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Rache eines Säureopfers: "Ich soll verzeihen, aber ich will nicht"

2004 nahm ein Student Amene Bahrami das Augenlicht - nun steht ihr Sühnetermin bevor. Am Samstag darf sie selbst ihren Peiniger blenden, mit fünf Säuretropfen ins rechte, fünf ins linke Auge. Im Interview erklärt die Iranerin, warum sie unbedingt Rache nehmen will.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bahrami, am Samstag um 12 Uhr wollen Sie Vergeltung üben an Ihrem Peiniger und ihn erblinden lassen. Muss das sein?

Bahrami: Ja, für diesen Moment habe ich lange genug gekämpft. Unser islamisches Recht steht auf meiner Seite. Wer mir mein Augenlicht nimmt, dem darf ich auch sein Augenlicht nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Fünf Säuretropfen ins linke Auge, fünf ins rechte - ist das nicht eine unmenschliche Strafe?

Bahrami: Ich wurde damals von seinem Angriff völlig überrascht. Er hingegen weiß seit Jahren, was ihm droht und ist vorbereitet. Das Gericht hat festgelegt, dass die Strafe im Krankenhaus der Teheraner Justiz vollstreckt wird. Außerdem muss er betäubt sein, wenn ich ihm die Säure in die Augen tropfe. So sorgt unsere Justiz dafür, dass er weniger Schmerzen hat als ich seinerzeit.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann steht der Sühnetermin fest?

Bahrami: Am vergangenen Sonntag habe ich ihn erfahren. Der Zeitpunkt ist vom Gericht festgesetzt, der Ort das Dadgostari-Krankenhaus. Alles ist geregelt. Meine Eltern und meine beiden Brüder werden mich begleiten. Auch seine Familie wird dabei sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Richter haben Sie auch nachdrücklich gebeten, von Ihrem Recht keinen Gebrauch zu machen.

Bahrami: Sie haben gesagt, ich solle verzeihen. Aber ich will nicht. Niemand kann auch nur erahnen, was ich durchgemacht habe.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Angreifer wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt und zu einer hohen Ausgleichszahlung. Warum haben Sie das Angebot einer Wiedergutmachung ausgeschlagen?

Bahrami: Wie viel ist das Augenlicht eines Menschen wert? Es ging um 200 Millionen Tuman, umgerechnet etwa 130.000 Euro. Was mir angetan wurde, ist aber durch Geld nicht aufzuwiegen. Außerdem könnte er diese Summe ohnehin nicht zahlen. Was ich tue, soll ein abschreckendes Beispiel sein für jeden Mann, der sich von einer Frau, die er angeblich liebt, zurückgestoßen fühlt und mit einem Anschlag Rache nehmen will. Mein Richter hat mir versichert, dass allein durch das Urteil die Zahl solcher Attentate zurückgegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich die Vollstreckung noch verschieben?

Bahrami: Menschenrechtsgruppen versuchen zwar, mich abzuhalten. Sie haben mir sogar Geld geboten. Aber ich habe keinen Grund, die Sache hinauszuzögern oder gar aufzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie tun, nachdem Sie Madschid Mowahedi sein Augenlicht genommen haben?

Bahrami: Ich werde nach Hause gehen, später dann mit vielen Menschen darüber sprechen. Am Dienstag will ich zum Beispiel nach Deutschland fliegen, um im Fernsehen meinen Fall zu erzählen.

Das Interview führte Dieter Bednarz

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Zur Person
AFP
Amene Bahrami, 33, wurde vor sieben Jahren von einem Studenten aus verschmähter Liebe mit Säure übergossen. Die Iranerin verlor dabei ihr Augenlicht, ihr Gesicht ist seit dem Anschlag von Narben entstellt. Ein Teheraner Gericht hat ihr aufgrund des islamischen Rechtssystems Scharia das Recht zugesprochen, den Täter selbst ebenfalls mit Säure zu blenden.

Wie kam es zu dem Attentat? Und warum darf Ahmene Bahrami den Mann blenden, der sie mit Säure überschüttete? Lesen Sie die SPIEGEL-Geschichte "Der ewige Augenblick" hier.



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