Raser-Prozess in Köln "Aus der Perspektive meines Mandanten hat es kein Rennen gegeben"

Sie heizten mit zwei Autos durch Köln, einer verlor die Kontrolle, eine Radfahrerin kam ums Leben. Nun sind die beiden jungen Männer zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden - Reue zeigt aber nur einer.

Angeklagte bei Prozessauftakt in Köln (Archiv)
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Angeklagte bei Prozessauftakt in Köln (Archiv)

Von Claudia Hauser, Köln


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Wenige Minuten vor dem Unfall bemerkte ein Lastwagenfahrer die beiden jungen Männer in ihren PS-starken Autos an einer Ampel in Köln-Mülheim. Sie hätten dort mit einer Vollbremsung gestoppt, einer habe an der Stoßstange des anderen gepappt. "Was für Verrückte", habe er sich gedacht.

Mit quietschenden Reifen seien sie dann in den Auenweg abgebogen, wo Erkan F. mit mindestens 95 km/h die Kontrolle über seinen BMW verlor und gegen die Bordsteinkante knallte. Das Auto drehte sich um 180 Grad, schleuderte auf den Radweg gegenüber und erfasste Miriam S., die mit ihrem Rad auf dem Weg nach Hause war. Die 19-Jährige starb drei Tage später.

Auf den Tag genau ein Jahr nach dem schweren Unfall ist nun das Urteil im sogenannten Raser-Prozess vor dem Kölner Landgericht gefallen. Die Richter der 17. Großen Strafkammer verurteilten Erkan F. und Firat M., 23 und 22 Jahre alt, wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen von zwei Jahren beziehungsweise einem Jahr und neun Monaten. Dass die beiden sich zu einem illegalen Rennen verabredet haben sollen, wovon die Staatsanwaltschaft überzeugt war, konnte die Kammer ihnen nicht nachweisen, ein "spontanes Kräftemessen" sei es aber in jedem Fall gewesen.

Zumal Erkan F. selbst zugegeben hatte, seinen Kumpel, der im Mercedes hinter ihm fuhr, nicht habe vorlassen wollen. Es waren aber vor allem die vielen Zeugen, die übereinstimmend beschrieben hatten, wie die Angeklagten an jenem Apriltag in der Stadt unterwegs waren: Mit quietschenden Reifen, Stoßstange an Stoßstange und in einem Affentempo.

Firat M. sorgte sich vor allem um den Mercedes

Vor der Urteilsbegründung wendet sich der Vorsitzende Harald Helmes an die Eltern der Getöteten, die den Prozess als Nebenkläger verfolgt hatten. "Wir sehen, dass Sie sich hier mit Ihren Emotionen nur unzureichend aufgehoben fühlen, aber wir können Ihnen nicht gerecht werden." Schon der Staatsanwalt, der eine Gefängnisstrafe von drei Jahren für Erkan F. gefordert hatte, schickte vorweg: "Kein Verfahren wird in der Lage sein, den Verlust Ihrer Tochter kompensieren zu können."

Gedenken im Auenweg in Köln: Hier geschah der Unfall
DPA

Gedenken im Auenweg in Köln: Hier geschah der Unfall

Marita S., die Mutter des Opfers, bittet nach dem Plädoyer ihres Anwalts kurz um Gehör. Dann schlägt sie einen Ordner auf und hält zwei Fotos hoch, die ihre Tochter zeigen. "Das sind Vorher-Nachher-Bilder", sagt sie. Eins zeigt ihre Tochter als lachende junge Frau, auf dem zweiten liegt sie in der Klinik, ohne Bewusstsein. Als Erkan F. den Blick nach unten richtet, sagt sie: "Ich möchte, dass Sie sich das ansehen, nur einmal." Ihr Mann ist seit dem Tod der Tochter arbeitsunfähig, er hatte im Prozess als Zeuge ausgesagt und beschrieben, dass "die komplette Familie aus dem Leben gerissen wurde". Das Paar hat noch einen Sohn.

Erkan F. hat das alles nicht kalt gelassen. Im Prozess kämpfte er immer wieder mit den Tränen. Zeugen beschrieben, wie er sich nach dem Unfall um Miriam S. gesorgt hatte, ihr helfen wollte. Am ersten Prozesstag zeigte er sich voll geständig. Seinen Verteidiger, Michael Biela-Bätje, ließ er verlesen: "Ich kann nur sagen, dass es mir unendlich leid tut, dass Miriam gestorben ist."

Sein Kumpel Firat M. - auch das beschrieben Zeugen - war dagegen gleich nach dem Unfall auffällig gleichgültig und sorgte sich vor allem um den Mercedes, der seinem Vater gehört.

Ein Polizist beschrieb dem Gericht, dass der 22-Jährige die Beamten bei der Unfallaufnahme darum bat, mit der Sprühkreide vorsichtig zu sein, seine Felgen hätten 3000 Euro gekostet. Der Vorsitzende brachte das am letzten Prozesstag noch einmal zur Sprache, allerdings sei das empathielose Verhalten des Angeklagten allenfalls moralisch bedenklich. Strafverschärfend dürfe es sich nicht auswirken.

Ermittlungsgruppe im Kampf gegen die Raser-Szene

Dass Firat M., der faktisch am Unfall nur mittelbar beteiligt war und abbremste, als der BMW außer Kontrolle geriet, trotzdem eine ähnlich hohe Strafe bekam, begründete der Vorsitzende Richter vor allem damit, dass er durch das dichte Auffahren das Risiko eines Unfalls deutlich erhöht habe.

Firat M.s Verteidiger Sebastian Schölzel hatte einen Freispruch für seinen Mandanten gefordert, weil der seinen Kumpel nicht zum schnellen Fahren angehalten habe. "Aus der Perspektive meines Mandanten hat es kein Rennen gegeben", sagte Schölzel.

Die Kölner Polizei hat gerade erst mitgeteilt, dass die eigens eingerichtete Ermittlungsgruppe im Kampf gegen die Raser-Szene bis mindestens 2017 bestehen bleibt.

Firat M. und Erkan F. haben frühestens in dreieinhalb Jahren die Chance, ihre Führerscheine zurückzubekommen. Eine Zugehörigkeit zu der Szene junger Männer, die sich regelmäßig illegale Rennen in der Stadt liefern, konnte das Gericht ihnen nicht nachweisen.


Zusammengefasst: Bei einem mutmaßlich illegalen Autorennen in Köln ist vor etwa einem Jahr eine Radfahrerin ums Leben gekommen. Nun wurden die zwei jungen Männer wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Dass sie sich zu dem Rennen verabredet hatten, konnte ihnen nicht nachgewiesen werden.

SPIEGEL TV Magazin (13.09.2015)

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