Von Jörg Diehl, Krefeld
Der Anwalt wird jetzt philosophisch: Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen, habe schon Ludwig Wittgenstein gesagt. Und das gelte eigentlich auch für diesen Fall, in dem man in die Abgründe der menschlichen Seele blicken müsse. Es sei eine so furchtbare Tat, wohl begangen von einem biederen und bislang unauffälligen Familienvater. Dafür Worte oder gar Erklärungen zu finden, sei vielleicht gar nicht möglich.
"Es ist einfach schrecklich", sagt der Verteidiger.
Im Prozess wird dann dennoch begründet und vorgelesen und nachgefragt, missverstanden und belehrt und korrigiert und überhaupt sehr viel gesprochen. Denn alle wollen nur eines: unbedingt verstehen.
Die Zweite Große Strafkammer des Landgerichts Krefeld verhandelt in Saal 167 derzeit ein Verbrechen, das mehrere Monate lang die deutsche Öffentlichkeit in Atem gehalten hat. Der zehnjährige Mirco aus dem niederrheinischen Grefrath war am 3. September 2010 abends auf dem Nachhauseweg spurlos verschwunden, die Polizei suchte mit vielen Hundertschaften, Hunden, Hubschraubern und sogar Kampfflugzeugen nach ihm - vergeblich zunächst.
Eine Sonderkommission der Kripo wurde gegründet, 65 Beamte überprüften Tausende von Spuren. Irgendwann kamen sie auf den Telekom-Manager Olaf H., sein VW Passat war am Tatort gesehen worden, und H. führte die Kriminalisten schließlich zur Leiche. In vielen stundenlangen Vernehmungen gestand er, der nie zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, Mirco sexuell missbraucht und anschließend erdrosselt zu haben.
Die Vorwürfe gegen seinen Mandanten seien im Wesentlichen richtig, sagt H.s Verteidiger, Gerd Meister, nun vor Gericht. "Die Beweislage ist erdrückend." Demnach passte Olaf H. den nach Hause radelnden Mirco auf einer Landstraße ab, zwang ihn in sein Auto und zog ihn aus. Für einen Moment habe er das Gefühl der Kontrolle gehabt. "Endlich macht mal einer, was ich will", sagte er später der Polizei. Das habe sich gut angefühlt und doch auch falsch.
Ein Durchschnittsbürger auf der Anklagebank
Olaf H., 45, ist ein kräftiger Mann, vor Gericht erscheint er im dunklen Anzug, mit grauem Hemd und gelber Krawatte. Seine Haare sind kurz und gegelt, seine rechte Hand spielt mit einer Kette, es könnte ein Rosenkranz sein.
H. ist der Typ Mann, der nicht groß auffällt und wenig vom Leben erwartet, der arbeitet, ein Haus hat, sich um die Kinder kümmert, mit seiner Frau viele Abende vor dem Fernseher verbringt, früh schlafen geht. Der die Innenbeleuchtung in seinem Auto ausschaltet, weil er fürchtet, wegen einer irrtümlich offen gelassenen Tür könnte sonst die Batterie leiden. Deutscher Durchschnitt, im Urlaub geht's nach Holland.
Und doch spricht aus den polizeilichen Vernehmungsprotokollen - die der Vorsitzende Richter Herbert Luczak Zeile um Zeile verliest, weil H. sich vor Gericht nicht äußern möchte - auch ein anderer Mensch. Einer, der bei der Kriminalpolizei log und trickste und sich herauszuwinden versuchte, einer aber auch, der bald kooperierte und erleichtert war, als er den Mord endlich gestanden hatte. Und vor allem einer, der am Abend des 3. September 2010 zu denken vermochte: "Jetzt kannst du den Jungen nicht mehr gehen lassen."
Damals hatte H. den nackten Mirco auf die Rückbank gelegt, diese umgeklappt, sich neben den Jungen gezwängt, sich die Hose heruntergezogen und sich an seinem Opfer gerieben. Richter Luczak referiert den Missbrauch am Vormittag mit neutraler Stimme. H. aber will dort im Kofferraum seines Passats gemerkt haben, dass dies "nicht sein Ding" sei, wie er später den Ermittlern sagte, und habe deswegen einen Entschluss gefasst. Um die Tat zu verbergen, erdrosselte er Mirco mit einer Schnur.
Regungslos, mit herabhängenden Schultern verfolgt Olaf H. die Verlesung der Vernehmungsprotokolle. Obwohl er aufgefordert ist, mögliche Unstimmigkeiten zu korrigieren, scheint er den größten Teil der Mitschriften einfach abzunicken. Einmal lächelt er plötzlich, als es um seine Ex-Frau geht. Einmal hakt er ein: Nicht im Juli oder August sei er nach Holland gefahren, sondern im Februar oder März. Wichtig ist das nicht, aber vielleicht richtig.
Und das Motiv? Die Staatsanwaltschaft, die H. wegen des Mordes, der Freiheitsberaubung und des sexuellen Missbrauchs angeklagt hat, geht davon aus, dass er aus Verärgerung über eine ausgebliebene Erektion sowie aus "Angst vor seiner Entdeckung" tötete. Dem widersprach Rechtsanwalt Meister, ohne jedoch eine andere Erklärung zu bieten. Die Kammer will nun an 15 Verhandlungstagen mehr als 40 Zeugen überwiegend aus dem Umfeld von Olaf H. befragen, um sich ein Bild von dessen Persönlichkeit zu machen.
Es wird also noch sehr viel geredet werden über das Unerklärliche. Und bislang schweigt nur einer: Olaf H. Sein Mandant, so sagt Verteidiger Meister, werde auch nicht Mircos Eltern um Verzeihung bitten: "Diese Tat ist unentschuldbar."
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