Prügelnde Jugendliche: "Härtere Strafen - das bringt doch nichts"

Münchner Rentner fast totgeprügelt, "Scheiß Deutscher"-Angriff im Ruhrgebiet: Müssen junge ausländische Gewalttäter härter bestraft werden? Nein, sagt Kriminologe Christian Pfeiffer. Im SPIEGEL-Interview spricht er über Ursachen, extreme Rückfallquoten - und Ähnlichkeiten mit Rechtsradikalen.

SPIEGEL: Herr Professor, viele Menschen empören sich über die brutalen Prügelattacken von zwei jungen Männern, die in der Münchner U-Bahn einen Rentner schwer verletzten. Schon fordern Politiker ein härteres Vorgehen. Brauchen wir neue Gesetze?

U-Bahn-Übergriff auf Rentner in München: "Frust und Langeweile betäuben"
AP

U-Bahn-Übergriff auf Rentner in München: "Frust und Langeweile betäuben"

Pfeiffer: Die Empörung der Menschen teile ich. Die Forderung nach härteren Gesetzen sehe ich primär als Wahlkampfprofilierung. Das bringt doch nichts. Beispiel: 1998 wurde im Strafgesetzbuch die Strafandrohung für Köperverletzungsdelikte deutlich angehoben. Und trotzdem sind seitdem solche Straftaten bei 21- bis 25-Jährigen weiter stark angestiegen.

SPIEGEL: Bei Jugendlichen haben sie noch stärker zugenommen.

Pfeiffer: Ja, aber die Jugendgewalt ist nicht durchweg nach oben gegangen. Tötungsdelikte und Raubtaten sind seit 1996 pro 100.000 14- bis 21-Jährige um 30 beziehungsweise 20 Prozent zurückgegangen. Und die schweren Körperverletzungsdelikte haben in der polizeilichen Kriminalstatistik für diese Altersgruppe auch deshalb um knapp 60 Prozent zugenommen, weil erheblich mehr angezeigt wird.

SPIEGEL: Warum wird in Diskos, Bahnhöfen und auf der Straße so viel geboxt, getreten und gestochen?

Pfeiffer: Einmal wächst besonders bei den männlichen Jugendlichen die Zahl derer, die sich in unserer Gesellschaft ausgegrenzt und benachteiligt fühlen - die zum Beispiel nach einem Schulabbruch keine Chance auf einen Ausbildungsplatz sehen, sich zu den Verlierern zählen. Und die deshalb eine Riesenwut haben, alle anderen für ihre Situation verantwortlich machen, nur nicht sich selbst. Sie betäuben ihren Frust und ihre Langeweile mit Alkohol, nehmen Drogen und gehen auf Leute los, die sie als privilegierter einschätzen als sich selbst oder die ihnen irgendwie in die Quere kommen. Um letzteren Fall scheint es sich in München gehandelt zu haben.

SPIEGEL: Sie sehen auch einen Zusammenhang mit Medienkonsum ...

Pfeiffer: ... ja, unsere Studien am Institut haben ergeben, dass ein Zusammenhang zwischen Gewalt und gewaltverherrlichendem Medienkonsum besteht. Und dass es ebenso einen Zusammenhang zwischen diesem Medienkonsum und dem Bildungsstand der Eltern gibt.

SPIEGEL: Können Sie Zahlen nennen?

Pfeiffer: Hat ein Elternteil Abitur und studiert, haben nur 11 Prozent der Zehnjährigen eine Playstation. Dagegen besitzen 43 Prozent der Kinder von Hauptschülern ein solches Ding. Ähnlich ist es mit dem Fernsehkonsum. Bei Eltern mit hohem Bildungsniveau steht nur bei 16 Prozent der Viertklässler ein Fernsehgerät im Kinderzimmer. In den sogenannten bildungsfernen Haushalten können sich 57 Prozent der Kinder mit einem eigenen Fernseher betäuben. Diese Kinder verfügen meist auch schon früher über einen Computer. Das sind die Unterschiede.

SPIEGEL: Aber wer vor dem Fernseher oder dem Computer sitzt, prügelt nicht.

Pfeiffer: Besonders das stundenlange Spielen brutaler Computerspiele stumpft ab. Unter anderem wird die Fähigkeit gemindert, sich in das Leiden oder die Schmerzen anderer einzufühlen. In Verbindung mit anderen Belastungsfaktoren führt das häufig dazu, dass nicht mehr zwischen virtueller Welt und realer Welt unterschieden wird; agiert wird, wie gerade auf dem Bildschirm erlebt.

SPIEGEL: Die Statistik weist aus, dass ausländische Jugendliche weitaus häufiger in Schlägereien verwickelt sind, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.

Pfeiffer: Leider wahr. Wir haben bei Dunkelfelduntersuchungen mit 17.000 Jugendlichen festgestellt, dass junge Migranten um mehr als das Doppelte an Gewaltaktionen beteiligt waren als junge Deutsche. Bezeichnend: In den neuen Bundesländern, wo weitaus weniger Ausländer leben, gibt es inzwischen weniger Jugendgewalt als im Westen. Im Osten haben wir allerdings das Problem der ausländerfeindlichen Gewalt, wobei eines auffällt: Die rechten Schläger profilieren sich bei unseren Befragungen im Hinblick auf Gruppennormen und Einstellungen fast wie geistige Zwillingsbrüder der ausländischen Gewalttäter. Fest steht aber auch: In westdeutschen Großstädten wie München und Hamburg geht die Schere der Gewaltbelastung zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen immer weiter auseinander.

SPIEGEL: Wo liegen die Ursachen?

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