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28. Juli 2007, 08:29 Uhr

RAF-Mord

"Du kennst ja den Herrn Ponto"

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Die Mörder kamen mit langstieligen Rosen und gezückten Waffen: Vor 30 Jahren wurde Jürgen Ponto von einem RAF-Kommando ermordet. In seinem eigenen Wohnzimmer im hessischen Oberursel. Unter den Tätern: Susanne Albrecht, die Tochter eines engen Freundes.

Susanne Albrecht tat das Verwerflichste: Sie missbrauchte die Freundschaft ihrer Eltern zur Familie Ponto und lieferte den Dresdner-Bank-Chef und ihren "Nenn-Onkel" den Killern der Roten Armee Fraktion aus.

Mit Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar lässt sie sich am 30. Juli 1977 von Peter-Jürgen Boock von Frankfurt in den Taunus nach Oberursel fahren. Sie klingelt gegen 17 Uhr an der Villa der Pontos in der Oberhöchstadter Straße 69. "Hier ist Susanne", entgegnet sie durch die Sprechanlage Klaus Naumann, dem Privatsekretär Jürgen Pontos, am anderen Ende der Leitung. Dieser drückt den Türöffner. Die drei Gestalten marschieren durch den Vorgarten.

Ermittler am Tatort in der Oberhöchstadter Straße 69 in Oberursel: "Susanne, ja, natürlich, lassen Sie sie herein", hatte Jürgen Ponto seinen Privatsekretär gebeten, als das RAF-Kommando klingelte
AP

Ermittler am Tatort in der Oberhöchstadter Straße 69 in Oberursel: "Susanne, ja, natürlich, lassen Sie sie herein", hatte Jürgen Ponto seinen Privatsekretär gebeten, als das RAF-Kommando klingelte

"Da sind die Susanne und noch zwei Herrschaften", kündigt Naumann die Besucher an. "Susanne, ja, natürlich, lassen Sie sie herein." Ponto ist bester Laune. Noch am Abend wollen er und seine Frau Ignes in den Urlaub nach Südamerika fliegen.

Susanne ist die Tochter seines alten Freundes, eines erfolgreichen Anwalts für Seerecht. Ponto und Albrecht kennen sich fast ihr ganzes Leben, zusammen gingen sie nach Angaben von Pontos Tochter Corinna in Hamburg aufs Gymnasium. Monatelang hat Ponto Susanne nicht gesehen. Kurzfristig hatte sie sich "auf eine Tasse Tee" angekündigt. Die Familien stehen sich nahe. Das Ehepaar Albrecht bat Ponto in der Vergangenheit, die Patenschaft für Susannes jüngste Schwester zu übernehmen, was dieser gern tat.

"Was bringt Susanne da für Leute mit"

Als die 26-Jährige die Villa betritt, weiß Ponto nicht, dass die scheue und teils schwierige Susanne große Auseinandersetzungen mit ihrem Vater hinter sich hat, etwa weil sie in der Hausbesetzerszene ein neues Zuhause gefunden hat.

Auch seine Frau, eine anerkannte Pianistin, ahnt nichts. "Ich dachte nur, mein Gott, was bringt Susanne da für Leute mit", wird Ignes Ponto danach zu Protokoll geben. Dann geht alles recht schnell.

Susanne Albrecht hat nicht nur zwei Besucher im Schlepptau. Sie trägt einen Strauß langstieliger, leicht verwelkter Rosen - und eine Waffe. Auch ihre beiden Freunde sind bewaffnet. Ihr Plan: den Vorstandssprecher entführen, um die Freilassung von gefangenen RAF-Häftlingen wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zu erpressen.

"Wir warteten in einem Zimmer, bis Herr Ponto uns begrüßte. Ich stellte meine Begleiter als Freunde vor", sagt Albrecht später im Prozess. "Nach kurzer Begrüßung im Wohnzimmer - Klar zog seine Waffe und erklärte Ponto, er solle entführt werden. Im selben Moment zog auch Mohnhaupt die Waffe. Ponto sagte 'Sie sind wohl verrückt', in einem ruhigen, erschrockenen Ton. Er breitete seine Arme aus in Richtung Mohnhaupt. Wir standen in einer Art Halbkreis um ihn. Er machte keine hektische oder Angriffsbewegung. Daraufhin schoss Klar unvermittelt und gezielt auf Herrn Ponto. Im selben Moment schoss auch Brigitte mehrmals, so dass Herr Ponto umfiel."

"Herr Ponto hat sich in keiner Weise zur Wehr gesetzt"

Oftmals heißt es, Ponto habe sich gewehrt und die Schüsse hätten sich im Gerangel gelöst. Susanne Albrecht sagt jedoch Jahre später im Prozess ausdrücklich: "Das absolut Unverständliche war, warum Herr Klar schoss, weil Herr Ponto sich in keiner Weise zur Wehr gesetzt hat. Aus heutiger Sicht kann ich mir denken, dass Klar dachte, Mohnhaupt werde angegriffen. Letztendlich würde ich aber sagen, er ist durchgedreht." Fünf Schüsse treffen den 53-Jährigen. Ein sechster Schuss knallt in den Garten.

Versteinert muss Ignes Ponto durch die geöffnete Tür zusehen, wie ihr Mann erschossen wird. "Ein Lichtstrahl durch den Raum rettete ihr das Leben, da sie direkt im Schatten dahinter am Telefon saß", erzählt Pontos Tochter Corinna in Anne Siemens' Buch "Für die RAF war er das System, für mich der Vater", in dem Angehörige von RAF-Opfern zum Teil erstmals über das Erlebte sprechen.

Die drei Terroristen stürzen aus der Villa, rennen zu Boock, der mit dem Fluchtwagen, einem Ford Granada, in einer Seitenstraße wartet und rasen zu einer konspirativen Wohnung im Südring 3a in Frankfurt-Hattersheim. Jürgen Ponto erliegt zwei Stunden später seinen schweren Verletzungen in der Frankfurter Universitätsklinik.

Mit dem Mord an Jürgen Ponto wird Susanne Albrecht zur neuen RAF-Hassfigur in der Öffentlichkeit. Das Attentat auf den Bankchef ist gleichzeitig ein Attentat auf das Vertrauen ihrer Familie und deren Freunde. Die "Perfektion der Heimtücke", so damals die "Süddeutsche Zeitung", stilisiert sie zu einer der Galionsfiguren der terroristischen Vereinigung. Albrecht gilt ab sofort als kaltblütig, niederträchtig, fanatisch. "Ich war auf einmal die blutrünstigste Frau Deutschlands", sagt sie vor Gericht über sich selbst.

Hinter dieser Fassade sieht es anders aus. Susanne Albrecht kämpft um Anerkennung innerhalb der Gruppe. Das System der RAF funktioniert damals so: Wenige geben die Kommandos, einige werden mit Teilinformationen versorgt, die meisten erfahren nichts. Susanne Albrecht gehört zur Masse. Sie wird mit wenigen Informationen und vielen leeren Versprechen abgespeist. RAF-Mitglied Werner Lotze sagt später, man habe sie innerhalb der RAF nicht für kaltblütig genug gehalten.

Von der RAF-Terroristin zum Stasi-Spitzel

Drei Jahre nach dem Mord an Ponto schafft sie den Absprung: Wie viele andere RAF-Aussteiger findet sie in der DDR Unterschlupf. Zehn Jahre lebt sie unter dem Namen "Ingrid Jäger" in Cottbus und Moskau als Englisch-Übersetzerin und Hausfrau. Sie heiratet einen Diplom-Physiker. Beide arbeiten für die Staatssicherheit unter den Namen "Ernst Berger" und "Max Schubert". Albrecht bekommt einen Sohn, den sie - wie Gudrun Ensslins Kind - Felix nennt.

Erst nach der Wende, im Juni 1990, wird sie in der DDR entdeckt und verhaftet. In einem Plattenbau in Berlin-Marzahn. Auf die Festnahme hatte sie regelrecht gewartet. Ihr Mann hatte erst wenige Tage zuvor von der wahren Identität seiner Ehefrau erfahren. Von Vorahnungen geplagt hatte sie ihn auf der Rückreise von Russland nach Berlin eingeweiht und gesagt: "Von jetzt an hast du die Verantwortung für das Kind." Ihr Sohn Felix hörte während eines Leipzig-Besuches im Radio, dass seine Mutter in Berlin als Terroristin festgenommen worden ist.

Albrecht winselte in der Gruppe um Aufmerksamkeit

1991 wird sie in Stammheim zu zwölf Jahren Haft verurteilt, 1996 nach Verbüßung der Hälfte ihrer Strafe freigelassen. Als Kronzeugin der Anklage hatte sie umfassend ausgesagt, ehemalige Gesinnungsgenossen belastet und das Bild, das von ihr in der Öffentlichkeit kursierte, ins Gegenteil gekehrt: Albrecht hatte im RAF-Zirkel um Aufmerksamkeit gewinselt - vergeblich.

Peter-Jürgen Boock umschreibt es im Prozess gegen Albrecht so: "In der Gruppe galt Susanne Albrecht als unsichere Kantonistin, als jemand, der für weitere Aktionen nicht mehr in Frage kam." Nach dem Tod Pontos sei sie "am Boden zerstört und nicht mehr ansprechbar" gewesen. Es habe immer jemand bei ihr sein müssen, es habe geheißen: "Die Tante kann man nicht mal mehr allein zum Brötchenholen schicken." Außerdem sagt Boock: "Im Nachhinein würde ich sagen, dass sie von uns, die wir über mehr Herrschaftswissen verfügten, funktionalisiert und missbraucht wurde ..."

Sie selbst gibt sich im Prozess naiv und arglos. Bei einem Spaziergang habe sie dem RAF-Mitglied Volker Speitel von der Verbindung zu Ponto erzählt. Von da an habe es geheißen: "Du kennst ja den Herrn Ponto." Sie gibt zu: "Ohne das Gespräch wäre man vermutlich nie auf die Person Ponto gekommen ..."

Gleichzeitig schildert sie, wie sie von der Gruppe missbraucht und gedemütigt wurde. Richter Kurt Breucker bescheinigt ihr: Sie habe sich "schon immer mehr von Emotionen als vom Intellekt" steuern lassen, die abstrusen Thesen der RAF habe sie "unkritisch" übernommen, aber "von Hineinschlittern" könne keine Rede sein. Sie habe damit rechnen müssen, dass Ponto erschossen wird, weil sie wusste, wie wenig Menschenleben für die RAF zählten.

Erst zwei Wochen nach der Tat, ungewöhnlich spät im Vergleich zu sonstigen RAF-Aktionen, war ein Bekennerschreiben zu Pontos Tod aufgetaucht. Kürzer als sonst, ohne das berühmte Pathos, aber im gewohnten RAF-Stil: "Wir haben in der Situation, in der Bundesanwaltschaft und Staatsschutz zum Massaker an den Gefangenen ausgeholt haben, nichts für lange Erklärungen übrig." Unterschrieben von Susanne Albrecht. Gemessen an dem persönlichen Hintergrund eine Provokation - und außerdem das einzige RAF-Selbstbezichtigungsschreiben mit Unterschrift einer Einzelperson.

Die Familie des kunstverständigen, beliebten und weltoffenen Managers hat sich von seinem brutalen Tod nie erholt. In tiefe Trauer mischte sich der Schock, dass ausgerechnet die Tochter eines alten Schulfreundes den Mördern die Tür öffnete.

"Das können wir nicht vergessen"

Die Eltern Albrecht eilen am Tag nach dem Attentat nach Oberursel. "Es war ein sehr emotionales Aufeinandertreffen. Wie wir waren auch sie sprachlos", sagt Corinna Ponto im Gespräch mit Anne Siemens. "Aber - und nun kommt ein sehr schmerzhaftes 'Aber': Wir erfuhren später, leider unverzeihlich viel später, dass die Eltern Albrecht die Biographie ihrer Tochter sehr gut kannten und Susanne sogar mehrfach anwaltlich vertreten hatten, nach dem Überfall der RAF auf die Botschaft in Stockholm 1975 oder zum Beispiel bei Auffindung von Sprengstoff und gefälschten Pässen in ihrem Wagen."

Der Vertrauensbruch ist endgültig. Denn die Eltern von Susanne Albrecht waren es, die ihre Tochter für jenen 30. Juli 1977 telefonisch angekündigt und um eine Übernachtungsmöglichkeit für sie gebeten hatten. "Ohne auch nur eine Andeutung oder einen Hinweis auf ihre politischen Aktivitäten zu geben. Das können wir nicht vergessen", sagt Corinna Ponto. Die Familie Albrecht hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert und war für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar.

Die Todesschützen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt wurden vom Oberlandesgericht Stuttgart 1985 zu lebenslangen Strafen verurteilt: Klar wegen neunfachen Mordes und elffachen Mordversuchs und Brigitte Mohnhaupt wegen neunfachen Mordes und Mordversuchs. Nach Verbüßung der gerichtlich festgelegten 24 Jahre Mindesthaftzeit wurde Mohnhaupt am 25. März 2007 auf Bewährung entlassen. Klar sitzt noch in Haft. Susanne Albrecht lebt heute unter neuem Namen als Lehrerin in Norddeutschland.

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