Fahrlässigkeit: Patient verübte Mord - Psychiaterin verurteilt

In Frankreich erregt die Verurteilung einer Psychiaterin großes Aufsehen. Die Frau wurde der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen, weil sie die Gefährlichkeit eines Patienten nicht erkannt hatte. Der paranoide Mann ermordete den Lebensgefährten seiner Großmutter mit einer Axt.

Michel Trabuc, Sohn des Mordopfers: Erfolg mit Klage gegen Psychiaterin Zur Großansicht
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Michel Trabuc, Sohn des Mordopfers: Erfolg mit Klage gegen Psychiaterin

Hamburg - Wenn man dem Verteidiger glaubt, dann könnte dieses Urteil den Umgang mit psychisch Kranken entscheidend verändern: Ein Strafgericht in Marseille hat eine 58 Jahre alte Psychiaterin der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen, weil einer ihrer Patienten einen Rentner ermordet hatte. Danièle C. wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt und muss 8500 Euro an die Hinterbliebenen des Opfers zahlen. "Wenn ein Psychiater Angst haben muss, verurteilt zu werden, wird das spürbare Konsequenzen haben und eventuell zu einem härteren Umgang mit Patienten führen", sagte ihr Anwalt Sylvain Pontier.

Danièle C. arbeitet in der Edouard-Toulouse-Klinik in Marseille. Dort war im Jahr 2000 Joël G. eingewiesen worden - ein Mann mit einer paranoiden Schizophrenie. Er war zuvor wiederholt als gewalttätig aufgefallen und hatte bereits einen Mordversuch begangen.

2004 floh G. während einer Besprechung mit seiner Ärztin aus der Klinik. 20 Tage später tötete er den 80 Jahre alten Lebensgefährten seiner Großmutter mit einer Axt. Ein Gericht stufte ihn daraufhin als nicht schuldfähig ein. Ein Sohn des Opfers verklagte die Klinik und weitere Personen, die im Umgang mit dem Täter nachlässig gehandelt haben könnten. Bereits 2009 entschied ein Gericht, dass eine Verletzung der Aufsichtspflicht vorlag.

Die Verhandlung gegen Danièle C. erregte nun großes Aufsehen. Der Prozess habe den Berufsstand bewegt und werde es auch in Zukunft tun, sagte der Vorsitzende Richter Fabrice Castoldi. "Das Gericht verurteilt nicht die Psychiatrie, es entscheidet über einen Einzelfall."

Nach Einschätzung der französischen Justiz beging die Psychiaterin zahlreiche Fehler, die dazu beitrugen, dass der Mann die Gewalttat verübte. Es sei ein schwerer Fehler gewesen, die Gefahr des Mannes für die Öffentlichkeit nicht erkannt zu haben. Ein Untersuchungsrichter warf ihr vor, entgegen der Einschätzung von neun Kollegen darauf beharrt zu haben, dass der Mann nicht psychisch krank sei. Er sei daher keiner angemessenen Therapie unterzogen worden und habe seit Ende 2003 auch Freigang erhalten.

Danièle C. räumte zwar ein "Diagnoseproblem" ein, wies den Vorwurf einer fahrlässigen Behandlung aber zurück. Dem Gericht zufolge hätte sie für ihren Patienten eine gesonderte Unterbringung oder die Behandlung durch ein anderes Ärzteteam empfehlen können. Ihre trotzige Weigerung habe schon etwas von Blindheit gehabt, sagte Richter Castoldi.

Der Sohn des Mordopfers hofft auf eine wegweisende Bedeutung des Urteils. Es gebe immer ein Restrisiko, sagte Michel Trabuc. "Aber ich hoffe, die Entscheidung wird die Psychiatrie nach vorn bringen. Das Wichtigste ist, dass so etwas nie wieder passiert."

hut/fhu/AFP/Reuters

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