Raubzüge der RAF-Rentner Benzin, Sprengsatz, Zeitzünder

Seit fast 30 Jahren sucht die Polizei nach den ehemaligen RAF-Terroristen Staub, Klette und Garweg. DNA-Spuren zeigen nun: Die RAF-Rentner sollen mehr Raubüberfälle begangen haben als bisher bekannt.

Fahndungsbilder von Garweg (links), Staub
DPA/ Staatsanwaltschaft Verden

Fahndungsbilder von Garweg (links), Staub

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Die beiden Räuber kamen am Tag nach Weihnachten, gegen Viertel nach acht in der Früh. Ein Supermarkt in Bochum-Wattenscheid. Maskiert überrumpelten sie die Kassiererinnen und drangen mit gezückten Pistolen in den Tresorraum ein. Über die Festtage lagerten dort ungewöhnlich hohe Einnahmen, die Angestellten zählten gerade das Geld.

Die Männer rafften ihre Beute zusammen und flüchteten in einem roten VW Passat Kombi. Nach etwa vier Kilometern stellten sie das Auto in einem Waldstück ab und bedeckten es mit einem Tarnnetz. Dann tränkten sie den Wagen mit Benzin, hinterließen einen Sprengsatz mit Zeitzünder und verschwanden. Doch eine Explosion später blieb aus, die Batterie des Zünders streikte.

Das war 2006. Mehr als zehn Jahre blieb der Fall ein Rätsel. Vergeblich wandte sich die Kripo Hagen an die Zuschauer der ZDF-Sendung "Aktenzeichen". Die Ermittler waren überzeugt davon, dass sie ein Trio suchten, ein Dritter musste den Fluchtwagen gefahren haben.

DNA-Spur zum Trio

Erst vor Kurzem gelang der Durchbruch in den Ermittlungen - und zwar dem Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. DNA-Treffer wiesen die Spur zu drei alten Bekannten: zu den Ex-RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, 63, Daniela Klette, 59, und Burkhard Garweg, 49.

"Wir haben den dringenden Verdacht, dass Staub, Klette und Garweg den Überfall in Bochum verübt haben", sagt Chefermittler Matthias Behnke dem SPIEGEL. Wegen einer Reihe von Überfällen auf Supermärkte und Geldtransporter fahndet das LKA bereits seit Sommer 2015 nach dem Trio. Trotz 1400 Hinweisen bisher ohne Erfolg. "Es gibt keine heiße Spur", sagt Behnke.

Seit 1990 lebt das Trio im Untergrund, es soll an mehreren Attentaten beteiligt gewesen sein, zum Beispiel dem Anschlag auf den Gefängnisneubau in Weiterstadt 1993. Als die Rote Armee Fraktion (RAF) sich am 20. April 1998 auflöste, stellten die Drei sich nicht. Was blieb, war ein finanzielles Problem, mutmaßlich das Motiv für die Überfälle. "Es spricht alles dafür, dass es allein um die Geldbeschaffung für den Lebensunterhalt geht", sagt ein Ermittler.

Zwei neue Fälle

Bochum ist Fall Nummer zwei auf der Liste der zwölf Raubzüge, die Ermittler dem Trio inzwischen zuschreiben. Bisher war öffentlich stets von zehn Fällen die Rede gewesen. Ebenfalls neu ist der Umstand, dass die Beamten den RAF-Rentnern auch einen erfolgreichen Überfall auf einen Supermarkt im westfälischen Löhne zuschreiben. Der geschah 2009, einen Tag nach Ostern. Auch dafür gibt es inzwischen DNA-Treffer, wie LKA-Mann Behnke bestätigte. Zur Höhe der Beute machte er keine Angaben.

Erstmals aufgefallen waren die RAF-Rentner im Sommer 1999. Damals sollen sie mit einem Überfall auf einen Geldtransporter in Duisburg gut eine Million Mark erbeutet haben, nach heutigem Wert etwa 650.000 Euro. Der Polizei fiel das Trio dann erst 2015 wieder auf. Damals beschossen drei Vermummte mit Kalaschnikow-Sturmgewehren einen Geldtransporter in Stuhr bei Bremen, mussten aber ohne Beute abziehen. Im Fluchtwagen fanden sich DNA-Treffer zu Staub und Klette. Von beiden haben die Ermittler Vergleichsspuren, die von Garweg fehlen.

Nach dem gescheiterten Raub in Stuhr geschahen bis Ende Juni 2016 weitere Taten, zugleich mehrten sich die Indizien dafür, dass das Trio für bisher ungelöste Fälle infrage kam. Das LKA nahm sich alle vergleichbaren Delikte in Deutschland seit dem Jahr 2000 vor.

Bisher waren die Ermittler davon ausgegangen, dass die RAF-Rentner nach der mutmaßlich ersten Tat erst 2011 wieder zuschlugen. Die neuen DNA-Treffer verändern nun das Bild: Offenbar war die Tatpause nur halb so lang.

Zuständig für die Raubermittlungen sind die örtlichen Staatsanwaltschaften. Ein Schwerpunkt der Taten liegt in Niedersachsen, allein die Staatsanwaltschaft Verden bearbeitet vier der zwölf Fälle, auch wegen versuchten Mordes. Obwohl es um mutmaßliche ehemalige Terroristen geht, hat der Generalbundesanwalt (GBA) die Ermittlungen bisher nicht an sich gezogen.

Im Bundestag regt sich daran Kritik. CDU-Innenexperte Armin Schuster etwa drängt darauf, dass GBA und Bundeskriminalamt (BKA) übernehmen. Es mache "einen Qualitätsunterschied, wenn man die Drei als Terroristen sucht, den Bundesbehörden die Federführung gibt und die Länder sich mit andocken". Er finde "keine salonfähige Erklärung" dafür, Staub, Klette und Garweg als mutmaßliche Räuber zu behandeln - und damit ihre terroristische Vergangenheit kleinzureden.

Bundesanwalt Thomas Beck betonte jüngst in einer Sitzung des Innenausschusses, die Rechtslage verbiete einen solchen Schritt. "Bedauerlicherweise gibt es dafür keine Bundeszuständigkeit, so dass wir leider nicht ermitteln können", sagte Beck. Das LKA in Hannover aber kooperiere eng mit dem BKA. Man könne sich darauf verlassen, "dass alles, was die deutsche Polizei aufzubieten hat, um diese drei Personen zu finden, auch aufgeboten wird".

Lebt das Trio in Deutschland?

In Niedersachsen sinnieren die LKA-Ermittler darüber, warum es so schwierig ist, die drei festzunehmen. "Wahrscheinlich haben sie keinen Kontakt mehr in alte Unterstützerkreise und nutzen keine modernen Kommunikationsmittel", sagt Chefermittler Behnke. Man gehe inzwischen davon aus, dass sie mit einem echten Ausweis unter einer falschen Identität in Deutschland leben - und zwar seit Langem. Ähnlich wie es die Mitglieder der rechtsextremen Terrortruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) über viele Jahre taten.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die RAF-Rentner für die Überfälle ihr Aussehen verändern. Nach den Taten würden sie ihre Maskerade ablegen und die Waffen womöglich in Erddepots aus RAF-Zeiten einlagern, sagt Behnke. "Wir glauben, dass sie in ihrem Lebensumfeld anders aussehen." Eine rasche optische Verwandlung könne auch erklären, dass Öffentlichkeitsfahndungen mit neuen Bildern von Staub und Garweg erfolglos geblieben sind.

Insgesamt soll das Trio, so eine interne Berechnung des BKA, bis 2015 mindestens zwei Millionen Euro geraubt haben. Hinzukommen dürfte die Beute aus dem bisher letzten Überfall am 25. Juni 2016 in Cremlingen bei Braunschweig: mehr als 600.000 Euro.

Damals wären sie fast erwischt worden. Nach einem Hinweis auf Staub im Vorfeld legten sich Ermittler tagelang auf die Lauer. Kurz nachdem sie den Einsatz beendet hatten, schlugen die Täter zu. "Irgendwann werden wir sie kriegen", sagt Chefermittler Behnke. "Es ist eine Frage der Zeit."

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