk eintreiben und spannt dazu seine beiden Freunde ein. Gemeinsam sollen sie an dem Abend eine Drohkulisse aufbauen. M. arrangiert das Treffen, L. stellt seine Wohnung im Stadtteil Billstedt zur Verfügung.

Gegen 19 Uhr treffen die drei mit Kirk in der Wohnung zusammen.

B. stellt seine Forderungen, doch Kirk reagiert nicht wie gewünscht. Der 17-Jährige, der in seiner Hauptschule als selbstbewusst, durchsetzungsstark und aufbrausend bekannt ist, sich nichts gefallen lässt und nicht davor zurückschreckt, zu opponieren oder Lehrer zu beleidigen, sagt, er habe das Geld nicht - und fragt, was die drei nun machen wollen. Dass er dabei weiterhin seinen MP3-Player im Ohr hat, Kopf und Schultern im Takt der Musik bewegt und extreme Gelassenheit demonstriert, sieht B. als Provokation.

Kirk soll eine Lektion bekommen. Die drei beginnen ihn zu attackieren. Doch auch das läuft nicht wie geplant. Der 1,90 Meter große Junge wehrt sich, vom Basketballspielen und Inline-Skaten ist er körperlich fit und kräftig. Es bedarf "der gemeinsamen und wechselseitigen Vorgehensweise aller Angeklagten", um Kirk zu überwältigen, so der Richter.

"Höchstens zwei, drei Minuten, dann lief er blau an"

Alle drei Angreifer halten Kirk auf dem Bett fest, sie schlagen auf ihn ein. Doch der 17-Jährige windet sich, strampelt mit den Füßen, stößt Fernseher, DVD-Player und Receiver um. Dann fängt er an zu schreien. B. greift sich einen herumliegenden Spanngurt und schlingt ihn um Kirks Hals, L. stopft ihm eine noch vom Abendessen im Zimmer liegende Zwiebel in den Mund und schiebt sie wieder rein, als Kirk sie auswürgt, M. springt immer wieder auf den Rücken des Opfers.

Alles ging ganz schnell, wird L. später in seinem Geständnis vor Gericht aussagen: "Höchstens zwei, drei Minuten, dann lief er blau an." Da hätten sie Kirk losgelassen, seinen Puls gemessen und gemerkt, dass er tot sei. Die drei nahmen eine Decke, wickelten die Leiche darin ein und brachten sie in eine Speisekammer.

Da ist es circa 19.40 Uhr.

Weil Freunde von ihnen vor der Tür warten, verschwinden M. und B. nach der Tat und kommen erst gegen Mitternacht wieder. Yakup M. bringt den Mercedes seiner Eltern mit. Zunächst spielen die Jungs noch mit einer ebenfalls anwesenden Freundin in der Wohnung "Mensch ärgere Dich nicht", als diese weg ist, verstauen sie Kirks Leiche samt Decke im Kofferraum des Wagens. An einer Tankstelle kaufen sie einen Kanister mit Benzin und fahren auf ein Brachgelände, auf dem sich eine illegale Müllhalde befindet. Sie verbrennen Kirks Leiche - dann geht jeder zu sich nach Hause.

Die Richter bestraften nun diese "grauenvolle Tat" und verurteilen die drei jungen Männer wegen gemeinschaftlichen Totschlags und versuchter räuberischer Erpressung zu mehrjährigen Haftstrafen. Kirks Tod war kein Unfall, sagte der Vorsitzende Richter Egbert Walk in seiner Urteilsbegründung, vielmehr habe das Trio diesen als Möglichkeit billigend in Kauf genommen. Das ursprüngliche Ziel, die Geldeintreibung, geriet in den Hintergrund, gruppendynamische Prozesse wirkten enthemmend, und es ging dann irgendwann nur noch darum, die Oberhand zu behalten. Mordmerkmale wurden nur "knapp verfehlt".

Die drei Angeklagten verfolgten die Urteilsverkündung mit gesenktem Kopf.

"Sie haben schwerstes Leid über die Familie gebracht"

Als Hauptverantwortlichen für Kirks Tod verurteilte das Gericht B., der zur Tatzeit erst 20 Jahre alt war, zu einer Jugendstrafe von neuneinhalb Jahren. Damit blieben die Richter nur knapp unter der gesetzlich möglichen Höchststrafe von zehn Jahren.

B. sei derjenige gewesen, bei dem Kirk Schulden gehabt habe, er habe das Treffen arrangiert und er sei auch dafür verantwortlich, dass es "auf eklatante Weise und mit fatalen Folgen aus dem Ruder lief", sagte der Richter. Als Kirk sich widersetzt habe, habe B. ihn gewürgt und die Lebensgefahr bedenkenlos ignoriert. Er habe "Stärke demonstrieren" wollen und leichtfertig den Tod eines Menschen in Kauf genommen. Und: "Sie haben schwerstes Leid über die Familie gebracht."

Zwar wurde ihm sein Geständnis angerechnet, aber das Gericht hatte nicht den Eindruck, dass es um Reue gegangen sei, sondern dass er es eher nicht ertragen konnte, dass "er im Knast schmort, während ein anderer draußen chillt".

Den 23-jährigen Gzim L. verurteilten die Richter nach Erwachsenenrecht zu neuneinhalb Jahren Haft, den 21-jährigen Yakup M. zu einer Jugendstrafe von acht Jahren. Auch sie hätten dem Geschehen nicht Einhalt geboten. Außerdem müssen die drei an Kirks Familie insgesamt 7000 Euro Schmerzensgeld und 7519,33 Euro Beerdigungskosten zahlen sowie weitere Schäden ersetzen.

Die Staatsanwaltschaft hatte für L. zwölfeinhalb und für die beiden Jüngeren jeweils neun Jahre Haft gefordert. Alle Verteidiger hatten wesentlich niedrigere Haftstrafen wegen Totschlags und Körperverletzung mit Todesfolge sowie - im Fall von M. - sogar nur eine Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung und Beihilfe zu versuchter räuberischer Erpressung gefordert.

Der Richter äußerte die Hoffnung, dass die nach Jugendstrafrecht verurteilten M. und B. die Haft nutzen, um ihre Tat zu überdenken und sich zu entwickeln: "Das Ziel ist, eine Verhaltensänderung herbeizuführen." Besondere Worte hatte der Richter für Kirks Mutter gefunden, bevor sie den Saal verließ: "Die Kammer hat hohe Achtung vor der psychischen Stärke, die Sie hier gezeigt haben", sagte Walk.

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1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Rainer Helmbrecht 07.10.2009
Zitat von sysopLange Haftstrafen im Fall Kirk M.: Wegen ein paar Euro hatten drei junge Männer in Hamburg den 17-jährigen Schüler zu Tode gequält. Sie würgten ihn mit einem Gürtel, erstickten ihn mit einer Zwiebel und verbrannten seine Leiche. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,653804,00.html
Aber wie das Gericht feststellte, kein Mord. Sozusagen eine übliche Todesursache, jemanden mit einer Zwiebel zu ersticken ist doch kein Mord, das wissen wir doch aus der Märchenwelt, Schneewittchen hat doch das mit dem Apfel auch überlebt. Unsere Richter glauben halt an das Gute im Menschen. MfG. Rainer
2. Typisch
Frank2000, 07.10.2009
Ich bin erstaunt, dass SPON zu diesem Artikel die Kommentarfunktion eingeschaltet hat. Es ist doch wohl offensichtlich, wie die folgende Diskussion laufen wird. Zunächst werden die Realisten auf die interessanten Namen der Täter hinweisen und darauf, dass der Ablauf der Tat starke Züge einer andersbefähigten Kultur zeigt. Danach werden die Tagträumer auftauchen und alle, die solche Fakten benennen, samt und sonders als Faschos und Nazis abstempeln. Und zum Schluss wird SPON das Forum wegen "Verstoß gegen die Nettiquette" abschalten. Bis zum nächsten Ehrenmord, zum nächsten Totschlag aus kulturell anders sozialisiertem Umfeld, zum nächsten sonst was unserer Kulturbereicherer. So verläuft diese Diskussion doch immer. Aber nicht mehr lange. Noch ein oder zwei Generationen gutmenschlich gesteuerter Einwanderung und das Problem mit den unverbesserlichen Altdeutschen hat sich durch natürliche Selektion in Form von Zwiebeln und ähnlichem erledigt. MfG Frank
3. Recht gesprochen?
gerd2006 07.10.2009
Also nach 5 Jahren wohl alle wieder frei. Im Vergleich zu Eigentums- und Betrugsdelikten wird das menschliche Leben in der deutschen Justiz sehr sehr niedrig bewertet.
4. Na ...
Achim 07.10.2009
Zitat von Frank2000Ich bin erstaunt, dass SPON zu diesem Artikel die Kommentarfunktion eingeschaltet hat. Es ist doch wohl offensichtlich, wie die folgende Diskussion laufen wird. Zunächst werden die Realisten auf die interessanten Namen der Täter hinweisen und darauf, dass der Ablauf der Tat starke Züge einer andersbefähigten Kultur zeigt. Danach werden die Tagträumer auftauchen und alle, die solche Fakten benennen, samt und sonders als Faschos und Nazis abstempeln. Und zum Schluss wird SPON das Forum wegen "Verstoß gegen die Nettiquette" abschalten. Bis zum nächsten Ehrenmord, zum nächsten Totschlag aus kulturell anders sozialisiertem Umfeld, zum nächsten sonst was unserer Kulturbereicherer. So verläuft diese Diskussion doch immer. Aber nicht mehr lange. Noch ein oder zwei Generationen gutmenschlich gesteuerter Einwanderung und das Problem mit den unverbesserlichen Altdeutschen hat sich durch natürliche Selektion in Form von Zwiebeln und ähnlichem erledigt. MfG Frank
... dann reden wir doch mal über die Höhe des Schmerzensgeldes. Ein Ermordeter: 7.000 Euro. Elf Fotos: 75.000 Euro. Der Unterschied? Die Mutter des Ermordeten heißt Simone M. Die Mutter des Kindes mit den elf Fotos heißt Caroline von M. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,172299,00.html
5. Wie erwartet
quercus pendunculata 07.10.2009
Das Jugendstrafrecht bleibt hinter der Entwicklung der Jugend zurück, wer zu so etwas fähig ist verdient kein mildes Urteil. Ansonsten kann ich mich nur den Ausführungen von Frank2000 anschließen.
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