Prozess um zerstückelte Leiche Erfüllung eines grausamen Traums

Ein ehemaliger LKA-Mitarbeiter soll im Osterzgebirge einen Mann getötet und die Leiche zerstückelt haben, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Seine Verteidiger sagen, die Schuldfrage sei nicht zu klären. Jetzt naht das Urteil.

Angeklagter Detlev G.: Staatsanwaltschaft plädierte auf Mord
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Angeklagter Detlev G.: Staatsanwaltschaft plädierte auf Mord

Von , Dresden


Es kommt nicht oft vor, dass ein Fall am Ende eines Prozesses so viele Fragen aufwirft und von den Prozessbeteiligten so unterschiedlich bewertet wird wie der sogenannte "Mord im Gimmlitztal". Dort soll der mittlerweile 57 Jahre alte ehemalige Beamte des Landeskriminalamts Sachsen Detlev G. am 4. November 2013 den 59 Jahre alten Wojciech S. getötet, zerstückelt und die Leichenteile an verschiedenen Stellen eines Grundstücks vergraben haben, auf dem er mit seinem Lebensgefährten eine Pension für vorwiegend homosexuelle Gäste betrieb.

Die Polizei kam Detlev G. auf die Spur, nachdem das Verschwinden des Geschäftsmanns Wojciech S. ruchbar geworden war. Dieser hatte mit G. bis zuletzt in Kannibalen-Foren im Internet gechattet und schließlich ein Treffen zwecks Tötung und Schlachtung vereinbart. Selbst die Anklage ging davon aus, dass dies auf Drängen von Wojciech S. geschah, der sich damit offenbar einen letzten Wunsch erfüllen wollte - einen Wunsch, den er offenbar im Geheimen seit seiner Kindheit hegte.

Welche Rolle aber spielte Detlev G. bei dem Geschehen? Hat er bei der - gewollten - Strangulation Hand angelegt? Oder hat S. sich möglicherweise selbst getötet, damit G. danach seine Leiche zerstückeln konnte? War es Selbstmord? Oder Mord? Oder Tötung auf Verlangen? Was empfand der Angeklagte, als S. starb? War er anwesend, als sich das Seil um S.s Hals zuzog? Oder hat S. vielleicht selbst die Fernbedienung für den elektrischen Flaschenzug bedient, der die Strangulation auslöste? Auf dieser Fernbedienung fanden sich S.s Fingerabdrücke. Eine Fülle von Fragen - und keine Antworten.

"Wir wissen es einfach nicht"

Der Fall ist kaum nachvollziehbar. Doch wer die abstrusen Sexualfantasien zur Kenntnis nimmt, die überwiegend Männer in der Subkultur der Kannibalen-Foren des Internets untereinander austauschen, wird feststellen: Zu diesen Personen gehören sexuell Gestörte ebenso wie Großsprecher und vom Normalleben Gelangweilte, die sich mittels virtueller Abartigkeiten einen "Kick" verschaffen. Doch manchmal wird aus dem Spiel Ernst, wie nicht zuletzt der Fall Armin Meiwes zeigte, der 2001 einen Mann umbrachte und teilweise aß.

Mit diesem aber ist die mutmaßliche Tat des Detlev G., wenn es sie denn gegeben haben sollte, nicht zu vergleichen. Denn nach allem, was die Beweisaufnahme ergab, scheint der Angeklagte, anders als im Fall Meiwes, von S. "bestimmt" worden zu sein.

Hätte der Angeklagte von sich aus den Tod von S. gewollt, wenn dieser nicht so hartnäckig darauf hingewirkt hätte? Wohl nicht. S. wäre heute noch am Leben, hätte er nicht unbedingt in jenem Keller der Pension im Gimmlitztal geschlachtet werden wollen.

Dazu nahm er, glaubt man den Protokollen des Chat-Verkehrs zwischen beiden Männern, auch ein Erhängen - oder Erhängtwerden - in Kauf. Laut Anklage fesselte G. "dem unbekleideten Herrn Wojciech S. mit dessen Einverständnis die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken, verklebte dessen Mundbereich mit Klebeband um den gesamten Kopf und legte ein an einem Haken eines elektrischen Flaschenzugs befindliches Seil um dessen Hals".

"Die entscheidende Frage, ob unser Mandant den Herrn S. getötet hat, können wir nicht beantworten. Wir wissen es einfach nicht." Mit diesen Worten begann die Mannheimer Strafverteidigerin Brigitte Bertsch ihr Plädoyer. Sie führte aus, wie S. seit Jahren auf der Suche nach jemandem gewesen sei, der ihn schlachte. S. sei "fixiert auf die Erfüllung seines Traums" gewesen.

Anklage sieht Grund zur Milde

"Sein Todeswunsch mag uns befremden", sagte die Anwältin. Doch dass S. dazu entschlossen gewesen sei, lasse sich nicht bestreiten. Das Interesse des Angeklagten an einer Schlachtung sei überlagert worden von S.s Wunsch zu sterben. Die Verteidigerin zitierte den psychiatrischen Sachverständigen Andreas Marneros, der bestätigte, S. sei jederzeit Herr der Situation und der Tod "integraler Bestandteil seiner Wünsche" gewesen. Die Verteidigung beantragte einen Freispruch.

Die Staatsanwaltschaft dagegen sieht den Angeklagten des Mordes schuldig, ihrer Auffassung nach lägen zwei Mordmerkmale vor: Er habe zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs gehandelt, und um eine geplante Straftat zu ermöglichen, nämlich die Zerstückelung der Leiche. S. sei an einem "Genickbruch" gestorben, glaubt die Staatsanwaltschaft.

Eine lebenslange Freiheitsstrafe hielt die Staatsanwaltschaft im Gegensatz zur Nebenklage jedoch für "unangemessen hart". Oberstaatsanwalt Andreas Feron beantragte daher eine Freiheitsstrafe von zehneinhalb Jahren - abweichend von der normalerweise zwingend vorgeschriebenen Verurteilung zu Lebenslang bei Mord. Die Rechtsprechung, so Feron, sehe Ausnahmen in ganz besonderen Fällen vor. Um einen solchen handele es sich hier.

Verteidiger Endrik Wilhelm warnte das Gericht vor dessen, wie er sagte, "von Anfang des Prozesses an spürbaren unerschütterlichen Überzeugung, dass S. Opfer eines Tötungsdelikts" geworden sei. Es sei "ein menschliches Verhalten, für etwas, was wir nicht wissen, eine Erklärung herzustellen".

Die "Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit wollen wir nicht akzeptieren", sagte Wilhelm. Der Mensch neige dazu, Erklärungen zu suchen und sich ohne Tatsachengrundlage Kausalzusammenhänge zusammenzureimen, um zu einem Ergebnis zu kommen. "Seien Sie sich bewusst", appellierte Wilhelm an das Gericht, "dass es ein nicht wieder gutzumachender Irrtum sein könnte, wenn Sie G. verurteilen".

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