RAF-Mord "Du kennst ja den Herrn Ponto"

Die Mörder kamen mit langstieligen Rosen und gezückten Waffen: Vor 30 Jahren wurde Jürgen Ponto von einem RAF-Kommando ermordet. In seinem eigenen Wohnzimmer im hessischen Oberursel. Unter den Tätern: Susanne Albrecht, die Tochter eines engen Freundes.

Von


Susanne Albrecht tat das Verwerflichste: Sie missbrauchte die Freundschaft ihrer Eltern zur Familie Ponto und lieferte den Dresdner-Bank-Chef und ihren "Nenn-Onkel" den Killern der Roten Armee Fraktion aus.

Mit Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar lässt sie sich am 30. Juli 1977 von Peter-Jürgen Boock von Frankfurt in den Taunus nach Oberursel fahren. Sie klingelt gegen 17 Uhr an der Villa der Pontos in der Oberhöchstadter Straße 69. "Hier ist Susanne", entgegnet sie durch die Sprechanlage Klaus Naumann, dem Privatsekretär Jürgen Pontos, am anderen Ende der Leitung. Dieser drückt den Türöffner. Die drei Gestalten marschieren durch den Vorgarten.

Ermittler am Tatort in der Oberhöchstadter Straße 69 in Oberursel: "Susanne, ja, natürlich, lassen Sie sie herein", hatte Jürgen Ponto seinen Privatsekretär gebeten, als das RAF-Kommando klingelte
AP

Ermittler am Tatort in der Oberhöchstadter Straße 69 in Oberursel: "Susanne, ja, natürlich, lassen Sie sie herein", hatte Jürgen Ponto seinen Privatsekretär gebeten, als das RAF-Kommando klingelte

"Da sind die Susanne und noch zwei Herrschaften", kündigt Naumann die Besucher an. "Susanne, ja, natürlich, lassen Sie sie herein." Ponto ist bester Laune. Noch am Abend wollen er und seine Frau Ignes in den Urlaub nach Südamerika fliegen.

Susanne ist die Tochter seines alten Freundes, eines erfolgreichen Anwalts für Seerecht. Ponto und Albrecht kennen sich fast ihr ganzes Leben, zusammen gingen sie nach Angaben von Pontos Tochter Corinna in Hamburg aufs Gymnasium. Monatelang hat Ponto Susanne nicht gesehen. Kurzfristig hatte sie sich "auf eine Tasse Tee" angekündigt. Die Familien stehen sich nahe. Das Ehepaar Albrecht bat Ponto in der Vergangenheit, die Patenschaft für Susannes jüngste Schwester zu übernehmen, was dieser gern tat.

"Was bringt Susanne da für Leute mit"

Als die 26-Jährige die Villa betritt, weiß Ponto nicht, dass die scheue und teils schwierige Susanne große Auseinandersetzungen mit ihrem Vater hinter sich hat, etwa weil sie in der Hausbesetzerszene ein neues Zuhause gefunden hat.

Auch seine Frau, eine anerkannte Pianistin, ahnt nichts. "Ich dachte nur, mein Gott, was bringt Susanne da für Leute mit", wird Ignes Ponto danach zu Protokoll geben. Dann geht alles recht schnell.

Susanne Albrecht hat nicht nur zwei Besucher im Schlepptau. Sie trägt einen Strauß langstieliger, leicht verwelkter Rosen - und eine Waffe. Auch ihre beiden Freunde sind bewaffnet. Ihr Plan: den Vorstandssprecher entführen, um die Freilassung von gefangenen RAF-Häftlingen wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zu erpressen.

"Wir warteten in einem Zimmer, bis Herr Ponto uns begrüßte. Ich stellte meine Begleiter als Freunde vor", sagt Albrecht später im Prozess. "Nach kurzer Begrüßung im Wohnzimmer - Klar zog seine Waffe und erklärte Ponto, er solle entführt werden. Im selben Moment zog auch Mohnhaupt die Waffe. Ponto sagte 'Sie sind wohl verrückt', in einem ruhigen, erschrockenen Ton. Er breitete seine Arme aus in Richtung Mohnhaupt. Wir standen in einer Art Halbkreis um ihn. Er machte keine hektische oder Angriffsbewegung. Daraufhin schoss Klar unvermittelt und gezielt auf Herrn Ponto. Im selben Moment schoss auch Brigitte mehrmals, so dass Herr Ponto umfiel."

"Herr Ponto hat sich in keiner Weise zur Wehr gesetzt"

Oftmals heißt es, Ponto habe sich gewehrt und die Schüsse hätten sich im Gerangel gelöst. Susanne Albrecht sagt jedoch Jahre später im Prozess ausdrücklich: "Das absolut Unverständliche war, warum Herr Klar schoss, weil Herr Ponto sich in keiner Weise zur Wehr gesetzt hat. Aus heutiger Sicht kann ich mir denken, dass Klar dachte, Mohnhaupt werde angegriffen. Letztendlich würde ich aber sagen, er ist durchgedreht." Fünf Schüsse treffen den 53-Jährigen. Ein sechster Schuss knallt in den Garten.

Versteinert muss Ignes Ponto durch die geöffnete Tür zusehen, wie ihr Mann erschossen wird. "Ein Lichtstrahl durch den Raum rettete ihr das Leben, da sie direkt im Schatten dahinter am Telefon saß", erzählt Pontos Tochter Corinna in Anne Siemens' Buch "Für die RAF war er das System, für mich der Vater", in dem Angehörige von RAF-Opfern zum Teil erstmals über das Erlebte sprechen.

Die drei Terroristen stürzen aus der Villa, rennen zu Boock, der mit dem Fluchtwagen, einem Ford Granada, in einer Seitenstraße wartet und rasen zu einer konspirativen Wohnung im Südring 3a in Frankfurt-Hattersheim. Jürgen Ponto erliegt zwei Stunden später seinen schweren Verletzungen in der Frankfurter Universitätsklinik.

Mit dem Mord an Jürgen Ponto wird Susanne Albrecht zur neuen RAF-Hassfigur in der Öffentlichkeit. Das Attentat auf den Bankchef ist gleichzeitig ein Attentat auf das Vertrauen ihrer Familie und deren Freunde. Die "Perfektion der Heimtücke", so damals die "Süddeutsche Zeitung", stilisiert sie zu einer der Galionsfiguren der terroristischen Vereinigung. Albrecht gilt ab sofort als kaltblütig, niederträchtig, fanatisch. "Ich war auf einmal die blutrünstigste Frau Deutschlands", sagt sie vor Gericht über sich selbst.

Hinter dieser Fassade sieht es anders aus. Susanne Albrecht kämpft um Anerkennung innerhalb der Gruppe. Das System der RAF funktioniert damals so: Wenige geben die Kommandos, einige werden mit Teilinformationen versorgt, die meisten erfahren nichts. Susanne Albrecht gehört zur Masse. Sie wird mit wenigen Informationen und vielen leeren Versprechen abgespeist. RAF-Mitglied Werner Lotze sagt später, man habe sie innerhalb der RAF nicht für kaltblütig genug gehalten.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.