Prügelprozess gegen Ernst August "So etwas habe ich noch nicht erlebt"

Verletzte Ernst August von Hannover vor neun Jahren einen Discobesitzer lebensgefährlich? Das vermeintliche Opfer berichtet von Rippenbrüchen, Ohnmachtsanfällen, Bluthusten - doch im Prozess wurde jetzt klar: Davon kann nicht ansatzweise die Rede sein.

Aus Hildesheim berichtet


Hat er - oder hat er nicht? Diese Frage ist nach wie vor ungeklärt. Doch einen Schritt weiter in Richtung Wahrheit haben die Zeugen dieser Woche die 7. kleine Strafkammer des Landgerichts Hildesheim wohl schon gebracht. Und den Angeklagten Ernst August, Prinz von Hannover, ein Stück weiter weg vom bösen Verdacht einer lebensgefährlichen Körperverletzung, die er im Januar vor neun Jahren auf der kenianischen Insel Lamu dem deutschen Geschäftsmann Josef Brunlehner zugefügt haben soll.

Zwei Ohrfeigen gibt Ernst August zu. Brunlehner sagt dagegen, er sei halbtot geprügelt worden. Nach dem zehnten Verhandlungstag steht wenigstens eines fest: Von angeblich schwersten inneren Verletzungen des sogenannten Opfers kann nicht einmal mehr ansatzweise die Rede sein.

Der erste, der Brunlehner damals nach dem Vorfall am nächtlichen Strand medizinisch untersuchte, allerdings erst Stunden später, war ein sogenannter Clinical Officer. Das ist kein Arzt, sondern ein Mann mit dreijähriger medizinischer Grund- und einer einjährigen Fachausbildung in Notfallmedizin. Solche Personen leisten in Kenia in abgelegenen Gebieten die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung.

In den frühen Morgenstunden des 15. Januar 2000 wurde ein solcher Clinical Officer namens Ahmed Said Ahmed in Brunlehners "Palace"-Hotel gerufen. "Er lag in seinem Zimmer, war bei Bewusstsein, und es sah aus, als habe er Schmerzen", berichtete Ahmed in Hildesheim. "Er hatte oberflächliche Kratzer an den Rippenbögen und ein Hämatom unter dem linken Schlüsselbein. Puls und Blutdruck waren normal, die Atemwege frei. Ich prüfte, ob er sich etwas gebrochen haben könnte, stellte aber nichts fest."

"Er übergab sich auch nicht, es ging ihm gut"

"Ist es schwierig, ohne Röntgenbilder festzustellen, ob etwas gebrochen ist?" fragt der Vorsitzende. "Nein. Bei einer Schlüsselbeinfraktur zum Beispiel kann man den Arm nicht heben. Ich habe alles abgeklopft und genau untersucht und war mir daher sicher, dass der Patient keine Brüche hatte." "Und blutigen Auswurf?" fragt der Vorsitzende weiter. "Nein. Das sagte er nur. Ich habe nichts gesehen. Er übergab sich auch nicht, es ging ihm gut."

Er habe dann gehört, fährt der Zeuge fort, dass sich der Patient am nächsten Tag hatte ausfliegen lassen. Er habe ihm geraten, sich röntgen zu lassen, vorsichtshalber. Das wäre auch in Lamu möglich gewesen. "Doch er hatte ja Geld. Er wollte nach Mombasa ins Krankenhaus. Er hatte das so beschlossen. Er fragte mich nicht um Rat deswegen."

Der Arzt der afrikanischen Luftrettung, der diesen Flug begleitete, bemerkte ebenfalls nichts von dem, was Brunlehner als Zeuge in Hildesheim theatralisch schilderte - etwa, dass er in der Maschine fortwährend in Ohnmacht gefallen sei, so dass man um sein Leben habe fürchten müssen, und dass er um Luft gerungen habe wegen seiner "Schocklunge". "Wir haben uns die ganze Zeit unterhalten, ja sogar Witze gemacht", sagt der Zeuge. Er habe den Zustand des Patienten genau beobachtet.

Bei der Ankunft des Rettungswagens an der Klinik allerdings sei er sehr überrascht gewesen. Denn da standen bereits kenianische und ausländische Reporter und entfachten ein wahres Blitzlichtgewitter. Brunlehner habe sogleich heftig zu stöhnen begonnen, auf die Frage des Arztes aber, ob er irgendwelche Probleme habe, nicht geantwortet. "Für mich war das reine Schauspielerei", sagt der Arzt als Zeuge. "Ich habe schon Ausländer aus Nationalparks gerettet, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt." "Haben Sie ihm die Schmerzen geglaubt", fragt der Vorsitzende nach. "Wenn ein Patient von Schmerzen spricht, kann ich schlecht zu ihm sagen: Nein, Sie haben keine Schmerzen", antwortet der Zeuge.

Am nächsten Tag, berichtet der Arzt weiter, habe er sein Foto auf den Titelseiten der kenianischen Zeitungen entdeckt. Aus der Zentrale der Flugrettung in Nairobi sei er angerufen worden, wie es ihm habe einfallen können, einen Patienten mit sechs Rippenbrüchen per Flugzeug zu transportieren. "Ich fragte, woher man denn wisse, dass der Patient sechs Rippenbrüche habe. Man sagte mir, das stehe doch in allen Zeitungen. Das wisse jeder."

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