Prozess zum Fall Peggy Schwere Umkehr

Das Wiederaufnahmeverfahren wegen Mordes an Peggy Knobloch steuert auf einen Freispruch für Ulvi K. zu. Der Prozess hat die Schwächen von Polizei und Justiz offengelegt - aber er beweist auch: In einem Rechtsstaat lassen sich Irrtümer korrigieren.

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Angeklagter Ulvi K.: Wenig glaubhaftes Geständnis
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Angeklagter Ulvi K.: Wenig glaubhaftes Geständnis


Nun ist es so gut wie amtlich: Ulvi K. darf auf einen Freispruch hoffen. Rund zehn Jahre, nachdem er vom Landgericht Hof zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, da er angeblich die bis heute verschollene Peggy Knobloch umgebracht hatte. Das Landgericht Bayreuth ließ im Wiederaufnahmeverfahren am Mittwoch erkennen, dass es nichts gibt, was eine Bestätigung des Hofer Urteilsspruchs zulässt. Eine weitere Beweisaufnahme hält die Kammer für unnötig. Am kommenden Dienstag soll plädiert, am darauf folgenden Tag das Urteil gesprochen werden.

Wenn man in der schriftlichen Urteilsbegründung gegen Ulvi K. die Bekundungen der Hofer Richter zusammenzählte, wie oft sie "zweifelsfrei überzeugt" waren von der Schuld des Angeklagten - man käme auf eine stattliche Zahl. Der Eindruck täuscht wohl nicht, dass diese Affirmationen dem Zweck dienten, einer höchst fragwürdigen Beweisaufnahme wenigstens mit starken Worten den Glanz richterlicher Überzeugungskraft zu verleihen.

Ein wichtiges Beweismittel gegen Ulvi K. war das von ihm abgelegte Geständnis vom 2. Juli 2002, das er später widerrief. Der Psychiater Hans-Ludwig Kröber war im Hofer Prozess zum Ergebnis gekommen, die Schilderung sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit erlebnisbegründet", sein Gutachten war ein wichtiger Pfeiler für Ulvi K.s Verurteilung. Heute sieht der Gutachter das anders: Am Dienstag ruderte Kröber in Bayreuth zurück, ein falsches Geständnis schließt er nicht mehr aus. Damit liegt der vom Landgericht Hof errichtete Fehlbau in Trümmern, der Blick ist frei auf die Schwächen von Polizei und Justiz sowie den zuweilen fatalen Einfluss von Politik und Öffentlichkeit.

Hoher politischer Druck

Peggy verschwand vor genau 13 Jahren, im Laufe des Nachmittags des 7. Mai 2001. Eine Soko Peggy I hatte monatelang erfolglos ermittelt, ehe der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein Anfang 2002 die Fahnder durch die Soko Peggy II ersetzte. Der gelang es am 2. Juli 2002, von dem geistig minderbegabten Ulvi K. ein Geständnis zu erlangen. Die Umstände, wie es zu diesem Geständnis kam (Ulvi K.s Anwalt war nicht anwesend, es wurden keine Aufnahmen gemacht, er lieferte unterschiedliche Versionen des angeblichen Tathergangs), werfen auf die ermittelnden Kriminalbeamten kein gutes Licht. Dem politischen Druck, endlich einen Täter in dem verstörenden Vermisstenfall zu präsentieren, konnte sich wohl kaum jemand entziehen.

Da kam es ganz recht, dass Kröber Ulvi K. für uneingeschränkt aussagetüchtig erklärte und sein Geständnis für glaubhaft hielt. Zeugen, vor allem Klassenkameraden des Mädchens, die Peggy noch zu einer Zeit im Ort gesehen haben wollten, zu der sie nach K.s Geständnis eigentlich schon hätte tot sein müssen, schenkten die Richter damals keinen Glauben. Nach dem Motto: In solchen Fällen gibt es stets Leute, die sich mit irgendwelchen Beobachtungen wichtig machen.

Warum die Staatsanwaltschaft Hof damals ausgerechnet Kröber mit der Geständnisanalyse betraute, obwohl es dafür nicht minder namhafte, aber kompetentere Experten gibt, entzieht sich der Kenntnis. Ob es absichtlich geschah? Schließlich gefährdete Kröber nicht den Fahndungserfolg der Soko Peggy II? Oder war die wissenschaftlich begründete psychologische Aussageanalyse für die Staatsanwälte in Hof ein böhmisches Dorf weil sie Experten auf diesem Gebiet nicht kannten?

Pauschalvorwürfe gehen fehl

Kröber bewegte sich bei der Begutachtung von Ulvi K.s Angaben auf einem ihm fremden Begutachtungsterrain, er hat die Aussagen sicher nicht absichtlich falsch bewertet. Das ist auch nicht das Entscheidende: Der Fall zeigt vielmehr, wie sehr sich Richter auf Gutachter verlassen und welche Gefahren das birgt. Denn letztlich obliegt es ihnen, die Aussagen von Zeugen oder Angeklagten zu bewerten. Gutachter leisten mit ihrem Fachwissen dafür nur eine Hilfestellung. Es hätte auch der Hofer Kammer auffallen müssen, dass Kröber nicht wirklich helfen konnte. Doch die Ausführungen des angesehenen Berliner Psychiaters passten wohl verlockend gut zur damals offensichtlich längst gefassten Überzeugung, Ulvi K. sei schuld am Verschwinden von Peggy.

Die bayerische Justiz hat durch Fälle wie Gustl Mollath oder Rudolf Rupp an öffentlichem Ansehen eingebüßt. Nicht zuletzt die Kammer in Bayreuth, die jetzt über das Lebenslang gegen Ulvi K. zu Gericht sitzt, hat aber gezeigt, dass Pauschalvorwürfe fehlgehen. Das ist neben der Analyse der Fehler auf allen Seiten die zweite Lehre: Wenn es bisweilen auch bitter lange dauert und sowohl von Juristen wie auch Psycho-Sachverständigen so lange wie möglich abgewehrt wird - in einem Rechtsstaat lassen sich Irrtümer korrigieren.

Günter Köhnken, Experte der Aussagepsychologie, fragte einmal, was die Ermittler veranlasse, in ihren Vernehmungen Verhaltensweisen zu zeigen, die fast ein sicheres Rezept für die Herbeiführung eines fragwürdigen Geständnisses sind. Ähnliches gilt, wie der Fall Peggy zeigt, offenbar auch für die Begutachtung und die sich anschließenden Folgen vor Gericht.

Es fällt auf, dass gerade in emotional hoch besetzten Fällen, in denen es um verschwundene Personen oder missbrauchte Kinder geht, oder in denen das öffentliche Interesse besonders hoch ist und mehrere Faktoren in verhängnisvoller Weise zusammentreffen, die Gefahr von Falschgeständnissen steigt. Köhnken: "In dieser Situation entstehen Überzeugungen darüber, was wohl geschehen und wer dafür verantwortlich ist. Diese Hypothesen entwickeln nun eine Tendenz, sich selbst zu bestätigen - und zwar auch dann, wenn sie eigentlich falsch sind. Sie immunisieren sich gegen eine Widerlegung." Wie schwer dann eine Umkehr ist, auch das hat der Fall Peggy geradezu lehrbuchhaft gezeigt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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angste 07.05.2014
1. Naja
die Staatsanwaltschaft Hof damals ausgerechnet Kröber mit der Geständnisanalyse betraute, obwohl es dafür nicht minder namhafte, aber kompetentere Experten gibt, entzieht sich der Kenntnis" Warum Kröber diesen Auftrag annahm wohl auch. Ein klein bisschen zu sehr von sich überzeugt, um zu sagen "Nicht mein Fach, so etwas machen Psychologen"?
Susi64 07.05.2014
2. Ein besonderes Indiz war für mich das Geständnis,
nämlich dafür, dass er unschuldig ist! Gerade kein Tonband, Anwalt gerade mal weg, die Chance kann man sich doch nicht entgehen lassen und das halte ich für verwerflich! Logisch muss eine Urteilsbegründung auch nicht sein. Da mordet also einer um eine Tat zu vertuschen für die er sich nicht schähmt? Außerdem zeigt es die die Behindertenfeinlichkeit der Polizei. Mit "dem" kann man es ja machen. Es ist durchaus verständlich und lobenswert, wenn Frau Friedrich versucht alles positiv darzustellen, nur ich glaube daran nicht mehr.
ralfrichter 07.05.2014
3. Skandalös
Ich habe damals schon nicht an die Schuld von Herrn K. geglaubt.Jeder Blinde hätte sehen können,dass ein so einfach gestrickter Mensch eine Leiche nach der Tat derart wegschaffen kann ohne Spuren zu hinterlassen gelingt doch den Intelligentesten Tätern kaum... Es darf hier keine amerikanischen Verhältnisse geben wo aus Publikumswirksamkeit, Täter , herbeiverhört werden... Für mich sind das auch Dreckspolizisten,die nicht nur ein Leben zerstören,sondern auch noch andere in Gefahr bringen,wer garantiert dass der wirkliche Täter nicht nochmals tötet oder getötet hat...
spon-facebook-694210307 07.05.2014
4. optional
ja, toll das er nun evtl rauskommt..aber mal ehrlich: behindert, unschuldig(?) im knast...tolles leben. wer gibt ihm die zeit wieder? und wieso wurde nicht auf sämtliche ungereimtheiten durch die presse massivst hingewiesen? was dort alles falsch gemacht wurde...zeugenaussagen mißachtet, zeit-strecke probleme mißachtet, geständnis unter sehr sehr sehr zweifelhaften umständen..eine schande für unser recht-system.pfui
Werner655 07.05.2014
5. Gutachter wollte doch nur spielen, keine Absicht...
Zitat von sysopDPADas Wiederaufnahmeverfahren wegen Mordes an Peggy Knobloch steuert auf einen Freispruch für Ulvi K. zu. Der Prozess hat die Schwächen von Polizei und Justiz offengelegt - aber er beweist auch: In einem Rechtsstaat lassen sich Irrtümer korrigieren. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/prozess-zum-fall-peggy-kommentar-zum-bevorstehenden-freispruch-a-968080.html
Etwas wachsweich geschrieben. Da werden erst unglaubliche Überlegungen ausgesprochen (natürlich mit Fragezeichen versehen) und dann erfolgt umgehend der mediale Freispruch der allseits beliebten Gerichtsreporterin. "...hat er bestimmt nicht absichtlich so gemacht". Der Gutachter wohlgemerkt!
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