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Psychische Folgen von NSU-Verbrechen: "Zeichen eines kollektiven Traumas"

In München wird Beate Zschäpe und mutmaßlichen NSU-Unterstützern ab Mittwoch der Prozess gemacht. Der Psychotherapeut Ali Kemal Gün erklärt, wie wichtig die Aufarbeitung der Verbrechen für Migranten in Deutschland ist - und welche Ängste bis heute tief sitzen.

NSU-Anschlag in Köln: Die Lehren aus Solingen Fotos
DPA

Ali Kemal Gün kennt die Bewohner der Kölner Keupstraße gut. Jener Straße, in der am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe explodierte, 22 Menschen wurden verletzt, der Sprengsatz enthielt mehr als 800 Zimmermannsnägel. Psychotherapeut Gün beobachtete, wie das Verbrechen die Menschen veränderte - und nicht nur das.

Am Tag nach dem Anschlag trat der damalige Innenminister Otto Schily vor die Presse und sagte, die Erkenntnisse deuteten auf ein "kriminelles Milieu" hin, nicht auf einen terroristischen Hintergrund. Die Ermittler konzentrierten sich in Ermangelung anderer Spuren vor allem auf das Umfeld der Opfer.

Heute weiß man: Der Anschlag geht aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Konto des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), es war ein Terrorakt von Rechtsextremen. Wie bei anderen Verbrechen des Trios auch, schlugen die Ermittlungen nicht nur fehl, sie verstärkten auch die psychischen Leiden der Betroffenen.

Gün weiß sehr genau, was die Folgen von rechtsextremen Verbrechen für die unmittelbar Betroffenen, aber auch generell für die Migranten in Deutschland bedeuten: Er ist Psychotherapeut und betreute die Opfer des Anschlags von Solingen 1993.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gün, erst wurden die Menschen in der Keupstraße Opfer eines Anschlags, dann Verdächtige. Was hat das unter den Anwohnern bewirkt?

Gün: Der Anschlag löste Schock und Panik aus. Und die Reaktion der Politik und der Ermittler führte zu Verunsicherung: Alle haben sich misstrauisch betrachtet und entsprechend behandelt. Jeder war verdächtig. In den ersten Wochen und Monaten trauten sich die Menschen nicht zu, auf die Straße zu gehen, in den Geschäften einzukaufen und sich gegenseitig zu besuchen. Die Folgen der Traumata waren allgegenwärtig.

SPIEGEL ONLINE: Gab es niemanden außer den Ermittlern, der sich um die Menschen gekümmert hat?

Gün: Nein. Statt die durch das Attentat traumatisierten Anwohner psychologisch zu unterstützen, wurden die Opfer wie Täter behandelt, beschuldigt, unter Druck gesetzt und zu Falschaussagen animiert. Am Ende wurden die Verletzten und deren Angehörige durch teilweise unmenschliche Behandlungsmethoden mehr traumatisiert als sie es vorher waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch die Angehörigen der Toten des Anschlags in Solingen von 1993 betreut. Sehen Sie Unterschiede im Umgang der Behörden damals und heute?

Gün: Größer könnten die Unterschiede kaum sein. Die politische und gesellschaftliche Grundhaltung nach dem Anschlag von Solingen war durch Sensibilität, Mitgefühl, Vertrauen und Unterstützung geprägt. Die Politik war auf Landesebene präsent und in ständigem Kontakt mit den Angehörigen der Opfer. Man ging verständnisvoll mit ihren Ängsten und Sorgen um. Bereits einen Tag nach dem Anschlag war ein Psychologenteam gebildet worden, um die Angehörigen zu betreuen, über Jahre. Diese vertrauensfördernde Haltung hat den Angehörigen ein Sicherheitsgefühl vermittelt, weshalb sie sich letztendlich dazu entschieden haben, in Deutschland zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Und diese organisierte psychologische Hilfe gab es in Köln nicht?

Gün: Nein. Dabei ist das wichtigste im Umgang mit individuellem und kollektivem Trauma, die Vermittlung des Gefühls der Sicherheit und des Vertrauens. Nach dem Motto: Es ist passiert, was passiert ist, aber es wird nicht mehr passieren, du bist in Sicherheit, du wirst geschützt. Dadurch wird versucht, den Betreffenden zu helfen, aus der akuten Belastungsreaktion keine bleibenden Posttraumatischen Störungen zu entwickeln. Im Fall des NSU sehe ich diese Hilfe nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen auf längere Sicht?

Gün: Alles verbleibt im Gedächtnis. Die Betroffenen verdrängen das erlebte Trauma, um funktionieren zu können. Doch das ist nur eine Bewältigungsstrategie: Das jahrelang Kompensierte kann in Krisensituationen in unkontrollierte Bahnen geraten und zu psychischen "Auffälligkeiten" führen. Das zeigt ja zum Beispiel die steigende Zahl an Altersdepressionen in Deutschland: Sie steht auch in Zusammenhang mit den Erlebnissen der Kriegsgeneration.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeuten die Erfahrungen mit den Taten des NSU für Migranten in Deutschland?

Gün: Bewusst oder unbewusst könnte sich bei Migranten eine Psycho-Logik verfestigen, etwa: "Das Ziel dieser Anschläge und Morde waren Türkeistämmige. Ich komme auch aus der Türkei, mir könnte das gleiche passieren. Ich bin in Deutschland nicht in Sicherheit." Das macht die betreffenden Menschen unsicher und versetzt sie in Angst und schafft Misstrauen. Dies kann unter Umständen zu emotionaler Stumpfheit, Reizbarkeit und Gleichgültigkeit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft führen.

SPIEGEL ONLINE: Kann der kommende Prozess dazu beitragen, diese Folgen abzuschwächen?

Gün: Im Türkischen gibt es ein Sprichwort, "adalet yerini bulur", die Gerechtigkeit wird siegen. Wenn die Ereignisse, Fehler und Pannen während der Ermittlungen mit all ihren Hintergründen unmissverständlich aufgeklärt werden, würde dies dazu beitragen, das Gefühl der Sicherheit mindestens zu stärken.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn dies nicht gelingt?

Gün: Dann wird dies auch Auswirkungen auf das Zusammenleben in Deutschland haben. Bleiben Angst, Sorge und Misstrauen, wird diese Wunde ihre Spuren hinterlassen, trotz der Bemühungen um Integration und ein Miteinander in den vergangenen Jahren. Der Hausbrand am 30. März in Köln-Höhenberg zeigt, wie sehr das Vertrauensverhältnis in Deutschland zerstört ist. Während die Deutschen dazu zu neigen schienen, rassistische Hintergründe sofort auszuschließen, ging die türkische Seite zunächst grundsätzlich von einem rassistischen Hintergrund aus. Natürlich könnte man die Reaktionen der türkischen Seite als überempfindlich bezeichnen, aber diese sind doch gerade ein Zeichen eines kollektiven Traumas, nicht im pathologischen Sinne, aber aufgrund von gemachten Erfahrungen in der Vergangenheit.

Das Interview führte Maik Baumgärtner

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1.
stefansaa 15.04.2013
Ich gehe mal davon aus, dass dieses Monster jeden Tag grinsend in seiner Zelle sitzt und sich hämisch darüber freut, wie viel Aufmerksamkeit sie und ihre Hirnampotierten Freunde bekommen. Diese ganze Berichterstattung und das gesamte brimborium drum herum sind doch genau das, was diese durchgeknallten immer wollten. Aufmerksamkeit. Die Rechten tanzen doch Polka über jeden Bericht zum Thema NSU. Meiner Meinung nach wäre folgendes am besten: Prozess durchziehen. Wie zu erwarten Frau Zschäpe lebenslang einsperren und danach ruhe. Prozess am besten unter Ausschluss aller Medien. Diese Aufmerksamkeit ist einfach zu viel.
2. Deutschland triftet ab
Zaphod 15.04.2013
In dem Beitrag wird das Verhalten nach dem Brandanschlag in Solingen mit dem Verhalten nach dem Anschalg in Köln verglichen und es zeigt sich: Deutschland triftet ab. Nichts ist mehr geblieben von dem Mitgefühl und der Solidarität gegenüber unseren ausländischen Mitbürgern. Denn inzwischen denkt der Deutsche, er "sei wieder wer". Daher kann er es sich erlauben, respektlos und herablassend auf all die Türken und Moslem herabzublicken. Wie erbärmlich ist es doch, dass Deutschland inzwischen wieder von Schlechtmenschen bevölkert wird, die glauben, sie seinen etwas besseres und alle Anzeichen von Mitmenschlichkeit als dummes Gutmenschentum verhöhnen.
3. Bitte abwarten,
blue.sky 15.04.2013
wie der Richterspruch lautet - alles andere ist ist Vorverurteilung. Auch wenn Sie es nicht glauben möchten, es gilt immer noch die Unschuldsvermutung.
4. Danke, gutes Interview
Kommendator 15.04.2013
Danke, gutes Interview. Einer der Gruende, warum die (unabsichtliche?) Ausgrenzung (zum Glueck durchs Verfassungsgericht aufgehoben) tuerkischer Medien / Prozessbeobachter beim NSU-Prozess (OLG Muenchen) so ungeschickt wenn nicht sogar dumm war.
5.
psychologiestudent 15.04.2013
Zitat von blue.skywie der Richterspruch lautet - alles andere ist ist Vorverurteilung. Auch wenn Sie es nicht glauben möchten, es gilt immer noch die Unschuldsvermutung.
empfinden Sie Ihren Kommentar nach den Vorverurteilungen im vorliegenden Fall nicht als etwas zynisch???
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Zum Autor
  • Ali Kemal Gün ist als bilingualer psychologischer Psychotherapeut und Integrationsbeauftragter in der LVR-Klinik Köln tätig. Er tritt für die Integration von Migrantinnen und Migranten auf allen gesellschaftlichen Ebenen ein. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind interkulturelle Missverständnisse, interreligiöse und interkulturelle Kompetenz, interkulturelle Öffnung und Sensibilisierung. Er behandelte jahrelang die überlebenden Opfer des Brandanschlags von Solingen.



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