Breivik-Prozess: Ein Narzisst entlarvt sich selbst
Es geschah, was zu befürchten war: Im Prozess gegen den Massenmörder Anders Breivik versuchte der Angeklagte, den Gerichtssaal als Bühne zu missbrauchen. Doch er scheiterte - und entlarvte sich als Narzisst, der Mitleid nur für sich selbst empfindet.
Um 13.30 Uhr bittet Staatsanwalt Svein Holden die Richterin, die Live-Übertragung aus dem Gerichtssaal zu unterbrechen. Bis dahin hat der 38 Jahre alte Ankläger detailgetreu dargestellt, wie Anders Behring Breivik, der Attentäter von Norwegen, seine beiden Angriffe vorbereitete. Fotos hat der Staatsanwalt an die Wand geworfen, sie zeigen Säcke mit Kunstdünger und eine Reihe von vier Milchshake-Geräten, wie sie in der Werkstatt des Bombenbauers standen.
Doch dann kündigt Holden einen Film an, vor dem er den Opfern im Gerichtssaal die Möglichkeit geben will, den Raum zu verlassen. Es ist ein Zusammenschnitt aus Überwachungskameras im Osloer Regierungsviertel, die die letzten Minuten zeigen vor der Explosion. Und sie zeigen den Feuerball und die Druckwelle mit ihrer schmutzigen Fracht aus Glas, Metall und Steinsplittern. Dem Moment also, der Norwegen für immer verändern sollte.
Anders Behring Breiviks Gesicht rötet sich in diesem Augenblick. Sein Kinn richtet sich auf, die Augen weiten sich. Erlebt er in diesem Moment noch einmal den Adrenalinstoß, kurz bevor er in dem weißen Lieferwagen den Zünder aktiviert? Fühlt er noch einmal, wie er die Straße herunterläuft, weg vom Regierungsgebäude?
Er sieht auf dem Monitor im Gerichtssaal, wie ein Mann an dem weißen Lieferwagen vorbei in das Gebäude läuft, und wie eine Frau herauskommt. Ist er stolz auf seine teuflische Bastelarbeit, als der Körper der Frau von dem grellen Feuerball umschlossen wird?
"Ein normaler Mensch findet das Ganze einfach widerlich"
Der erste Tag des Prozesses gegen Anders Behring Breivik entließ alle Beobachter bestürzt und fassungslos. Vor allem aber waren Juristen, Journalisten und die Opfer im Justizsaal vereint in grenzenloser Ratlosigkeit. Wie konnte dieser sonderbar eitle, arrogante Mann, der gleichzeitig so unsicher wirkt, zu einer derartigen Kaltblütigkeit fähig sein, wie sie die Staatsanwälte heute in ihrer Anklageschrift dokumentiert haben?
270 Tage sind seit dem 22. Juli 2011 vergangen, und die vielen Opfer des Anders Behring Breivik haben diesem Tag entgegengezittert. "Es ist gut, dass das Warten endlich vorbei ist", sagt etwa Tore Bekkedal, ein Überlebender von Utøya und hoher Funktionär in der Jugendorganisation AUF. Aber auch er zuckt mit den Schultern, als er gefragt wird, warum Breivik wohl geweint habe, als sein Propagandafilm vor Gericht abgespielt wurde. "Wenn du das wirklich ernst nimmst, dann weinst du", sagt der Nachwuchspolitiker. "Ein normaler Mensch findet das Ganze einfach widerlich."
Und dennoch: Das ist Breiviks Welt. Durch den Kopf des Mörders geistern Ritter, unerschrockene Kämpfer auf Pferden, Stahlhelme auf dem Kopf und rote Kreuze auf ihren Rüstungen. In seiner imaginären Welt trainierte Breivik als Computerfigur namens Justicar Anders Nordic für seinen Kreuzzug gegen den Islam. Vielleicht war es die größte Leistung der Staatsanwälte am ersten Prozesstag, das Gericht in die wahnhafte Welt Breiviks einzuführen. "Sie haben das auf pädagogisch ganz hervorragende Weise geschafft", lobt Opferanwalt John Christian Elgen.
Entlarvende Tränen vor der Mittagspause
Doch viel mehr als ein Schlaglicht in den finsteren Abgrund von Breiviks Psyche konnten die Ankläger nicht geben. Was an dem Angeklagten auffällt, ist sein eiserner Wille, in diesem Prozess einen starken, entschlossenen Auftritt zu haben. Ganz langsam und konzentriert presst er zu Beginn der Verhandlung vor einer Horde von Kameraleuten und Fotografen seine rechte Faust ans Herz. Dann reckt er sie in einer pathetischen Geste nach vorne.
Das soll machtvoll wirken, doch die Inszenierung bricht kurze Zeit später in sich zusammen: Da wischt er sich mit der Hand erst über die rechte, dann die linke Schulter seines Jackets. So als wolle er sich Haare oder Schuppen von dem schwarzen Stoff streichen. Er will autoritär auftreten und gleichzeitig respektlos gegenüber den Autoritäten des norwegischen Staates, die er zu verachten vorgibt: Er ergreift das Wort und lästert über die Richterin. Sie sei befreundet mit der Schwester von Gro Harlem Brundtland, der ehemaligen Premierministerin, die sie alle nur "Mutter Norwegens" nennen. Und überhaupt: Das ganze Gericht sei eingesetzt von einer Regierung, die dem "Multikulturalismus" anhänge.
Er, der angebliche Retter Norwegens, präsentiert sich als Märtyrer, das Gericht scheint für ihn nicht satisfaktionsfähig. Doch dann kollabiert seine Strategie, Furchtlosigkeit zu signalisieren, als die Richterin ihn fragt, ob er sie jetzt persönlich für befangen halte und formellen Einspruch erheben wolle. Da beugt sich Breivik zu seinem Anwalt Geir Lippestad, der die meiste Zeit mit angespannt verschränkten Armen neben ihm sitzt. "Nein", lässt er ihn antworten, "dies ist kein formeller Einspruch."
Der wohl entlarvendste Moment spielt sich kurz vor der Mittagspause ab. Staatsanwalt Holden lässt den Propagandafilm Breiviks vorführen, in dem der Attentäter vor der Gefahr einer islamischen Unterwanderung der westlichen Länder warnt. In dem Moment, da man ihn zwischen all den historischen Bildern von Kreuzrittern eingeblendet sieht in seiner Uniform, die er sich aus dem Billigversand bestellt hatte, da füllen sich plötzlich seine Augen mit Tränen - aus Rührung. So sehen es alle Beobachter in Oslo.
Breivik, der Narzisst, scheint in diesem Moment gerührt von seiner eigenen Person. So bleibt als Erkenntnis dieses Tages, dass Breivik keine Spur von Mitleid hat mit den 77 Toten, den Hunderten Verletzten und Tausenden Traumatisierten. Mitleid, das belegt der kümmerliche Zusammenbruch seiner Selbstinszenierung im Gerichtssaal, empfindet er vor allem für sich selbst.
"Es geht ihm in diesem Verfahren nicht um das Ergebnis"
Gute sechs Stunden tagt das Gericht am ersten Verhandlungstag, und nach dem Film mit der Explosion der Autobombe kann sich kaum jemand vorstellen, dass sich das Grauen um eine weitere Eskalationsstufe steigern ließe. Es ist Staatsanwalt Holden, der diese Illusion zerplatzen lässt.
Ein weiteres Mal bittet er darum, die Live-Übertragung aus dem Gerichtssaal zu unterbrechen. Diesmal ist es kein Film, den er zeigen will, sondern der Mitschnitt eines Telefonats. Darauf zu hören ist ein Mädchen, das sich in ihrer Todesangst auf einer Toilette im Kaffeehaus von Utøya verrammelt hat. "Er ist drinnen", sagt sie mit gepresster Stimme. Schreie sind zu hören und jede Menge Schüsse. Dann die Frage des Polizisten in der Zentrale: "Bist du im Sommercamp?" Ihr Flüstern ist kaum mehr lauter als ihr Atem. "Ja." Dann peitschen wieder Schüsse. "Er kommt. Schnell." Dann hört man nur noch den Einsatzleiter, wie er in sein Funkgerät ruft und alle Einheiten zusammenkommandiert. Sieben Menschen, so erfahren die Richter, die Schöffen, die Beobachter, sterben in dem Raum, in dem Breivik um sich schießt.
Der Angeklagte selbst starrt seitlich nach unten, dort wo seine Unterlagen liegen. Am Dienstag, dem zweiten Prozesstag, will er eine Stellungnahme vorlesen und sich erklären, so verkündet Verteidiger Lippestad. 30 Minuten werde sie dauern. Doch niemand glaubt, ihn ein kleines bisschen besser verstehen zu werden. Man solle ihn ernst nehmen, das ist der Eindruck, den Breivik verbreiten will. Das ist auch der Grund, warum er seinem Anwalt als einziges Verteidigungsziel aufgetragen hat, dass er nicht als geisteskrank abgeurteilt wird. Dafür ist er auch bereit, die härtere Strafe als normaler Krimineller anzutreten.
Anwalt Lippestad unterstreicht im Anschluss an die Verhandlung, dass sein Klient die Folgen seiner Forderung vollkommen versteht. "Es geht ihm in diesem Verfahren nicht um das Ergebnis", sagt Lippestad. Mit anderen Worten: Im Mittelpunkt steht für Breivik die Inszenierung. Heute hat er seine Chance vor den Kameras der Weltmedien bekommen und ist kläglich gescheitert. Morgen hat das Gericht eine Übertragung aus dem Saal verboten.
Mitarbeit: Espen A. Eik
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- Montag, 16.04.2012 – 18:15 Uhr
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Regierungschef:
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