Prozessauftakt in Berlin: Hauptverdächtiger bestreitet Schläge gegen Jonny K.

Mitten in Berlin wurde der 20-jährige Jonny K. im vergangenen Oktober zu Tode geprügelt. Nun hat der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter begonnen. Gleich zu Anfang wies der Angeklagte Onur U. über seinen Anwalt jede Schuld von sich. Der Vorsitzende Richter äußerte Zweifel an dieser Version.

REUTERS

Berlin - Zum Prozessauftakt um die tödliche Prügelattacke am Berliner Alexanderplatz hat einer der Angeklagten jegliche Schuld am Tod von Jonny K. von sich gewiesen. "Ich habe ihn weder geschlagen noch getreten", heißt es in der persönlichen Erklärung des 19-jährigen Onur U., die sein Anwalt Axel Weimann verlas. Er habe mit dem Tod des 20-Jährigen nichts zu tun, die anderen wollten alles auf ihn schieben.

Der 19-jährige Onur U. war monatelang in der Türkei untergetaucht; erst nach langem juristischen Tauziehen hatte er sich im April gestellt. Er sitzt zusammen mit fünf weiteren jungen Männern zwischen 19 und 24 Jahren auf der Anklagebank. Vier von ihnen wird gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen, zweien gefährliche Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage davon aus, dass Onur U. die treibende Kraft des Angriffs war. Auch ein Freund von Jonny K. war schwer verletzt worden.

Onur U. räumte in seiner Erklärung ein, in jener Nacht einen anderen Mann mit beiden Fäusten ins Gesicht geschlagen zu haben, als er nach einer Party auf dem Weg nach Hause gewesen sei. Die anderen, jetzt Mitangeklagten, habe er nur flüchtig oder gar nicht gekannt. Nachdem er von dem Mann weggezogen worden sei, sei er an jemand vorbeigekommen, den er zuvor nicht gesehen habe. "Der Junge lag da einfach nur - als ob er schlief." U. beteuerte laut Erklärung, er bedauere den Tod von Jonny K., sei dafür aber nicht verantwortlich. Aus Angst vor einer Vorverurteilung sei er zudem so lange in der Türkei gewesen.

"Ich will wissen, wer schuld ist"

Der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck äußerte Zweifel. Mehrere andere Angeklagte hätten bei der Polizei ausgesagt, Auslöser des Streits sei gewesen, dass Onur U. einen Stuhl weggestoßen habe, auf den Jonny K. und seine Begleiter einen betrunkenen Freund vor dem Lokal gesetzt hatten, um ein Taxi zu rufen. "Das klingt ein bisschen anders als das, was Sie gesagt haben", so der Richter zu dem 19-Jährigen.

Jonny K. starb im Oktober 2012 an Gehirnblutungen. Er war laut Anklage nach massiven Schlägen vor den Rathauspassagen gestürzt. Der 24 Jahre alte Angeklagte soll laut Staatsanwaltschaft Jonny K. noch einen Tritt gegen den Kopf versetzt haben, als dieser schon reglos am Boden lag. Die Schwester des Opfers, Tina K., tritt als Nebenklägerin auf.

"Ich will wissen, wer schuld ist", sagte die 28-Jährige vor Prozessbeginn. "Ich hoffe, dass das nie wieder passiert. Die Jungs sollen sagen, was passiert ist, und sich nicht gegenseitig die Schuld geben."

Alle Angeklagten haben selbst oder über ihre Anwälte angekündigt, sich zu äußern. Laut Staatsanwaltschaft war ein Tötungsvorsatz nicht erkennbar, so dass Anklagen wegen Mordes oder Totschlags ausschieden.

rls/wit/dpa

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