Psychopharmaka für Straftäter: Hat der Mensch ein Recht auf Wahn?

Aus Klingenmünster berichtet Dietmar Hipp

André P. wollte im Alkoholrausch Frau und Tochter umbringen. Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen, will aber keine Medikamente nehmen. Nun muss das Bundesverfassungsgericht klären: Dürfen Straftäter gegen ihren Willen mit Psychopharmaka behandelt werden?

Psychiatrische Station, Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg: "Freiheit zur Krankheit" Zur Großansicht
dapd

Psychiatrische Station, Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg: "Freiheit zur Krankheit"

Seine Augenbrauen zucken nach oben, er grinst durch seinen dichten Bart. Er durchschaut sie alle. Er weiß Bescheid. "Die versuchen zu verschleiern, welche Wirkung die Pillen haben", sagt André P. über seine Ärzte. "Ich habe doch bei anderen gesehen, wie die hier reingekommen sind und wie sich deren Persönlichkeit verändert hat."

Seit 1999 sitzt P. in der Forensischen Psychiatrie des Pfalzklinikums in Klingenmünster. Wenn er die ihm verordneten Psychopharmaka weiterhin nicht einnimmt, hat der 59-Jährige wohl keine Chance, jemals in die Freiheit entlassen zu werden. Eingesperrt bleiben will er zwar nicht, die Pillen nehmen will er aber noch weniger.

Vor knapp zwölf Jahren versuchte André P. eines Nachts im Alkoholrausch, seine Frau und seine Tochter umzubringen - weil er meinte, die beiden wollten ihn vergiften. Im Strafverfahren attestierte ihm der Gutachter eine "akute wahnhafte Störung", die sich unter dem enthemmenden Einfluss des Alkohols Bahn gebrochen habe.

Zwar war P. in all den Jahren in der Psychiatrie nie gewalttätig. In Freiheit bestünde dennoch die Gefahr, teilten ihm die Ärzte im September 2006 schriftlich mit, dass er "in einer vermeintlichen Notwehrsituation erneut tätlich werden" würde. Sie kündigten "die Behandlung mit einem geeigneten Neuroleptikum" an, das "eventuell auch gegen Ihren Willen intramuskulär gespritzt" werde.

Mit Hilfe eines Anwalts zog P. dagegen vor Gericht. Zunächst bekam die Klinik Recht, doch im Juni 2009 fällten drei Richter des Bundesverfassungsgerichts, darunter dessen jetziger Präsident Andreas Voßkuhle, einen einstweiligen Entscheid: Eine Zwangsbehandlung zuzulassen, "die alleine dem Ziel dient, den Betroffenen entlassungsfähig zu machen", verstehe sich "nicht von selbst". Also untersagten die Karlsruher Richter die Zwangsmedikation bis zu einer abschließenden Entscheidung.

Mehr als 6000 Straftäter sitzen in der Psychiatrie

Die steht nun an - und dürfte grundsätzliche Bedeutung erlangen. Dass ein Psychiatriepatient, der sich selbst oder Mitpatienten akut gefährdet, gegen seinen Willen behandelt werden darf, gilt zwar schon jetzt als anerkannt. Doch was ist mit Menschen wie André P., die sich in der Psychiatrie auch ohne Medikamente ruhig verhalten?

Wenn P. Recht bekäme, würde das in etlichen Fällen das Aus für die Zwangsmedikation bedeuten - damit aber auch die Therapierung und mögliche Entlassung vieler Patienten dauerhaft verhindern.

Mehr als 6000 Straftäter sitzen derzeit aufgrund strafrichterlicher Anordnung in der Psychiatrie, so viele wie nie zuvor. Ziel ist, sie dort zu heilen und eines Tages wieder entlassen zu können. Viele sind bereit, Psychopharmaka zu nehmen, um wieder in Freiheit zu kommen - doch längst nicht alle.

Deshalb sei es wichtig, sagt der Leiter der Forensik in Klingenmünster, Michael Noetzel, "dass das Bundesverfassungsgericht diese Frage grundsätzlich klärt, ob eine Freiheitsentziehung weniger einschränkend sein soll als eine Medikation".

Doch P.'s Anwalt David Schneider-Addae-Mensah bezweifelt, dass sein Mandant entlassen würde, wenn er das Neuroleptikum nähme: "Ich fürchte, diese Rechnung geht nicht auf." Der Behandlungserfolg sei ungewiss, stattdessen bestehe ein "enormes Risiko", dass sich ein Defekt "durch die Medikation verstärkt oder überhaupt erst herausbildet".

Der Anwalt vertritt gleich mehrere Psychiatriepatienten, überwiegend ehemalige Straftäter, die ähnlich wie P. Psychopharmaka ablehnen. Einer habe auf Druck der Ärzte im Herbst vergangenen Jahres schließlich einer Medikamentenbehandlung zugestimmt. Im Februar wurde er erhängt in seiner Zelle aufgefunden. Schneider-Addae-Mensah sieht darin einen möglichen Zusammenhang: "Dass diese Medikamente Depressionen auslösen oder verstärken können, ist bekannt." Auch die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie berichtet von Nebenwirkungen wie Übergewicht, Diabetes, Krebs und Herzerkrankungen, spricht von einer "Unterbewertung des Risikos" und "Überbewertung des Nutzens".

"Freiheit zur Krankheit"

André P. ist davon überzeugt, nicht krank zu sein - und deshalb auch keine Medikamente zu benötigen. Wenn er über die Tatnacht spricht, fällt es indes schwer, seine Überzeugung zu teilen.

Er wisse auch nicht, was damals "Abnormales abgelaufen" sei, sagt er. "Wenn man zwei Gläser Schnaps mit Orangensaft getrunken hat, hat man doch keine 2,8 Promille." Sie wurden in seinem Blut aber festgestellt. Nachts hatte er seiner schlafenden Frau mit einer vollen Weinflasche so auf das Gesicht geschlagen, dass diese in Scherben ging. Als seine Frau aufwachte, drückte er ihr ein Kopfkissen auf das Gesicht, und schrie: "Ihr steckt unter einer Decke, ihr wollt mich umbringen." Dann lief er ins Zimmer seiner Tochter, und schlug auch ihr eine volle Weinflasche über den Kopf.

Bis heute ist sich P. sicher, jemand habe ihm übel mitgespielt. "Um die ganze Wahrheit zu erfahren, muss ich draußen sein. Doch die haben Angst."

Die Ärzte im Pfalzklinikum haben versucht, P. zur Einsicht zu bewegen. Die Medikamente sollten bewirken, erklärten sie ihm, "dass Sie Ihre wahnhaften Überzeugungen korrigieren und sich kooperativer verhalten können". Sie seien die einzige Möglichkeit, "eine Besserung Ihres psychischen Zustandes zu erreichen".

Doch P. ist das letztlich egal. Er zieht ein Gerichtsschreiben hervor, zeigt auf die Stelle, laut der es eine "Freiheit zur Krankheit" gibt. "Das ist doch meine Entscheidung", sagt er, "basta, Schluss, aus."

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insgesamt 141 Beiträge
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    Seite 1    
1. Psychos für Straftäter
berpoc 12.04.2011
Ich würde sagen, wir fangen an den Alkohol zu verbieten. 50.000 Alktote jährlich nur in diesem Land sprechen Bände. Plus die ganzen Kollateralschäden im Umfeld des Säufers. Ich habe wenig Ahnung von Islam und Koran, aber deren Alkoholverbot ist überaus vorausschauend und richtig, und zwar umfassend.
2. Ja bitte
grafheini2 12.04.2011
Zitat von berpocIch würde sagen, wir fangen an den Alkohol zu verbieten. 50.000 Alktote jährlich nur in diesem Land sprechen Bände. Plus die ganzen Kollateralschäden im Umfeld des Säufers. Ich habe wenig Ahnung von Islam und Koran, aber deren Alkoholverbot ist überaus vorausschauend und richtig, und zwar umfassend.
als Fan von Gangsterfilmen der Prohibitionsära in den USA freu ich mich schon auf die daraus resultierenden Folgen...
3. xxx
Dumpfmuff3000 12.04.2011
Zitat von berpocIch würde sagen, wir fangen an den Alkohol zu verbieten. 50.000 Alktote jährlich nur in diesem Land sprechen Bände. Plus die ganzen Kollateralschäden im Umfeld des Säufers. Ich habe wenig Ahnung von Islam und Koran, aber deren Alkoholverbot ist überaus vorausschauend und richtig, und zwar umfassend.
Ich würde sagen, wir fangen auch an, Schnitzel, Würstchen, Süßigkeiten, Spielzeug, Zigaretten, Fernsehen, Sport, Medikamente, Sex, Kneipen, Discos, Straßen, Rausgehen und alles andere potentiell Gefährliche zu verbieten. Ich habe wenig Ahnung vom Leben aber ich halte es durchaus für vernünftig, einfach alles zu verbieten und zwar umfassend, vor allem weil das was verboten wurde, ja dann auch nicht mehr gemacht wird, siehe Drogen, Glücksspiel, inclusive Alkohol und Prostitution in islamischen Ländern.
4. Titel ohne Beispiel
ratxi 12.04.2011
Zitat von berpocIch würde sagen, wir fangen an den Alkohol zu verbieten. 50.000 Alktote jährlich nur in diesem Land sprechen Bände. Plus die ganzen Kollateralschäden im Umfeld des Säufers. Ich habe wenig Ahnung von Islam und Koran, aber deren Alkoholverbot ist überaus vorausschauend und richtig, und zwar umfassend.
Ein generelles Verbot eines Stoffes, der in Natur fast überall durch Gärung entsteht, kann niemals vorausschauend und richtig sein. Wenn der Koran in einer Auslegung Saufen verbietet und dafür Kiffen erlaubt, dient das nicht wirklich als gutes Beispiel für eine bessere Welt.
5. ...
oliver twist aka maga 12.04.2011
Zitat von sysopAndré P. wollte im Alkoholrausch Frau und Tochter umbringen. Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen, will aber keine*Medikamente nehmen. Nun muss das Bundesverfassungsgericht klären: Dürfen Straftäter gegen ihren Willen mit Psychopharmaka behandelt werden? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,756391,00.html
Wenn "Freiheit zur Krankheit" für andere Menschen zur Bedrohung wird, dann ja. Die Alternative ist in diesem Fall höchstens eine lebenslange "Sicherungsverwahrung" oder die Unterbringung in der Psychiatrie.
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