Prügel-Prozess in Erfurt Mit Sturmhauben auf die Kirmesfeier

Prellungen, Schnittwunden, Knochenbrüche: 14 Männer und eine Frau müssen sich wegen einer Prügelattacke auf Partybesucher vor dem Landgericht Erfurt verantworten. Offenbar handelt es sich bei nahezu allen Angeklagten um Mitglieder der rechten Szene.

DPA

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein Schlägertrupp überfällt eine Party, verletzt mehrere Menschen zum Teil schwer. Fast zwei Jahre nach der brutalen Attacke hat nun vor dem Landgericht Erfurt der Prozess begonnen.

15 Personen zwischen 20 und 40 Jahren sind wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung angeklagt; die Identität eines mutmaßlichen Mittäters ist noch unklar. Aus ihrer Gesinnung machten einige der Angeklagten beim Prozessauftakt keinen Hehl: Sie trugen Augenzeugen zufolge T-Shirts mit Aufschriften wie "too white for you" ("zu weiß für dich") oder "Angry Arian" ("wütender Arier").

Schon zu Beginn des ersten Verhandlungstags stellte die Verteidigung einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter. Zur Begründung hieß es, die innere Haltung gegenüber den Angeklagten gefährde eine unparteiische Verhandlungsführung.

Überfall mit Sturmhauben und Quarzsandhandschuhen

Wer verstehen will, warum das Verfahren mehr ist als bloß die juristische Aufarbeitung einer Gewalttat, muss knapp zwei Jahre zurückgehen.

Ballstädt in Thüringen, ein 700-Einwohner-Ort, es ist die Nacht vom 8. zum 9. Februar 2014. Im Kulturzentrum lassen rund zwei Dutzend Feierlustige die jährliche Kirmes ausklingen. Sie ahnen nicht, dass sie bald Opfer eines brutalen Überfalls sein werden.

Nicht weit entfernt steht das sogenannte Gelbe Haus, eine ehemalige Bäckerei, Wohnung und Treffpunkt von Neonazis aus der Region. Am Abend des 8. Februar wird dort eine Scheibe eingeworfen. Zwei Personen sind im Gelben Haus, als der Stein fliegt. Der Anklage zufolge vermuten sie den Verantwortlichen für den Steinwurf unter den Teilnehmern der Kirmesgesellschaft im Kulturzentrum - und informieren Gleichgesinnte.

Bevor sie sich auf den Weg machen, rüsten sie sich laut Anklage mit Tüchern und Sturmhauben aus, Quarzsandhandschuhe sollen die Schlagkraft erhöhen. Den Ermittlern zufolge geht der Hauptangeklagte Thomas W. vermummt in den Festsaal, fragt, wer die Fensterscheibe zerstört hat. Dann schlägt er einem Mann zweimal ins Gesicht; der Getroffene sinkt bewusstlos zu Boden. Zwei weiteren Männern - einer davon war an einem Tisch eingeschlafen - versetzt Thomas W. laut Anklage ebenfalls Faustschläge gegen den Kopf.

Zwei Minuten pure Gewalt

Als die Angegriffenen Thomas W. verfolgen, stürmen plötzlich die anderen Angeklagten aus dem Vorraum in den Saal. Laut Staatsanwaltschaft sollen sie zumeist mit mehreren Personen gleichzeitig auf einzelne Mitglieder der Kirmesgesellschaft eingeschlagen und eingetreten haben.

Der Angriff dauert etwa zwei Minuten, dann soll die Angeklagte Ariane Sch., die mutmaßlich Schmiere stand, gerufen haben: "Alle raus". Zurück bleiben zerbrochene Spiegel, umgestoßene Stühle, Blutflecken am Boden - und elf Verletzte.

Die Anklage listet mehrere Schädelhirntraumata auf, diverse Prellungen, Platzwunden, Schnittwunden, gesplitterte Zähne und Knochenbrüche. Sieben Betroffene treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf, einer ihrer Anwälte sagte nun: "Vor dem Hintergrund der Brutalität der Tat erscheint es als reiner Zufall, dass bei dem Angriff keiner der Geschädigten tödlich verletzt worden ist."

Besonders bitter: Laut MDR soll der Verfassungsschutz eine telefonische Verabredung zu dem Überfall aufgezeichnet haben. Die Informationen seien aber erst ausgewertet worden, nachdem die Tat schon geschehen war.

Der Überfall ist eine von vielen Gewalttaten, die Rechtsextreme in Thüringen verübten. Allein im vergangenen Jahr gab es in dem Bundesland 57 rechtsextrem motivierte Angriffe. Die Sicherheitsbehörden beobachten schon seit Jahren die rechte Szene - vor allem seit dem Skandal um den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU). "In Thüringen gibt es sehr häufig solche Angriffe von Rechtsextremen auf größere Menschengruppen", sagt Christina Büttner von der Opferberatungsstelle Ezra. Die Organisation hat auch Opfer des Ballstädter Angriffs betreut.

"Die Rechten definieren selbst, wer ihre Opfer sind"

Offenbar handelt es sich bei nahezu allen Angeklagten um Mitglieder der lokalen Rechtsrockszene. "Dass die Angeklagten - zumindest die meisten - der rechten Szene zuzuordnen sind, ist offenkundig", sagt Hannes Grünseisen, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft. Das lasse sich etwa an den Vorstrafen erkennen. Ob der Überfall in Ballstädt allerdings rechtsextreme Motive hatte, müsse der Prozess zeigen. Die Nebenkläger sind davon überzeugt, sie fordern hohe Strafen: "Für einen solchen brutalen gemeinschaftlichen Angriff ist eine Freiheitsstrafe von weit über drei Jahren für die Beteiligten zu erwarten", so Rechtsanwalt Alexander Hoffmann.

Opfervertreterin Büttner sagt: "Die Betroffenen waren Zufallsopfer, keine politisch aktiven Leute." Trotzdem handele es sich aber um einen politisch motivierten Übergriff, schließlich hätten die Täter sich offenbar für den Steinwurf aufs Gelbe Haus rächen wollen: "Die Rechten definieren einfach selbst, wer ihre Opfer sind", sagt Büttner: "Das simple Rechts-links-Denken der Polizei bildet diese Wirklichkeit in keiner Weise ab."

Das Landgericht hat zunächst nur drei Verhandlungstermine angesetzt; es wird aber erwartet, dass der Prozess bis in den Herbst 2016 dauert. Das Verfahren konfrontiert die Opfer erneut mit ihren Erlebnissen. "Die räumliche Nähe in Ballstädt erschwert die Aufarbeitung", sagt Büttner. Eines der größten Probleme sei, dass Opfer und Täter sich im Dorf noch oft auf der Straße begegnen können, die Angeklagten sind auf freiem Fuß. "Das belastet die Betroffenen beträchtlich", sagt die Opferanwältin Kristin Pietrzyk SPIEGEL ONLINE.

Laut Büttner nahmen viele der Betroffenen nach dem Angriff psychologische Beratungen in Anspruch. "Gut möglich, dass das im Laufe der Verhandlung nun wieder nötig wird."

Die Autoren auf Twitter:


Zusammengefasst: Vor dem Landgericht Erfurt müssen sich 14 Männer und eine Frau wegen einer Prügelattacke auf eine Party im thüringischen Ballstädt verantworten. Die meisten Tatverdächtigen gehören offenkundig der rechtsextremen Szene in Thüringen an. Die Nebenkläger fordern mehrjährige Haftstrafen.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.