Verfahren wegen NS-Kriegsverbrechen: "Ich bin seit 1942 Deutscher"

Von , Hagen

Angeklagter Siert B.: Ehemaliger SS-Mann auf der Anklagebank Zur Großansicht
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Angeklagter Siert B.: Ehemaliger SS-Mann auf der Anklagebank

Der frühere SS-Rottenführer Siert B. steht vor dem Landgericht Hagen, er soll im Zweiten Weltkrieg einen niederländischen Widerstandskämpfer ermordet haben. Der Prozessauftakt lässt erahnen, wie schwer die Wahrheitsfindung nach fast 70 Jahren werden könnte.

Der Mann, der sich über einen Rollator gebeugt in den Saal 201 des Landgerichts Hagen schiebt, ist klein, alt und grau. Er trägt einen farblosen Anorak, das weiße Haar kurz und akkurat geschnitten, er nickt seinem Anwalt zu, die Verschlüsse der Fotoapparate rattern, Kameraleute rangeln miteinander. Siert B. setzt sich.

92 Jahre ist B. nun alt, er hat Enkel und Urenkel und im Nachkriegsdeutschland als Hersteller von Jägerzäunen ein bieder-unauffälliges Leben gelebt. Doch in den Vierzigern diente der in den Niederlanden geborene und aufgewachsene Sohn eines Landwirts bei der SS. Er hatte sich als glühender Nazi, der er war, freiwillig gemeldet zur vermeintlichen Elitetruppe des Unrechtsregimes. Und dabei schreckte er offenbar auch vor Gräueltaten nicht zurück.

Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat den Rentner wegen Mordes angeklagt. Der SS-Rottenführer Siert B. soll in der Nacht vom 21. auf den 22. September 1944 den holländischen Widerstandskämpfer Aldert Klaas Dijkema erschossen haben, "gemeinschaftlich und heimtückisch", wie Oberstaatsanwalt Andreas Brendel am Montagvormittag sagt.

"Erbarmungslos geguckt"

Demnach hatte ein Kommando der Grenzpolizei, bei der Siert B. diente, Dijkema auf dem Bauernhof seiner Eltern festgenommen. B. und sein Vorgesetzter August N. hätten ihr Opfer in einen Wagen verfrachtet, so Brendel, und seien losgefahren. Irgendwann habe Dijkema das Auto verlassen müssen. "Geh doch mal eben pissen", sagten die Nazi-Schergen laut Anklage und feuerten sodann von hinten auf ihren Gefangenen, mindestens viermal. Zwei Schüsse in den Kopf töteten den 36-Jährigen.

Der niederländischen Polizei und einem Arzt erklärten die SS-Männer anschließend laut Anklage, sie hätten Dijkema nach der Sperrzeit auf offener Straße angetroffen und angesprochen, er sei nicht stehen geblieben, da hätten sie geschossen. Die Staatsanwaltschaft hält diese Darstellung für "wahrheitswidrig", wie Brendel sagt. Er sortiert den Mord ein in die schreckliche Serie von sogenannten Repressalmaßnahmen der Besatzer: Die Deutschen töteten willkürlich niederländische Widerstandskämpfer, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Siert B. verfolgt die Verlesung der Anklage ausdruckslos. Der Neffe des getöteten Dijkema, Aldert Klaas Veldmann, wird später sagen, B. habe "erbarmungslos geguckt". Womöglich hört der alte Mann aber einfach nur schlecht. Die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen muss ziemlich laut werden, ehe B. auf ihre Fragen reagiert. "Ihre Staatsangehörigkeit ist ungeklärt?", fragt Hartmann-Garschagen. Da kommt zum einzigen Mal an diesem Tag Leben in den Rentner. Ziemlich energisch widerspricht er: "Ich bin seit 1942 Deutscher!"

Das sahen auch die bundesdeutschen Behörden bislang so. Ein Auslieferungsbegehren der niederländischen Justiz lehnten sie Ende der Siebziger unter Berufung auf einen Erlass Adolf Hitlers ab. Der hatte am 25. Mai 1943 die in der Waffen-SS und Wehrmacht dienenden Ausländer zu Deutschen erklärt. Ein eigenes Ermittlungsverfahren wiederum wurde eingestellt, weil die deutschen Juristen die Erschießung Dijkemas seinerzeit als Totschlag ansahen - und damit als verjährt. Inzwischen hat sich ihre Rechtsauffassung geändert.

Angeklagter wird schweigen

Als problematisch könnte sich im Laufe des Prozesses allerdings erweisen, dass der Ablauf der Tat lediglich auf den Aussagen August N.s beruht, der mittlerweile tot ist. Auch alle übrigen Zeitzeugen leben nicht mehr. Vor Gericht werden daher vor allem Akten verlesen und Personen befragt, die ihrerseits als Beamte in früheren Verfahren dereinst Zeugen der Tat vernommen hatten. Der Angeklagte B. wiederum wird wohl schweigen, wie sein Verteidiger Klaus-Peter Kniffka ankündigte.

Im Interview mit dem NDR-Politmagazin "Panorama" hatte B. jedoch eingeräumt, zusammen mit August N. und dem Häftling Dijkema am Tatort gewesen zu sein. Allerdings sagte er den Reportern, nicht er selbst, sondern August N. habe abgedrückt. Die Nebenklage, die der Kölner Anwalt Detlef Hartmann vertritt, setzt große Hoffnungen auf dieses Geständnis eines gemeinschaftlich begangenen Mordes. Unklar jedoch ist, welche Beweiskraft es vor Gericht wird entfalten können.

Im Falle einer Verurteilung droht Siert B. in der Theorie lebenslange Haft - doch was bedeutet das bei einem 92-Jährigen? Ob er eine Strafe jemals verbüßen könnte, ist ungewiss. B. ist gesundheitlich stark beeinträchtigt, das Gericht darf nicht länger als drei Stunden pro Tag gegen ihn verhandeln. Der Prozessauftakt wird sogar bereits nach knapp 30 Minuten beendet.

"Für mich kommt es nicht darauf an, wie alt ein Angeklagter ist", sagt Oberstaatsanwalt Brendel. Für die Kammer indes könnte es im Falle einer Verurteilung sehr wohl auch darauf ankommen.

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insgesamt 33 Beiträge
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1.
rakatak 02.09.2013
Zitat von sysop(...) "Für mich kommt es nicht darauf an, wie alt ein Angeklagter ist", sagt Oberstaatsanwalt Brendel. Für die Kammer indes könnte es im Falle einer Verurteilung sehr wohl auch darauf ankommen.
Die deutsche Justiz wird nach 70 Jahren und bevor der letzte Tatverdächtige gestorben ist noch mal richtig emsig und mutig. Das klägliche und skandalöse Fehlverhalten durch Nichtagieren vor allem in den Nachkriegsjahren kann sie dadurch nicht ausbügeln. Richtig große Fische wurden damals in Ruhe gelassen und konnten ausgiebig Karriere machen in der jungen Bundesrepublik. Sich auf den letzten Zentimetern nochmal an superalte Greise zu halten ist billig.
2. Bedeutsam
Izmi 02.09.2013
Zitat von sysopDer frühere SS-Rottenführer Siert B. steht vor dem Landgericht Hagen, er soll im Zweiten Weltkrieg einen niederländischen Widerstandskämpfer ermordet haben. Der Prozessauftakt lässt erahnen, wie schwer die Wahrheitsfindung nach fast 70 Jahren werden könnte. Prozessauftakt wegen NS-Kriegsverbrechen: Siert B. vor Gericht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/prozessauftakt-wegen-ns-kriegsverbrechen-siert-b-vor-gericht-a-919913.html)
Als Mensch, der sich seit langem schon mit den Naziverbrechen und vor allem auch dem Widerstand dagegen beschäftigt, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, nach so langer Zeit Vorgänge zu rekonstruieren, die zu Verhaftungen, Folterungen und Morden führten. So viele der Opfer und der Täter sind schon tot und haben in den seltensten Fällen Berichte hinterlassen. Vielleicht schon aus diesem Grund ist ein Prozeß gegen einen 92jährigen Täter richtig: Es werden noch einmal von Amtswegen alle Unterlagen, Beweise und Zeugenaussagen zusammengetragen, um das Geschehen zu rekonstruieren. Dabei ist für mich persönlich die Verurteilung des Angeklagten nebensächlich. Allein das Geradestehen des alten Mannes im Angesicht des Gerichtes vor all den Wahrheiten, die dabei ans Licht kommen, hat sicher die größere Bedeutung. Vielleicht auch für ihn.
3. Für damals ist es viel zu spät !!
wolf-wolf 02.09.2013
Zitat von sysopDer frühere SS-Rottenführer Siert B. steht vor dem Landgericht Hagen, er soll im Zweiten Weltkrieg einen niederländischen Widerstandskämpfer ermordet haben. Der Prozessauftakt lässt erahnen, wie schwer die Wahrheitsfindung nach fast 70 Jahren werden könnte. Prozessauftakt wegen NS-Kriegsverbrechen: Siert B. vor Gericht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/prozessauftakt-wegen-ns-kriegsverbrechen-siert-b-vor-gericht-a-919913.html)
Wem soll der Prozess was bringen Für damals ist es viel zu spät ! und für heute als Warnung zu verstanden, scheint es mehr als heuchlerisch wen man die Prozesse gegen Kriegs Verbrecher nicht führen kann, weil einige wie die USA glauben dass sie über das recht stehen! Und in merkwürdigen Verträgen sichern sich Straffreiheit!
4. Frieden ist anders
uban1 02.09.2013
muessten nicht z. B all die Staatsawälte und Richter, die bisher die jetzt! angeprangerten Verbrechen nicht verfolgt haben, nicht auch angeklagt werden? Oh nein, ich vergass, die Justiz darf folgenloss schalten und walten, sie muss nur der jweiligen Executive (Diktatur/Demokratie) 100% Loyalität mit gefälligen Urteilen beweisen. So kommt es dass er Justizapparat, Im sog Name des Volkes, eine Tat nach 70 Jahren ahnden will und jahrzehnte aber nicht sehen wollte/durfte.
5. Erschreckend,
der.belgarath 02.09.2013
wie erbarmungslos eine zu allem entschlossene Justizmafia entschlossen scheint, zur Förderung der eigenen Karriere sich gegen jeden Sinn und Verstand zu profilieren, was mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun hat. Gehen dieselben Juristen eigentlich mit derselben Konsequenz gegen Widerstandskämpfer vor, die ihrerseits damals arglose Wehrmachtsangehörige rücksichtslos ermordeten? Ist ein einziger dieser sog. "Widerstandskämpfer" oder ihre Helfershelfer jemals von deutscher oder niederländischer Justiz angeklagt oder gar verurteilt worden? Ich wage es zu bezweifeln!
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