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Wohllebens Aussage im NSU-Prozess: Über Zschäpe kaum ein Wort

Von Wiebke Ramm, München

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Ralf Wohlleben: Aussage nach zweieinhalb Jahren Schweigen

Es war eine Vorlesung voller Vorwürfe: Ralf Wohlleben belastet im NSU-Prozess vor allem den langjährigen V-Mann Tino Brandt, über Beate Zschäpe hingegen sagt er nicht viel. Aus Sympathie?

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Was Beate Zschäpe wollte, ist Ralf Wohlleben gelungen: Kein Überlebender eines Anschlags, kein Angehöriger eines Mordopfers ist im Saal, als der mutmaßliche NSU-Unterstützer an diesem 251. Verhandlungstag ohne Vorwarnung nach zweieinhalb Jahren sein Schweigen im NSU-Prozess bricht. Informiert waren jedoch offenbar Freunde des 40-jährigen Angeklagten aus der Neonaziszene, die sich an diesem Mittwoch im Oberlandesgericht München unter die Zuhörer mischen, und seine Frau, die neben ihm auf der Anklagebank sitzt.

Wohlleben spricht an diesem Tag fast zwei Stunden lang. An seiner rechtsgerichteten Gesinnung lässt er keinen Zweifel. Er nutzt den Saal als Bühne für Propaganda, er lässt sogar ein Video vor Gericht vorspielen, in dem sich Rechtsradikale als Kapitalismuskritiker darstellen, die gar nichts gegen Ausländer hätten - zumindest solange diese Deutschland fernblieben. Vom "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) und dessen Taten will der frühere NPD-Funktionär bis zu dessen Auffliegen im November 2011 nichts gewusst haben.

Wohlleben liest vom Blatt ab. "Ich bin nicht schuldig im Sinne der Anklage", das sagt er ganz zum Schluss. Er sei "entsetzt" darüber, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zehn Menschen getötet haben sollen. Er sagt: "Ich kann es kaum glauben und habe kein Verständnis dafür."

"Ich bedauere jede Gewalttat"

Er habe Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe bei ihrer Flucht geholfen, das gibt er zu. So hat er ihnen zum Beispiel gleich am Fluchttag, dem 26. Januar 1998, sein Auto zur Verfügung gestellt. Er begründet seine Hilfe damit, dass er mit ihnen seit Jahren befreundet war. Er sagt, er hätte ihnen besser nicht helfen sollen. Wohlleben endet mit den Worten: "Ich bedauere jede Gewalttat, durch die Menschen getötet oder verletzt werden. Den Angehörigen aller Opfer gilt mein Mitgefühl." Er habe sich immer gegen Gewalt ausgesprochen. Wohlleben stilisiert sich und seine Neonazi-Freunde in seiner Aussage immer wieder als Opfer von Angriffen "von sogenannten Antifaschisten", wie er sagt.

Wohlleben muss sich wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen vor Gericht verantworten. Er soll zusammen mit dem Mitangeklagten Carsten S. den NSU-Terroristen die Mordwaffe, die Ceska, beschafft haben. Wohlleben soll Carsten S. laut Anklage beauftragt haben, die Pistole zu besorgen, er soll ihm auch das Geld dafür - 2500 D-Mark - gegeben haben.

Mit der Ceska haben Böhnhardt und Mundlos neun Männer türkischer und griechischer Herkunft erschossen. Dass Böhnhardt und Mundlos die Morde, einen weiteren Mord an einer Polizistin, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle begangen haben, hat auch die Hauptangeklagte Zschäpe vergangene Woche zugegeben. Wohlleben soll die mutmaßlichen NSU-Terroristen noch weiter unterstützt haben. Der Bundesanwaltschaft sieht in ihm eine "steuernde Zentralfigur" im Hintergrund des NSU.

Wohlleben bezichtigt Mitangeklagten der Lüge

Wohlleben gibt zu, dass Böhnhardt ihn einmal gebeten habe, eine Pistole mit Munition zu besorgen, "ein deutsches Fabrikat". Wohlleben sagt, er sei davon ausgegangen, dass sich Böhnhardt damit selbst töten wollte, um notfalls seiner Verhaftung zu entgehen. So hätte dieser es zuvor geäußert.

Wohlleben will dem Wunsch nicht nachgekommen sein. Er habe nicht Schuld an Böhnhardts Tod sein wollen, sagt er. Nach seiner Darstellung soll dann Carsten S. direkt entweder von Böhnhardt oder von Mundlos den Auftrag zum Waffenkauf erhalten haben. Wohlleben jedenfalls will den Auftrag nicht erteilt haben. Carsten S. habe ihm die Waffe mit Schalldämpfer schließlich gezeigt. Wohlleben sagt, er sei "erschrocken" und "verärgert" gewesen, als S. plötzlich mit der Waffe vor seiner Tür gestanden habe. Vor Gericht streut Wohlleben Zweifel, dass es sich dabei tatsächlich um die Ceska gehandelt habe. Die Waffe sei viel klobiger, behauptet er.

Mehrfach belastet Wohlleben auch Tino Brandt, den langjährigen V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. Wohlleben sagt, er sei es nicht gewesen, der Carsten S. die 2500 D-Mark für die Waffe gegeben habe. "Ich gehe davon aus, dass das Geld von Tino Brandt kam." Gegen Ende sagt Wohlleben: Ihm sei "unerklärlich", dass der Staat trotz der ganzen V-Männer in der Neonazi-Szene "angeblich nicht in der Lage gewesen sein soll, die drei nach ihrer Flucht aufzuspüren".

"Herr Wohlleben trägt nicht zur Aufklärung bei"

Nur Beate Zschäpe wird von Wohlleben nicht belastet. In seiner Erklärung bleibt sie eine unbedeutende Randfigur. Über sie sagt er nicht viel mehr, als dass sie eine angenehme Gesprächspartnerin gewesen sei, schlagfertig, "gepaart mit viel Witz". "Mit ihrer offenen und direkten Art war sie mir persönlich sehr sympathisch", sagt er. So sympathisch, dass er ihr auch vor Gericht nicht schaden will? Auch Zschäpe hatte sich in ihrer Erklärung nicht zu den Vorwürfen gegen Wohlleben geäußert.

Die erste und einzige Frage, die Wohlleben bereits an diesem Tag gestellt bekommt, beantwortet er nicht. Opferanwalt Alexander Hoffmann aus Kiel lässt Richter Manfred Götzl fragen, ob Wohlleben denn jetzt das Passwort für eine verschlüsselte Computerfestplatte nennt. Wohlleben tut es nicht. Seine Begründung: Der Inhalt der Festplatte sei identisch mit dem einer unverschlüsselten Festplatte. Warum das ein Grund sein soll, das Passwort nicht rauszurücken, bleibt sein Geheimnis.

Am Donnerstag will das Gericht Wohlleben erste Fragen zu seinen persönlichen Verhältnissen stellen. Danach geht der NSU-Prozess in eine gut dreiwöchige Winterpause. In dieser Zeit wollen sich die Richter, die Bundesanwaltschaft und die anderen Prozessbeteiligte auf weitere Fragen vorbereiten.

Die Reaktionen auf Wohllebens Aussage sind weniger vernichtend als die auf Zschäpes Aussage. Der Münchener Opferanwalt Yavuz Narin, der die Familie des Mordopfers Theodoros Boulgarides vertritt, hält Teile seiner Angaben durchaus für glaubhaft. So müssten nun etwa Wohllebens Angaben zu Tino Brandt vom Gericht überprüft werden.

Nebenklagevertreter Mehmet Daimagüler nennt es eine "hanebüchene Geschichte, dass Herr Wohlleben geglaubt haben will, die Schusswaffe inklusive Schalldämpfer sei für einen eventuellen Suizid Böhnhardts bestimmt gewesen". Der Berliner Anwalt vertritt im NSU-Prozess die Familien von zwei Mordopfern. Er sagt: "Herr Wohlleben trägt nicht zur Aufklärung bei und stilisiert sich zum Opfer. Er sprach von Bedauern aber er bedauerte wohl nur sein eigenes 'Schicksal', nicht das Leid der Opfer des NSU. Für mich bleibt er zu Recht der Beihilfe zum Mord angeklagt."


Zusammengefasst: Ralf Wohlleben, der im NSU-Prozess wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt ist, hat in seiner Aussage die Vorwürfe gegen sich zurückgewiesen. Er habe den Auftrag nicht erteilt, jene Ceska-Pistole zu besorgen, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Menschen erschossen. Wohlleben belastet den langjährigen V-Mann Tino Brandt: Er gehe etwa davon aus, dass das Geld für die Waffe von Brandt gekommen sei. Opferanwälte reagierten kritisch auf die Aussage, einer hielt Teile von Wohllebens Angaben allerdings für durchaus glaubhaft.

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